Schlaglichter auf den Nahen Osten – Fritz Schaap: Hotel Istanbul

Der Journalist Fritz Schaap hat sich in der Vergangenheit durch seine Reportagen einen Namen gemacht. Sie erschienen zum Beispiel in Die Zeit und in der Welt am Sonntag, und er gewann einige Preise mit ihnen.

„Hotel Istanbul“ ist dagegen eine Sammlung von „Stories“, so steht es auf dem Cover, und Schaap schreibt, dass diesen reale Begegnungen zugrunde liegen, die er auf seinen Reisen in den Nahen Osten zwischen 2008 und 2014 gemacht hat. Hier erlaube er sich daher fiktionale Elemente. Bei der Lektüre von „Hotel Istanbul“ habe ich mich immer wieder gefragt, ob es die richtige Entscheidung war, seine Erfahrungen in der Form von Storys zu verarbeiten, oder ob es nicht besser gewesen wäre, Reportagen zu schreiben.

In sieben Storys führt der Autor uns also in die arabische Welt, in die Türkei und nach Israel und erzählt uns von den Menschen, denen er begegnet. Es sind Drogenhändler und Kriegstouristen, Desillusionierte, überhaupt meist Menschen, die abseits stehen. Der Erzähler begegnet ihnen, zieht mit ihnen durch die Nacht, lässt sich aus ihrem Leben erzählen. Er erzählt davon, wie er selbst mithilft, in der Mittagssonne Leichen zu begraben. Von einem schwulen Palästinenser, der keinen Platz hat, an dem er akzeptiert wird, wie er ist. Von einem liebeskranken Freund auf der Suche nach seiner Verflossenen. Es sind ungeschönte Bilder, die vor dem Auge des Lesers vorbeiziehen, immer intensiv und authentisch.

Schaap hat etwas zu erzählen. Die Menschen, denen er begegnet ist auf seinen Reisen, sie geben Stoff her, ihre Lebensgeschichten sind erschütternd, düster, hoffnungslos. Sie zeigen uns Inneneinsichten jenseits der Nachrichtenbilder, auf die wir ohnehin kaum noch reagieren, so abgestumpft sind wir inzwischen. In Schaaps Storys tritt jeweils ein Ich-Erzähler auf – und es fällt schwer, in diesem nicht einfach den Autor zu sehen, man muss sich immer wieder sagen, dass eben nicht alles, was er schreibt, genauso passiert ist. Andererseits tritt der Erzähler kaum in den Vordergrund, ist er eher einer, die mitläuft und beobachtet. Eine Ausnahme hiervon bildet die Geschichte, in der der Erzähler sich in eine Salafistenschule einschleicht und sich als Gotteskrieger-Anwärter ausgibt. Es ist die stärkste Story des Bandes und diejenige, in der der Erzähler etwas mehr agiert, etwas von sich zeigt, zu einer starken Figur in seiner Geschichte wird.

So bin ich zwiegespalten. Ich wollte „Hotel Istanbul“ lesen, da mich der Nahe Osten interessiert, da ich gern immer noch mehr erfahre über diese Region und die Menschen, die dort leben, obwohl ich schon viel dazu gelesen habe. Dennoch glaube ich, Schaap hätte über die in diesem Buch verarbeiteten Erlebnisse lieber in Reportagen, in nicht-fiktionalen Texten schreiben sollen. In den meisten seiner Storys fehlt mir ein eindeutiger Spannungsbogen, oft reihen sich die Begebenheiten bzw. die Erzählungen der Menschen, die er trifft, aneinander. Es sind Momentaufnahmen, und ja, sie sind es unbedingt wert, erzählt zu werden, nur eben auf andere Weise.

Man kann in „Hotel Istanbul“ Neues erfahren, einen neuen, differenzierteren Blick auf den Nahen Osten werfen. Schaap sieht genau hin und redet nicht um den heißen Brei herum, gibt das, was er gesehen hat, wohl recht ungefiltert an den Leser weiter. Daher lohnt sich meiner Meinung nach die Lektüre des Bandes trotz meiner Kritik an der gewählten Form.

Fritz Schaap: Hotel Istanbul, Knaus Verlag, 2017, 272 Seiten, 18 Euro

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