Zwischen drei Frauen – Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Joachim Meyerhoffs Alter Ego Joachim, um den sich sein Romanzyklus dreht, hat die Schauspielschule absolviert und ein Engagement in Bielefeld bekommen. Er hasst es. Das Theater, die Kollegen, seine Arbeit. Nach einer Premiere lernt er Hanna kennen, eine eigenwillige, intelligente junge Studentin. Die beiden werden ein Paar. Doch Joachim hat sich an anderen Theatern beworben und erhält bald eine Zusage für Dortmund. Nach Ende der laufenden Spielzeit verlässt er Bielefeld und tritt sein neues Engagement an. In Dortmund trifft er auf die Tänzerin Franka, die ganz anders ist als Hanna. Sie ist eine Erscheinung, alle Männer starren sie an, sie ist geradeheraus und doch unnahbar, konsumiert Drogen und zwischen ihr und Joachim funktioniert es vor allem im Bett gut.

Irgendwie kommt es, dass Joachim in eine Dreiecksbeziehung hineinschlittert – selbstverständlich wissen beide Frauen nichts voneinander. Seine irgendwann auftretenden Gewissensbisse argumentiert er vor sich selbst beiseite, so lange es geht. Dann lernt er auch noch Ilse, eine pummelige Bäckerin, kennen. Sie ist bodenständig, und Joachim findet in ihr wieder etwas ganz Anderes als bei Hanna und Franka. Morgen für Morgen sitzt er bei ihr in der Backstube, sie reden und trinken. Sie scheint nicht in seine Welt zu passen, doch Joachim mag gerade das so an ihr.

Dass er irgendwann auf die Nase fallen wird, dass es nicht gut gehen kann, man weiß es von vornherein. In „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ erzählt Meyerhoff von einer Zeit der Orientierung, in der es noch unklar zu sein scheint, wie es beruflich mit ihm weitergehen soll, in der der Protagonist sich noch nicht gefunden hat, nicht weiß, ob er das Theater nun liebt oder hasst. Und in der er mehr und mehr von dem Problem eingenommen wird, wie er sein Lügengebilde aufrecht erhalten soll.

Meyerhoffs unverwechselbare Art zu erzählen, stets voller Selbstironie und mit der Fähigkeit zu Selbstkritik und in seiner zugleich einfachen und komplexen Sprache, in der er stets auf den Punkt kommt, macht auch den vierten und, wie zu hören ist, leider letzten Band seines Romanzyklus zu einem Lesegenuss. An den Vorgänger „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ kommt er aber nicht heran. Das mag vor allem an seinem Thema liegen: Die Geschichte seines Lebens mit zwei bzw. irgendwie drei Freundinnen (Ilse nimmt eher eine nochmal andere Rolle ein) gibt weniger Stoff her, als es die so speziellen, doch liebenswerten Großeltern taten, das rosa Zimmer, in dem er während seiner Schauspielausbildung bei ihnen lebte. Die so gelungene Mischung zwischen Heiterkeit und Melancholie, die den Vorgänger so unverwechselbar macht, sie fehlt hier fast völlig. Und sie würde auch gar nicht zur Geschichte passen, hier stehen andere Dinge im Zentrum. Da das Besondere an Meyerhoffs Roman aber die Erzählweise ist, fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht.

So habe ich auch „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ gern gelesen, trotz des eher nicht so ergiebigen Themas und der Tatsache, dass Hannas Eigenarten, wie zum Beispiel die, mit sich selbst laute Selbstgespräche vor Joachim zu führen, mir ein wenig auf die Nerven gingen. Sie schien mir interessanter sein zu wollen, als sie ist. Andererseits schafft der Autor mit ihr eine Figur, die auf ihre Weise schlüssig ist. Mit Anfang 20 ist man eben noch auf der Suche, auch danach, wie bzw. wer man sein will.

Schade, dass es nun wohl vorbei ist mit Meyerhoffs Zyklus. Hier schreibt einer, der es versteht, sich auszudrücken und mitzuteilen und dabei zu unterhalten. Einer, der beim Lesen zu so etwas wie einem Freund wird, denn er kommt einem sehr nah. Und auch, wenn man sich zuweilen fragt, wie viel des Geschilderten denn nun tatsächlich so passiert ist, entscheidend ist das nicht. Meyerhoffs Geschichten mögen autobiographisch sein, es bleiben Romane. Romane, bei denen die Mischung stimmt.

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2017, 416 Seiten, 24 Euro

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