Hingabe, Notwendigkeit und Hoffnung – Dennis Freischlad: Die Suche nach Indien

Dennis Freischlads Buch trägt den Titel „Die Suche nach Indien“, was im ersten Moment vielleicht stutzen lässt, schließlich hat der Autor lange dort gelebt und kennt das Land recht gut, gibt es da wirklich noch etwas zu suchen? Spätestens nach Beendigung der Lektüre ist klar geworden: Unbedingt. Indien ist in seiner Vielschichtigkeit schwer zu greifen. Und Freischlad möchte dem Land so nah wie möglich kommen, es so gut es geht, verstehen.

Der Autor erzählt von einer Reise mit seinem Motorrad, später mit dem Zug, und zeichnet diese chronologisch nach. Er beginnt im Süden, in Pondicherry, durchfährt Kerala und Goa, macht Halt in Mumbai, bevor es weiter geht nach Rajasthan und schließlich nach Varanasi, wo er von einem längeren Aufenthalt unter Pilgern erzählt, direkt am Ganges.

Gleich vorweg: Freischlad schafft es in seinem Buch, den Leser auf wunderbare Weise teilhaben zu lassen an seinen Erlebnissen, ihn quasi mitzunehmen auf seinem Motorrad, das er zärtlich Marlene nennt. Meine Begeisterung für sein Buch hat sicher damit zu tun, dass ich mit der Lektüre kurz nach meiner eigenen Indienreise begann und einige Stationen, von denen er berichtet, selbst besucht habe. Ob es aber nun selbstverständlich ist, dass ich mich in dieser Intensität zurückversetzt fühlte, wie es der Fall war, fällt mir schwer zu beurteilen. Freischlad hat die Gabe, den Leser direkt durch seine Augen blicken zu lassen.

Sein Buch ist sehr lebendig, geprägt von Begegnungen mit den verschiedensten Menschen, denen er sich stets offen nähert. Ihn treibt Neugier an und – das wird sehr deutlich – die Liebe zu dem Land, in dem er sich bewegt und in dem er auch vor der geschilderten Reise schon länger gelebt hat. Seine Gesprächspartner spüren seine Offenheit und sein ehrliches Interesse, weshalb er schnell mit ihnen ins Gespräch kommt und Freundschaften schließt.

Einerseits spricht Freischlad dabei ganz praktische Themen an, den Verkehr zum Beispiel, der sehr chaotisch ist, in diesem Chaos aber dennoch Regeln und Hierarchien folgt, die man kennen sollte, um dort zurechtzukommen, sollte man es wagen, als Europäer aktiv (und nicht nur als Fußgänger) daran teilzunehmen. Oftmals steht aber der Versuch, die Mentalität der Inder zu verstehen, im Mittelpunkt. Indien ist ein Land, das einerseits tief in seinen Traditionen verwurzelt ist, andererseits aber sehr nach der Moderne strebt. Freischlad macht das immer wieder deutlich.

Sehr gefallen hat mir, dass der Autor stets vermittelt, welche Position er selbst einnimmt: Einerseits als einer, der das Land liebt, der aber andererseits auch profunde Kritik übt, niemals von oben herab. Stets bleibt deutlich, er ist der Europäer, der weiße Mann, und egal, wie viel Zeit er in Indien verbracht hat, er tut nie so, als wäre er einer von ihnen. Er will verstehen, einer von ihnen kann er jedoch nicht sein, selbst wenn er wollte.

Freischlad verschließt sich auch spirituellen Themen nicht, zitiert aus der Bhagavad Gita, der wichtigsten hinduistischen Schrift, die als Selbstoffenbarung Krishnas verstanden wird und aus der auch heute noch Lehren für das alltägliche Leben gezogen werden. Der Autor denkt darüber nach, ob das Werk auch heute noch Bedeutung für das Leben der Inder hat und auf welche Weise. Über das Wesen der Menschen und das, was sie von uns unterscheidet, denkt Freischlad immer wieder nach und oft fließen die drei Prinzipien Hingabe, Notwendigkeit und Hoffnung, die er den Indern zuschreibt, in seinen Text und seine Erläuterungen ein.

Dass der Autor nicht nur Journalist ist, sondern auch Lyriker, ist dabei nicht von der Hand zu weisen. Oft stößt man bei der Lektüre auf lyrische, literarische Passagen, vermittelt Freischlad seine Eindrücke anhand von Bildern oder Metaphern. Er setzt diese dosiert ein, so dass es nie zu viel wird, die Lektüre aber sehr bereichert.

„Die Suche nach Indien“ bleibt nicht an der Oberfläche, sondern versucht, das Land Indien und seine Bewohner wirklich zu verstehen und ihnen näher zu kommen. Wer sich für Indien interessiert und mehr sucht als eine eher straffe Abhandlung, wird hier fündig werden. Hätte ich meinen Jahresrückblick nicht schon vor Beendigung von Freischlads Buch veröffentlicht, er hätte sicher einen Platz unter den Top Ten bekommen. „Die Suche nach Indien“ hat mich einerseits noch einmal an selbst besuchte Orte zurückgeführt und mir andererseits viel Neues erzählt, mich immer wieder zum Nachdenken angeregt.

Zusätzlich sind Videos zum Buch über die Verlagsseite abrufbar, so dass man Teile des Gelesenen noch einmal visuell auf sich wirken lassen kann.

Dennis Freischlad: Die Suche nach Indien, DuMont Reiseverlag, 2013, 336 Seiten, 14,99 Euro

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Sachbuch abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s