Unsere vielen Rollen – Eva Menasse: Quasikristalle

Jeder von uns ist eine(r) und viele gleichzeitig. Wir alle nehmen verschiedene Rollen ein, jeden Tag, viele Male. Wir sind Kind unserer Eltern, Freund oder Freundin, Arbeitskollege bzw. Arbeitskollegin. Wir sind später vielleicht Mutter oder Vater. Ferner betrachtet sind wir im Leben anderer Menschen Kunde, Patient oder jemand, der ihnen auf der Straße begegnet. Immer gibt es die Innensicht, glauben wir, uns zu kennen, stets der oder die Gleiche zu sein. Es gibt aber auch den anderen, der womöglich eine ganz andere Sicht auf uns hat, die sich durch die Beziehung definiert, in der wir zu ihm stehen. Ein Verwandter sieht andere Facetten von uns als unser Arzt, der eine professionelle Sicht auf uns hat, nach Feierabend aber kaum mehr einen Gedanken an uns verschwendet. Und wir verhalten uns auch unterschiedlich, zeigen jedem dieser Menschen andere Seiten von uns.

Eva Menasse hat aus dieser Erkenntnis, dass wir, dass unsere Person, sich aus vielen verschiedenen Personen zusammensetzt, aus den Rollen, die wir täglich einnehmen, einen klugen und unterhaltsamen Roman gemacht.

Ihre Hauptfigur ist Xane, die wir auf ihrem Lebensweg chronologisch begleiten. Zu Beginn ist sie ein Teenager, am Ende eine alte Frau. Xane ist dabei zugleich stets Haupt- und Nebenfigur, steht doch jeweils der- bzw. diejenige im Vordergrund, in deren Leben Xane gerade eine Rolle spielt. So setzt sich nach und nach das Bild von Xane zusammen, die zunächst Kind und Freundin, später selbst Mutter, Geliebte, Nachbarin ist. Pro Kapitel widmet Menasse sich einer anderen Beziehung in Xanes Leben, charakterisiert sie neu. Manchmal erkennt man als Leser die Xane aus früheren Kapiteln wieder, manchmal erscheint sie einem wie eine neue Figur, die in den Roman Einzug erhält.

Jedes Mal wird man neu in einen neuen Kontext geworfen und manchmal hatte ich den Gedanken, ebenso wie einen Roman eine Ansammlung von Kurzgeschichten zu lesen, aber natürlich greift das viel zu kurz. Trotzdem war es so, dass einige Settings, einige der Protagonisten mir näher waren als andere, einige Episoden zugänglicher, was aber vermutlich nicht ungewöhnlich ist. Der erfrischende Kniff in Menasses Roman ist meiner Meinung nach, dass Xane fast nie selbst die Hauptfigur des Kapitels ist, dass wir unser Wissen, unsere Eindrücke über sie fast ausschließlich von außen erhalten. Bewusst wird auch immer etwas ausgespart, hat das Bild, das wir beim Lesen bekommen, immer Leerstellen. Lücken, die den Roman interessanter machen, wenn man als Leser selbst ein Stück weit gefordert wird, gleichzeitig auch die Freiheit hat, Dinge so zu verstehen, wie man es möchte.

Ein wenig schafft diese Herangehensweise auch Distanz zur Hauptfigur, dennoch hat man im Laufe der Lektüre das Gefühl, Xane immer besser kennenzulernen. Menasse schreibt darüber hinaus souverän und auf den Punkt, oft erhellend über diese Frau und ihr Leben. Xane ist eine berufliche erfolgreiche Frau, eine, der im Leben Dinge passieren, keine Langweilerin. In einer Kritik wurde sie ironisch als „Superfrau“ bezeichnet, was man vielleicht so sehen kann, andererseits möchte man keine 08/15-Geschichte über eine Langweilerin lesen. Letztlich ist Xane aber nicht so anders, nicht so viel großartiger als die meisten von uns, wir können uns in ihr wieder finden, uns ein Stück weit identifizieren. Menasses Herangehensweise macht Xane interessant, zeigt ihre Vielschichtigkeit.

„Quasikristalle“, so ergab eine schnelle und womöglich nicht repräsentative Internetrecherche, kam in den Feuilletons nicht sehr gut weg, wurde teilweise harsch kritisiert, man wurde oftmals nicht mit dem Buch warm, warf ihm ein „überformalisiertes Gerüst“ vor (in der Süddeutschen Zeitung) oder fand die Erkenntnisse des Romans schlicht unspektakulär. Ich empfinde das anders: Ein Leben ist nun auch nicht immer und überall spektakulär, Erkenntnisse darüber können klein und nichtig, trotzdem wahr und erhellend sein, auch wenn man das eine oder andere schon einmal erlebt, gelesen oder gedacht hat.

So bleibt mir nur, mit den Worten Ijoma Mangolds zu enden, der den Roman in Die Zeit gut besprochen hat: „Besser als in Quasikristalle lässt sich Erkenntnis und Vergnügen nicht abmischen.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Eva Menasse: Quasikristalle, btb Taschenbuch, 2014, 432 Seiten, 10 Euro

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7 Antworten zu Unsere vielen Rollen – Eva Menasse: Quasikristalle

  1. dagmaregeroffel schreibt:

    Danke für den Tipp, das will ich lesen!

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  2. Scherbensammlerin schreibt:

    Vielleicht greife ich ein zweites Mal zu diesem Buch. Habe es angefangen und wurde nicht warm damit. Aber wer weiß, möglicherweise war ich nur ein nicht passendes Selbst, als ich das Buch aus dem Regal geholt habe…

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  3. thursdaynext schreibt:

    Eine wunderbar gelungene warme Besprechung, die das Buch ehrlich verdient hat. Ich war damals hingerissen und – wie öfters – irritiert von den abschätzigen Feuilleton Urteilen. Freue mich umso mehr, dass du es zu schätzen wusstest.
    Ein wunderbares Wochenende und beste Grüße

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