Bäumchen wechsle Dich – Iris Murdoch: Ein abgetrennter Kopf

Im Jahr 2001 kam der Spielfilm „Iris“ von Richard Eyre mit Judi Dench in der Rolle der anglo-irischen Schriftstellerin Iris Murdoch (1919 – 1999) heraus. Nach dieser ersten Begegnung las ich zum ersten Mal einen oder zwei Romane von ihr. Ich habe sie in bester Erinnerung und las nun zum ersten Mal seitdem wieder ein Buch von Murdoch, den neu im Piper Verlag aufgelegten Roman „Ein abgetrennter Kopf“.

Die Geschichte dreht sich um eine Handvoll Personen und ihre amourösen Verstrickungen. Erzählt wird sie in der Ich-Perspektive von Geschäftsmann Martin, der sich zu Beginn gerade von seiner Geliebten Georgie verabschiedet, bevor ihm seine Frau Antonia zu Hause verkündet, dass sie ihn verlassen will für ihren Therapeuten Palmer, der aber gleichzeitig ein gemeinsamer Freund des Paares ist. Martin reagiert zwar überrascht und bestürzt, bleibt nach außen aber relativ gelassen und meidet die beiden daraufhin nicht etwa, vielmehr treffen sie sich und beteuern einander, dass sie wie Erwachsene miteinander umgehen und in freundschaftlichem Kontakt bleiben wollen.

Doch dabei bleibt es nicht. Weitere Figuren bevölkern die Geschichte: Neben der jungen Georgie, für die Martin jetzt frei wäre, der aber dann doch eigentlich nicht frei sein will, treten noch Martins Geschwister Rosemary und Alexander auf, sowie Palmers Schwester Honor. Im Laufe der Zeit kommen weitere Verfehlungen und Geheimnisse der Protagonisten zutage und vor allem Ich-Erzähler Martin legt vor dem Leser seine spontan und impulsiv wechselnden Gefühle für die verschiedenen Frauen radikal offen. Immer direkt, immer von einer vermeintlich schonungslosen Ehrlichkeit, immer mit ein bisschen oder ein bisschen mehr Drama.

Diese Ehrlichkeit beteuern die Figuren auch untereinander. Man will sich abgeklärt geben, vernünftig reagieren, sich keine Szenen machen, vor allem verspricht man sich immer, offen zu sein, jedoch ist keiner in der Lage, dieses Versprechen letztlich auch zu halten. Niemand scheint hier nicht zu lügen. Murdoch führt ihre Protagonisten in der Hinsicht schonungslos vor, zeigt, dass sie alle an ihren Ansprüchen scheitern. Ein wenig kommen sie einem wie Marionetten vor, angetrieben von einer äußeren Macht, ihren romantischen Gefühlen schutzlos ausgeliefert. Murdoch wahrt Distanz, schreibt durchgehend mit bissiger Ironie, weshalb die Dramatik, der die Figuren ausgesetzt sind und auch der Schmerz, der ein Verlassenwerden auslöst, zwar dargelegt wird, aber beim Leser nur wenig Empathie auslöst: Das Leid der Protagonisten fühlt man nicht mit – soll man nicht mitfühlen, alles ist immerzu ein wenig eine Karikatur. Übertrieben. Chaotisch. Sie sind flatterhaft, diese Menschen; was sie Liebe nennen, ist viel zu vage, zu wenig greifbar, vielleicht auch zu gewöhnlich für ein so großes Wort.

Gerade das Zuviel war auch das, mit dem ich bei der Lektüre von „Ein abgetrennter Kopf“ Probleme hatte. Dieses immer mehr an Tempo zulegende „Bäumchen-wechsle-Dich-Spiel“, in dem letztlich fast jeder mit jedem angebändelt hatte, begann mich zu langweilen, das Chaos, in das die Geschichte zwangsläufig abdriftete, war einfach nicht nach meinem Geschmack. Eine Kritik, die ich aber der Autorin kaum ankreiden kann, denn sie schreibt mit beispielloser Souveränität und behält stets alle Fäden sicher in der Hand. Ihre Dialoge sind pointiert und schnell und bissig. Ein bisschen böse und voller Ironie erzählt sie ihre Geschichte, in der alles zu jeder Zeit an seinem Platz ist. Über Protagonisten, denen sie dann doch verbunden zu sein scheint, bei aller Schonungslosigkeit.

Murdochs Roman unterhält auf Niveau und zeigt, warum sie immer noch hohes Ansehen genießt und man ihre Romane weiter lesen sollte. Ich werde das tun, in der Hoffnung, dass sie das nächste Mal wieder genauer meine Lesevorlieben treffen wird. Und wer mit chaotischen Geschichten und schonungsloser Übertreibung weniger Probleme hat als ich, sollte auch hier zugreifen: „Ein abgetrennter Kopf“ ist ein gutes Buch einer Autorin, die wusste, was sie tat und deren Werk sicherlich mit Gewinn wieder zu entdecken ist.

Iris Murdoch: Ein abgetrennter Kopf, Piper Verlag, 2017, 336 Seiten, 24 Euro


2 Gedanken zu “Bäumchen wechsle Dich – Iris Murdoch: Ein abgetrennter Kopf

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.