Abgründe – Anita Nair: Gewaltkette

Dass in Indien in bestimmten Kreisen Korruption und Bestechung keine Seltenheit sind, das weiß man auch dann, wenn man sich nur oberflächlich mit dem Land beschäftigt hat. Über diese Problematik kann man etwa in Suketa Methas „Bombay. Maximum City“ viel erfahren, wobei das Buch über die Metropole Mumbai teils sehr verstörend zu lesen ist, so viel Gewalt und Kriminalität, so viel Abgebrühtheit sind dort zu finden.

Nun spielt Anita Nairs Kriminalroman „Gewaltkette“ (Originaltitel: Chain of Custody) nicht in Indiens bevölkerungsreichster Stadt Mumbai (ca. 18,4 Millionen Einwohner), sondern in Indiens fünftgrößter Stadt Bangalore (ca. 8,5 Millionen). Doch in Sachen Kriminalität scheint Bangalore dem großen Bruder in nichts nachzustehen.

Kommissar Gowda wird zu einem Tatort gerufen: Ein vermögender Anwalt wurde in seinem Haus getötet. Zusammen mit seinen jungen Kollegen Santosh und Ratna sowie Head Constable Gajendra macht er sich an die Auflösung des Falls – doch es gibt viel mehr aufzuklären als einen Mord. Einige Tage vor der Tat verschwand Nandita, die Tochter von Gowas Haushälterin spurlos, und es gilt, sie schnell zu finden, da Gowda und seine Kollegen vermuten, sie könnte in die Fänge eines Menschenhändlerrings geraten sein.

Anita Nair wechselt in ihrem Roman oft die Perspektive, wirft Schlaglichter auf Geschehnisse, die alle, auf welche Weise, bleibt zunächst unklar, miteinander zusammenhängen. Als Leser tappt man lang im Dunkeln, rätselt, wer hier wer ist, wer gut und böse. „Gewaltkette“ lebt vom häufigen Wechsel der Schauplätze und von seinem teils hohen Tempo, so dass das Buch nie langweilig wird.

Allerdings muss man als Leser einiges aushalten. Auch wenn die Beschreibungen der Gewalt nie besonders detailliert und explizit ausfallen, so ist das Grauen doch spürbar – und es geht um Kinder, denen Unvorstellbares angetan wird. Obwohl vieles lediglich angedeutet wird und diffus bleibt, weil Nair uns nur in wenigen Fällen Gesichter und  Einzelschicksale präsentiert, weiß man, hier geschieht Fürchterliches. Und die Geschehnisse sind nicht fiktiv, sondern allzu real: Nair hat zwei Jahre für ihr Buch recherchiert und Menschen begleitet, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, missbrauchte und versklavte Kinder zu retten. Man braucht also starke Nerven für diesen Roman, oder die Fähigkeit, die Wahrheit dahinter nicht zu sehr an sich heran zu lassen.

Kommissar Gowda ist ein typischer Kommissar mit Ecken und Kanten. Einer, der Ehefrau und Geliebte hat und beiden nicht gerecht werden kann, der Probleme mit seinem Sohn hat und mit seiner Vaterrolle. Und natürlich ist er einer, der das Herz am rechten Fleck hat und getrieben ist von dem Wunsch, gegen das Böse anzukämpfen, auch wenn er zuweilen Lust hätte, aufzugeben. Er kann nicht, es würde bedeuten, anzuerkennen, dass die Menschheit schlecht ist. Auch die Charakterisierung der übrigen Protagonisten gelingt der Autorin gut, zum Beispiel dann, wenn die „Bösen“ ihre menschliche Seite zeigen, wenn deutlich wird, es gibt neben Schwarz und Weiß auch noch Grautöne.

Ich lese selten Krimis, zu diesem griff ich recht spontan, und ich wurde nicht enttäuscht. Er hat alles, was ich mir von einem Krimi wünsche: Spannung und gute Unterhaltung, einen Kommissar, der ein Privatleben hat und haben darf, Einblicke in die Abgründe eines Landes, in die Mechanismen, die dort wirken und die gewisse Abläufe möglich machen oder doch zumindest begünstigen. Ein schonungsloses Buch mit einer Spur Hoffnung, daher empfehle ich „Gewaltkette“ gerne weiter.

Anita Nair: Gewaltkette, Argument Verlag, 2017, 352 Seiten, 19 Euro

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