Ungeheuer – Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort

„Vor ein paar Monaten hat mich ein Nebel umfangen, dichter als je zuvor. Ich schlief in den Armen des Ungeheuers. Ich spürte seinen Atem im Nacken, sein schuppiger Bauch hob und senkte sich in meinem Rücken, aber sein Kopf und sein Gesicht waren wie immer unsichtbar.“ S. 104

Es ist fast genau ein Jahr her, dass mit Hanya Yanagiharas 1000-Seiten-Wälzer „Ein wenig Leben“ der vielleicht meistdiskutierte Roman des letzten Jahres erschien. In meiner Wahrnehmung wurde in den letzten Monaten kaum ein Buch gleichzeitig so geliebt und gehasst. Obwohl Adam Hasletts heute bei Rowohlt erschienene Roman sich in vielem sehr von „Ein wenig Leben“ unterscheidet, ja, beide Romane eigentlich kaum vergleichbar sind, kam mir der frühere Roman immer wieder ins Gedächtnis, und wenn auch nur, um für mich selbst abzuklopfen, wie unterschiedlich beide Autoren ein ähnliches Thema angehen und verarbeiten. Beide Romane widmen sich psychischen Krankheiten, beide beobachten dabei vor allem das Umfeld der Erkrankten und das Wirken auf diejenigen, die ihm nahe stehen – ob das nun gute Freunde sind wie bei Yanagiharas Protagonisten Jude, oder die Familie, wie es in „Stellt euch vor, ich bin fort“ der Fall ist. In beiden Romanen gelingt das – auf unterschiedliche Weise – meiner Meinung nach sehr gut. Allen, die mit „Ein wenig Leben“ wenig anfangen konnten, möchte ich Hasletts Roman umso mehr ans Herz legen, da der Roman eben doch ganz anders ist. All das, was an „Ein wenig Leben“ so sehr kritisiert wurde, die Übertreibung, die ewigen Wiederholungen, das unrealistisch Anmutende, bei Haslett gibt es das nicht. Hasletts Roman ist vor allem realistisch und geradeheraus, weniger drastisch, wenn auch in Teilen ebenso schwer zu ertragen.

Als die Amerikanerin Margaret den Briten John in den 60er Jahren heiratet, weiß sie, dass er kurz zuvor in einer psychiatrischen Klinik war. Ihr ist aber nicht klar, was es bedeuten kann, mit jemandem zusammen zu sein, der immer gefährdet sein wird, der den täglichen Anforderungen des Lebens als Ehemann und Vater von drei Kindern zumindest zeitweise nicht gewachsen sein wird. Margaret entscheidet sich für John und bleibt bei ihm. Das Leben der Familie bleibt stets überschattet von der Verfassung des Vaters.

Sie bekommen drei Kinder: den intelligenten, sensiblen Michael, die eigenständige und selbstbewusste Celia und schließlich Alec, der lange seinen Platz sucht. John und Margaret streiten viel, oder vielmehr ist es Margaret, die den Streit sucht, während John sich schweigend verweigert. Die Kinder macht das wütend auf die Mutter. Erst viel später werden sie verstehen, dass beide gleichermaßen zu diesen Situationen beigetragen haben.

Haslett beobachtet die Familie über viele Jahre: Die Familie zieht aus den Staaten zurück in Johns Heimat England und kehrt dann wieder in die USA zurück; Michael, Celia und Alec werden erwachsen. Johns Krankheit tritt mal zurück, mal wieder hervor, alle versuchen ihr Bestes, damit umzugehen. Michael verlässt als Jugendlicher die Familie, nabelt sich aber keineswegs ab. John beobachtet seine Kinder genau und erkennt früh, welches von ihnen ebenfalls das Ungeheuer, wie er seine Depression nennt, in sich trägt – und bleibt doch hilflos. Schließlich ist es die Generation der Kinder, die im Vordergrund steht. Ob John seine Disposition oder die Veranlagung dazu nun vererbt hat oder ob noch andere Faktoren maßgeblich sind dafür, dass das Ungeheuer auch in der nächsten Generation ein Opfer findet, die Frage wird kaum gestellt – leben muss man damit, so oder so.

Haslett gelingt es sehr gut, zu verdeutlichen, wie sehr alle Familienmitglieder davon betroffen sind, wenn einer von ihnen psychisch krank wird. All seinen Protagonisten ist gemein, dass sie helfen wollen und sich verantwortlich fühlen. Das eigene Leben der Geschwister, ihre Entwicklung, ihre Beziehungen leiden: Das, was in der Ursprungsfamilie passiert, hat Auswirkungen auf ihr komplettes Leben. Sie sind immer da, wenn ihre Hilfe benötigt wird, begeben sich früh in eine Co-Abhängigkeit zum Erkrankten. Sie versuchen, zu retten, wieder und wieder. Niemand von ihnen stellt die eigene Rolle ernsthaft in Frage – auch der Betroffene selbst nicht, der weiß, was er seinen Angehörigen zumutet. Liebe lässt keine Wahl.

„Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie unmoralisch Angst ist: Man löscht die Realität anderer Menschen aus, wenn man sie als Palliativ missbraucht.“ S. 187

Haslett lässt alle Familienmitglieder abwechselnd in den Vordergrund treten. Wie differenziert seine Figuren ihre Situation beleuchten und bewerten, wie er dem Leser auf so fesselnde Weise verdeutlicht, was in ihren vorgeht, das ist sehr stark und souverän. Die ganze Dynamik in dieser von der Krankheit schwer getroffenen Familie arbeitet Haslett genauestens heraus, indem er sie alle zu Wort kommen, sie sich gegenseitig beobachten lässt. Wie sie aneinander hängen und sich gegenseitig behindern, sich falsch verstehen, verletzen und Verletzungen mit sich tragen. „Stellt euch vor, ich bin fort“ (im Original eleganter „Imagine me gone“), das ist zu Beginn des Romans der Name eines Spiels, das John sich für seine Kinder ausdenkt: Was würden sie machen, fragt er sie, wenn er nicht mehr da wäre? John weiß, die Frage könnte irgendwann Realität werden.

Letztlich aber will sich niemand vorstellen, dass sie irgendwann nicht mehr alle zusammen, dass nicht mehr alle da sein könnten. Das ist es, worum sie kämpfen, um jeden Preis. Adam Haslett hat einen sehr klugen, fesselnden und auch berührenden Roman geschrieben, der vor allem beobachtet und aufzeigt, wie das Leben mit jemandem ist, der eine psychische Krankheit hat. Was man tun kann und wo Grenzen sind. „Stellt euch vor, ich bin fort“ empfehle ich sehr gern weiter.

Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort, Rowohlt Verlag, 2018, 464 Seiten, 22,95 Euro

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3 Antworten zu Ungeheuer – Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Mir war der Titel bereits in der Vorschau aufgefallen, aber beim Durchblättern der Programme wird man bekanntlich regelrecht überflutet. Dank Deiner wunderbaren Besprechung werde ich den Roman gleich mal auf die Leseliste setzen. Viele Grüße

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