Meine Highlights 2017

Das Jahr 2017 war lesetechnisch ein Jahr, das stark von meiner Stimmung geprägt war. Noch mehr als früher, so kommt es mir vor, war ich ein Stimmungsleser, mutmaßte ich einige Male, es sei der falsche Zeitpunkt für das eigentlich richtige Buch. Vielleicht ist das auch einer der Gründe dafür, dass ich meine Top 10 des Jahres relativ schnell benennen konnte. Natürlich ist so eine Top Ten gnadenlos subjektiv und sie ist es umso mehr, da mein Hauptmaßstab, um in diese Auflistung aufgenommen zu werden, einfach der war, dass das Buch etwas in mir ausgelöst haben musste, dass es mich auch nach Beendigung noch einige Zeit umtrieb.

Da noch einige Rezensionen ausstehen zu Büchern, die ich Mitte des Jahres angekündigt habe, gibt es keinen neuen Ausblick – erstmal will ich abliefern. Auch das Frühjahrsprogramm steht gefühlt schon in den Startlöchern und die ersten Bücher liegen bereit, lasst Euch überraschen.

Nicht alle Bücher meiner Top Ten sind auch 2017 erschienen und die Reihenfolge folgt chronologisch dem Zeitpunkt des Lesens.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Auch wenn ich die Besprechung zu diesem Buch heute anders angehen würde – mein Fazit wäre wohl das Gleiche. Ja, es ist viel, vielleicht zu viel, was uns da zugemutet wird und die Kritik, die an dem Roman immer wieder geübt wurde, kann ich teilweise sehr gut nachvollziehen. Dennoch hat die Autorin es geschafft, mich mit „Ein wenig Leben“ so zu treffen, mich in ihren Bann zu ziehen, wie es seit langem kein Buch geschafft hat. Ihrer Hauptfigur Jude passieren unglaublich viele schlimme Dinge, die Beschreibung dessen, was mit ihm geschieht, seiner psychischen Krankheiten, der ganzen Hoffnungslosigkeit, die aber nie völlig ohne Hoffnung ist, das ist dermaßen intensiv, dass ich mich dieser Wucht nicht entziehen konnte.

Daniel Schreiber: Zuhause

Daniel Schreiber stellt sich in seinem klugen Essayband „Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen“ die Frage, was das eigentlich ist, ein Zuhause, und ob und wie wir jeden Ort dazu machen können. Gleichzeitig beschreibt der Autor in seinem Buch den Weg aus einer privaten Krise. Ein offenes, kluges Buch, das zum Nachdenken anregt.

Yoko Ogawa: Zärtliche Klagen

Ein Titel, der mich nur sehr zögerlich nach dem Buch greifen ließ, so kitschig fand ich ihn. Das Original erschien in Japan bereits vor zwanzig Jahren, die Geschichte ist aber zeitlos. Es geht um einsame Menschen, die versuchen, ihre Einsamkeit zu durchdringen und die Rolle, die die Musik dabei spielen kann. Kraftvoll und melancholisch stellt der Roman die Frage, wie wir leben wollen.

Mathias Enard: Kompass

Enard gewann für seinen Roman „Kompass“ im Jahr 2015 den Prix Goncourt und das meiner Meinung nach völlig zurecht. Die Geschichte des Musikwissenschaftlers Franz Ritter, der sich in einer schlaflosen Nacht an seine große Liebe Sarah erinnert und die nebenbei das fast enzyklopädische Wissen seines Protagonisten (und somit seines Autors) zutage fördert, mag zuweilen eine Herausforderung sein, ist aber für denjenigen, der sich für die orientalische Welt und ihr Verhältnis zu unserer „westlichen Welt“ interessiert, ein Vergnügen, bei dem er außerdem sehr viel lernen kann. Ein Roman zum Wiederlesen.

Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

Im Wissen, dass die indische Autorin einen neuen Roman veröffentlichen würde und auch deshalb, weil mein lang gehegter Wunsch, einmal Indien zu besuchen, endlich begann, Gestalt anzunehmen, las ich ihren Erstling nach 20 Jahren ein zweites Mal. Und wurde ebenso verzaubert, wie bei meiner ersten Lektüre. Eine Familiengeschichte voller Tragik, aber auch voller Schönheit, in einer wunderbaren Sprache. Leichter zugänglich als ihr ebenfalls empfehlenswerter neuer Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“, der sperriger daherkommt, aber auf andere Weise überzeugt.

