Das Glück, zu geben – Kent Haruf: Lied der Weite

Im letzten Jahr erschien Kent Harufs Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ bei Diogenes und wurde ein großer Erfolg, ebenso wie die Verfilmung der Geschichte mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen. Es war der letzte von insgesamt sechs Romanen des 2014 gestorbenen US-amerikanischen Schriftstellers. Gerade erschien das erstmals 1999 veröffentlichte „Lied der Weite“ (es gab bereits eine deutsche Übersetzung mit dem Titel „Flüchtiges Glück“ im Jahr 2001). Alle Romane Harufs spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado.

„Lied der Weite“ erzählt von mehreren Personen aus diesem kleinen Ort, deren Geschichten ineinander verschachtelt sind. Der Erzähler widmet sich jeweils einer oder zwei seiner Figuren und begleitet sie ein Stück weit, bevor er sich im nächsten Kapitel jemand anderem zuwendet. Allen voran ist da Victoria, 17 Jahre alt und schwanger. Ihre Mutter will davon nichts wissen und setzt ihre Tochter kurzerhand vor die Tür, die nicht weiß, wohin sie nun gehen soll. Sie wendet sich an die Lehrerin Maggie, die Victoria zunächst bei sich wohnen lässt, jedoch bald gezwungen ist, eine andere Lösung für das junge Mädchen zu finden, da ihr demenzkranker Vater mit der neuen Situation nicht zurechtkommt. Maggie hat die anfangs abwegig wirkende Idee, zwei alte Brüder, die McPherons, zu fragen, ob sie Victoria auf ihrem Hof aufnehmen würden. Die Brüder sagen zu, ohne zu ahnen, was genau da eigentlich auf sie zukommt.

Des Weiteren lesen wir von Guthrie und seinen Söhnen, Ike und Bobby, die so etwas wie das junge Gegenpaar zu den McPherons bilden: Genauso wie sie verbringen sie sehr viel Zeit miteinander. Ike und Bobby leiden unter den psychischen Problemen ihrer Mutter, die die meiste Zeit im Bett liegt und am normalen Leben kaum teilnimmt. Die Ehe zwischen ihr und Guthrie steht vor dem Scheitern. Er ist Lehrer und hat große Schwierigkeiten mit einem seiner Schüler, einem Unruhestifter, der droht, durchzufallen. Guthrie weigert sich, ihm „entgegenzukommen“ und gerät zunächst mit dem Schulleiter, viel mehr aber noch mit den Eltern des Schülers aneinander. Sie sehen sich und ihren Sohn als Opfer und stürzen sich auf Guthrie, statt ihren Sohn zur Rede zu stellen.

Zu Beginn dauert es vielleicht ein wenig, bis man sich eingelesen hat in diese Geschichte, bis man die Figuren kennengelernt hat und mit ihnen warm geworden ist. Haruf lässt sich Zeit, seine Geschichte zu entfalten, manchmal ist es fast behutsam, wie er seine Figuren stets genau beobachtet, beschreibt, was sie tun, was sie sagen. Er vertraut darauf, dass das Geschehen mit der Zeit in seinen Bann ziehen wird, und genauso passierte es mir dann auch: Irgendwann entwickelte der Roman einen unwiderstehlichen Sog, dem ich mich nicht mehr entziehen konnte, und das womöglich nicht trotz, sondern gerade wegen der so unaufgeregten Art und Weise, wie der Autor beschreibt und beobachtet, wie er seine Figuren sich weiter entwickeln läst.

Denn genau das ist es, was sie tun. Und sie tun es durch die anderen, die an ihrem Leben teilnehmen, die es mit ihnen teilen. Nicht nur profitiert etwa Victoria davon, dass die beiden alten Männer sie bei sich aufnehmen und sie so ein Dach über dem Kopf hat, auch die McPherons, die sich zunächst so unbeholfen geben, die so viel Angst haben, etwas falsch zu machen im Kontakt mit dem jungen Mädchen, von dessen Welt sie nichts wissen und verstehen, auch diese beiden also, die immer nur sich hatten, sie bemerken schnell, dass sich in ihrem Haus etwas verändert und dass die Anwesenheit Victorias ihr Leben bereichert, so dass sie sie bald nicht mehr missen wollen.

Auch die anderen Protagonisten in Harufs Roman werden bemerken, was es bewirken kann, wenn man andere Menschen in sein Leben lässt, wenn man anderen hilft. Dass zu geben einen selbst glücklich machen kann, nicht nur demjenigen, dem gegeben oder geschenkt wird. Haruf zeigt das wie nebenbei und sehr unaufgeregt, indem er uns sehen lässt, was er selbst sieht und beobachtet, ohne zu erklären oder zu urteilen. Seine Sprache ist dabei klar, einfach und eindringlich. Die Geschichten seiner Figuren berühren sich dabei immer wieder und greifen ineinander, und dabei ist alles an seinem Platz. Mit „Lied der Weite“ ist Kent Haruf ein sehr klares und lesenswertes Buch über Menschsein und Menschlichkeit gelungen.

Eine weitere Rezension gibt es auf dem Feinen Buchstoff.

Kent Haruf: Lied der Weite, Diogenes Verlag, 2018, 384 Seiten, 24 Euro

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6 Antworten zu Das Glück, zu geben – Kent Haruf: Lied der Weite

  1. Bri schreibt:

    Schön! Auch Du bist überzeugt. Das ist toll. Liebe Grüße, Bri

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