Drei Beichten – Eshkol Nevo: Über uns

Alle Protagonisten in Eshkol Nevos neuem Roman „Über uns“ haben Geheimnisse. Sie wohnen in einem Mehrfamilienhaus, kennen sich mehr oder weniger flüchtig, leben ihr Leben. Die anderen wissen nur bedingt, was hinter der Tür des Nachbarn vor sich geht, jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihr Geheimnis jemandem anvertrauen, der außerhalb ist, der nicht direkt zur Geschichte gehört, wohl aber zum Leben desjenigen, der ihm etwas anvertraut, oder einmal dazu gehört hat.

Zunächst einmal sind da Ayelet und Arnon, Eltern von zwei kleinen Kindern. Das ältere der beiden geben sie ab und zu in die Obhut der Nachbarn, ein älteres Ehepaar, das zu gern auf das Mädchen aufpasst. Doch eines Tages passiert etwas, das die Dinge aus dem Lot bringt und Ayelets und Arnons Ehe auf eine harte Probe stellt. Arnon erzählt seinem Bruder davon in einem Brief. Wie eine Beichte liest sich das, und er gibt seine Geschichte nur häppchenweise preis, hält die Spannung aufrecht, für seinen Bruder wie auch für den Leser.

Chani aus dem Stockwerk darüber hat ebenfalls etwas zu gestehen. Sie wird von den Nachbarn etwas verächtlich die „Witwe“ genannt, obwohl sie keine ist, doch ihr Mann ist ständig auf Geschäftsreisen und mehr unterwegs als zu Hause. Ihr Brief geht an eine Freundin, und sie berichtet wie ihr Nachbar Arnon von einer unerwarteten Begegnung, die ihr Leben und vor allem ihr Inneres durcheinander bringt.

Im dritten Teil des Romans geht es um eine wirkliche Witwe: Dvorah war Richterin und ist nun allein, nachdem ihr Mann vor einigen Jahren starb. In ihrem Leben gibt es aber noch einen weiteren Verlust. Und auch ihr begegnet jemand, der es durcheinander wirbelt. Dvorah schreibt keinen Brief, wie ihre Nachbarn, sie bespricht ihren eigenen Anrufbeantworter, in einer Laune nur „die Antwortbeantworterin“ von ihr genannt, und spricht ihren toten Mann an. Die Geschehnisse betreffen auch ihn.

Nevo lässt seine Protagonisten selbst sprechen bzw. schreiben und beichten. Sie sind allesamt Beispiele dafür, was geschehen kann, wenn man unerwartet jemandem begegnet, zu einer bestimmten Zeit, aus einem bestimmten Grund. Interessant werden die einzelnen Geschichten der Protagonisten durch ihre Möglichkeit zur Selbstreflexion, die sie mal mehr, mal weniger nutzen. Als Leser erfährt man jeweils nur die eine Perspektive, sieht die anderen Beteiligten nur durch die Augen desjenigen, der schreibt und erzählt.

Es geht dabei oft um Scheitern, um Fehler und um das Eingestehen, sie gemacht zu haben. Insofern bietet „Über uns“ Identifikationspotential – es sind sehr menschliche Erfahrungen, die die Protagonisten umtreiben, mit denen sie hadern, mehr oder weniger alltäglich, mehr oder weniger für den Einzelnen, den Leser nachvollziehbar.

Jedoch lesen sich die einzelnen Episoden ein wenig zu sehr wie das, was sie sind: Einzelschicksale, die sich kaum berühren. Ein bisschen zerfällt der Roman dadurch in seine Teile. Ein paar mehr Anknüpfungspunkte hätten dem Roman meiner Meinung nach gut getan. Auch der Lesesog braucht ein bisschen, um sich zu entfalten. Nevos Charaktere sind hier nicht ganz so schnell präsent wie in den beiden anderen Romanen, die ich von dem Autor bereits gelesen habe, „Neuland“ und „Die einsamen Liebenden“. Meiner Meinung nach kommt sein neues Buch an diese beiden Romane nicht ganz heran, gute Unterhaltung mit Tiefgang und Spannung kann man aber auch hier finden.

Eshkol Nevo: Über uns, dtv, 2018, 22 Euro

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4 Antworten zu Drei Beichten – Eshkol Nevo: Über uns

  1. literaturreich schreibt:

    Mir hat auch „Wir haben noch das ganze Leben“ sehr gefallen. Kennst du das? Viele Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Nein, das kenne ich noch nicht, habe es aber irgendwie im Hinterkopf. Mal schauen, wann ich dazu komme, vorerst wahrscheinlich eher nicht… viele Grüße zurück und ein schönes Wochenende!

      Gefällt mir

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  3. Pingback: Das Literarische Quartett: Die Bücher der Sendung am 20.April 2018

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