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Nachdem ich mit Meyerhoffs „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ nicht recht warm wurde, hat dieser dritte Teil seines Romanzyklus mich kalt erwischt. Die Geschichte über seine Zeit auf der Schauspielschule, als er bei seinen geliebten, aber etwas speziellen Großeltern wohnte, ist witzig und melancholisch zugleich, eine perfekte Mischung. Ein sehr warmherziges Buch, das ich ganz wunderbar fand. Wie viel von dem Geschriebenen wirklich so passiert ist? Absolut zweitrangig.

Mohsin Hamid: Exit West

Der pakistanische Schriftsteller Mohsin Hamid wurde quasi ohne dass ich es bemerkte zu einem meiner Lieblingsschriftsteller. Einer, der kühne Ideen hat, wie zum Beispiel hier, als er einer eigentlich nur zu realen und schockierenden Geschichte um zwei junge Flüchtlinge einfach ein surreales Element hinzufügt: Geheimnisvolle Türen, die denjenigen, der hindurchgeht, an einen völlig anderen Ort katapultiert. Ein Buch über Migration und somit über eines der größten Themen unserer Zeit. Und darüber, dass es uns alle angeht.

Peter von Becker: Céleste

Ein Roman, der meiner Empfindung nach zu wenig besprochen wurde, der in der Flut der Neuerscheinungen in diesem Jahr ein wenig untergegangen ist. Ein leises Buch, unspektakulär vielleicht, aber von einer Kraft, die sich nach und nach entfaltet. Fünf Episoden werden erzählt, nicht immer chronologisch, deren Zusammenhang erst im Laufe der Zeit deutlich wird. Die Protagonisten sind sowohl Künstler als auch Reisende. Ein kleiner, feiner Roman.

Salman Rushdie: Golden House

Tatsächlich der Roman des britisch-indischen Autors, der mir von allen, die ich von ihm gelesen habe, am besten gefallen hat. Spannend und klug, von einem, der es versteht, Geschichten zu erzählen. Ein Roman über das Amerika von heute und über den Menschen an sich und seine Schwächen, prall gefüllt und voller Humor. Ein Buch, das mir noch lange nachging.

Kamila Shamsie: Home Fire

Der Roman stand auf der Longlist zum Man Booker Prize und ist bei uns bisher weder erschienen noch angekündigt. Ein starker Roman über Politik und Privates und was passiert, wenn sich beides nicht trennen lässt, über die Liebe und über Terrororganisationen. Eine Geschichte mit starken Charakteren. Sehr aktuell.

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5 Antworten zu Meine Highlights 2017

  1. portfuzzle schreibt:

    Da ist einiges dabei, was mich auch sehr interessiert. Danke für die vielen anderen Tipps. Dazu noch eine Empfehlung von mir. Markus Orths Roman über Max Ernst. Großartig geschrieben über einen der wichtigsten Künstler unserer Zeit.

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    • letteratura schreibt:

      Das Buch ist mir schon begegnet, aber so richtig auf dem Radar hatte ich es nicht. Muss ich mir mal näher anschauen, danke für den Tipp!

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  2. literaturreich schreibt:

    Der Gott der kleinen Dinge und die Lücke sind Bücher, die ich schon früher gelesen habe, die aber immer noch zu meinen Favoriten gehören. Und den Kompass und das Golden house schiebe ich schon viel zu lange vor mir her. Ich wünsche dir Frohe Weihnachten und grüße herzlich, Petra

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    • letteratura schreibt:

      Den Gott der kleinen Dinge kannte ich ja auch schon und bei Meyerhoff hatte ich gezögert, weil ich mit dem Vorgänger irgendwie nicht warm wurde. Ich wollte aber alles aus diesem Jahr berücksichtigen, egal, wann erschienen. Ich wünsche Dir auch schöne Feiertage, viele Grüße!

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  3. Constanze Matthes schreibt:

    Eine sehr schöne Mischung. „Ein wenig Leben“ hat mich sehr berührt. „Céleste“ liegt noch auf dem Stapel und Enards Roman ist im Hinterkopf abgespeichert. Und dann sind noch einige interessante Tipps dabei. Viele Grüße und vielen Dank

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