Aufregende Schlichtheit – Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore Band 1: Eine Idee erscheint

Keine Ahnung, wie er das macht. In jedem der Romane von Haruki Murakami finde ich mich nach kürzester Zeit in dieser ganz besonderen Atmosphäre wieder, sozusagen in der „Murakami-Atmosphäre“. All seinen Geschichten ist diese Stimmung zueigen, die so schwierig zu beschreiben ist, – vielleicht ist es der Umstand, dass das Surreale und das Reale beide von vornherein über allem schweben. Nebeneinander und keinesfalls miteinander konkurrierend. Der lang erwartete neue Roman des berühmten Japaners erscheint also heute und wird vermutlich bald die Beststellerlisten anführen. Zu recht? Ich meine ja.

Protagonist ist wie so oft bei Murakami ein eher durchschnittlicher Mann, Mitte 30 und von Beruf Porträtist, den seine Frau gerade nach sechs Jahren Ehe auf denkbar unspektakuläre Weise verlassen und um die Scheidung gebeten hat. Da wird nicht gestritten oder gar geschrieen, nicht um das Mobiliar gekämpft, es geht kein Porzellan zu Bruch. Der Verlassene fügt sich sehr schnell in die neue Situation, setzt sich ins Auto und fährt zunächst ziellos durchs Land, bis er irgendwann in dem leerstehenden Berghäuschen des inzwischen dementen Vaters eines Studienfreundes unterkommt. Porträts malen möchte er nicht mehr – sowieso versteht er sich nicht als Künstler und seine Porträts nicht als Kunst – stattdessen gibt er Malkurse für Erwachsene und Kinder in einer nahen Kleinstadt, um ein bisschen Geld zu verdienen. Ansonsten lebt er in den Tag hinein, trifft niemanden außer zwei Frauen, mit denen er nacheinander sexuelle Beziehungen hat, die aber recht emotionslos bleiben und wartet darauf, was noch geschieht. Bis ihm ein etwas älterer, sehr weißhaariger Mann namens Menshiki über einen Kontaktmann ein übertrieben hohes Honorar bietet, sollte er sich doch noch einmal dazu entscheiden können, ein Porträt anzufertigen, von ihm. Der Protagonist ist neugierig und sagt zu, worauf die Handlung langsam Fahrt aufnimmt. Er ist der Erzähler der Geschichte und bleibt namenlos.

Mehr möchte ich zur Handlung nicht verraten, es lohnt sich meiner Meinung nach, an die Lektüre ohne zu viel Vorwissen heranzugehen. Bei Murakami ist es sowieso zu erwarten, dass unerklärliche Dinge geschehen werden und dass die Figuren diese mehr oder weniger hinnehmen werden, ohne sie allzu lang in Frage zu stellen, auch wenn ihnen bewusst ist, dass sie eben nicht normal sind. Eigentlich ein sehr pragmatisches Verhalten. Und ein Pragmatiker scheint unser Protagonist auch zu sein. Man könnte sagen, er ist farblos wie sein „Vorgänger“ in Murakamis letztem Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ (2014) und andere seiner früheren Protagonisten. Er ist genügsam und passiv, aber keineswegs einfältig oder uninteressant.

Vielleicht fügt sich alles auch deshalb so organisch zusammen, weil Murakamis Sprache genauso ist: Zwar metaphernreich und dennoch schlicht und einfach, von Bandwurmsätzen und Verschnörkelungen hält er nichts. Immer wieder wiederholt Murakamis Ich-Erzähler auch Begebenheiten und Gedanken, was jedoch nie den Eindruck erweckt, dass er dem Leser nicht zutraue, der Geschichte ohne diese Gedächtnisstützen folgen zu können. Unter dieser ganzen Schlichtheit verbergen sich ganz offenbar weitere Schichten, die nach und nach freigelegt werden. Alles ergibt irgendwie einen Sinn beim Lesen, obwohl es keinen Sinn ergibt. Alles scheint ganz einfach zu sein, obwohl es das nicht ist. Murakami löst widersprüchliche Gefühle aus.

„Die Ermordung des Commendatore“ liest sich höchst unterhaltsam und spannend, weil der Autor es versteht, nach und nach eine Frage nach der anderen aufzuwerfen und den Leser so weit zu verwirren, so dass man gar nicht kann, als immer weiterzulesen, bis man viel zu schnell am Ende angekommen ist. Malerei und Musik sind wiederkehrende Themen bei Murakami, mit der Figur des Commendatore würdigt der Autor Mozarts Oper Don Giovanni. Der vom Verlag angekündigte Cliffhanger fällt weniger krass aus, als ich erwartet hatte, dennoch freue ich mich schon sehr auf die Fortsetzung der Geschichte im April. Ein interessanter Beitrag zum Roman, der auch spannende Einblicke in die gelungene Übersetzung von Ursula Gräfe gibt, ist bei masuko13 zu finden. Übrigens ist das Buch auch äußerlich ein Hingucker, wobei es den blauen Farbschnitt nur in der ersten Auflage geben soll, also solltet Ihr nicht zu lange zögern und Euch das Buch zulegen. „Die Ermordung des Commendatore“ ist eins meiner ersten Highlights im noch jungen Lesejahr 2018.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore, Band 1: Eine Idee erscheint, Dumont Verlag, 2018, 480 Seiten, 26 Euro

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4 Antworten zu Aufregende Schlichtheit – Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore Band 1: Eine Idee erscheint

  1. Pingback: Lesen 2018 (1.1) – Andreas Eigenmann

  2. Bri schreibt:

    Murakami scheint ja holistisch zu denken bzw. zu schreiben: alles ergibt einen Sinn, obwohl es keinen Sinn ergibt. Das finde ich gut, das gefällt mir. Hast mich überzeugt mit deiner wirklich sehr schönen Besprechung. Mein erster Murakami also auf der Liste. Danke!! LG, Bri

    Gefällt 2 Personen

  3. Pingback: Aufregende Schlichtheit zum zweiten – Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore Band 2: Eine Metapher wandelt sich | letteratura

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