Die 70er Jahre und der Versuch, erwachsen zu werden: Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege

Lila und Elena sind erwachsen geworden. Lila hat ihren Mann verlassen und schlägt sich mit ihrem kleinen Sohn durch, arbeitet in einer Fabrik, lebt mit Enzo, einem alten Freund von früher, platonisch zusammen. Elena dagegen hat Neapel und den Rione verlassen, einen Roman veröffentlicht, in dem sie auch autobiographische Geschehnisse verarbeitet hat. Schließlich heiratet sie Pietro, einen Intellektuellen, bekommt Kinder, versucht, weiter zu schreiben. Der Kontakt zwischen ihr und Lila bricht teilweise ab, besteht dann lange hauptsächlich über das Telefon, erst viel später begegnen sich die beiden wieder. Beide gehen nun wirklich zum ersten Mal getrennte Wege.

Alle Vorzüge aus den beiden Vorgängerromanen „Meine geniale Freundin“ und „Die Geschichte eines neuen Namens“ lassen sich auch im dritten Teil des Zyklus „Die Geschichte der getrennten Wege“ wieder finden: Ferrantes atmosphärische Schilderungen zum Beispiel, die sich jetzt nicht mehr nur auf Neapel beziehen, sondern auch auf Elenas Leben in Florenz, in einem Milieu, das mit dem ihrer Kindheit rein gar nichts zu tun hat, in dem sie aber unbedingt zurechtkommen, dazu gehören will, ihre Vergangenheit so gut es geht, abstreifen möchte – was auch ihre Mutter bemerkt und ihr immer wieder vorwirft: Sie halte sich wohl für etwas Besseres. Ganz gelingt Elena dies nie, immer wieder gibt es etwa Situationen, in denen sich zum Beispiel ihr Dialekt wie von selbst an die Oberfläche spielt, sie ihr so gut antrainiertes Hochitalienisch zu vergessen scheint. Aber es ist nur die Sprache, die ihr selbst und auch dem Leser verdeutlicht, dass sie aus anderen Verhältnissen kommt. Sie kämpft stets an gegen ein Gefühl der Unzulänglichkeit, scheint sich erst recht viel aufzubürden, um sich zu beweisen, dass sie es geschafft hat.

Generell ist es eine Stärke der Autorin, ihre Figuren mit wenigen Worten zu charakterisieren, vornehmlich in den Dialogen des Romans. Einige Male war ich von der Rohheit, mit der da miteinander umgegangen wird, mit dem so offensichtlichen Willen, einander zu verletzen, von der wie aus dem Nichts auftauchenden vulgären Sprache, mit der die andere angegangen wird, überrascht und vor den Kopf gestoßen. Bei jeder Romanlektüre liest man sich selbst ein Stück weit mit, bin ich überzeugt, und so kam ich nicht umhin, mich zu fragen, ob ich diese letztlich ja doch so starke Freundschaft zwischen den beiden Hauptfiguren im wahren Leben für vorstellbar halte. Und das liegt nicht nur an der Konkurrenz zwischen den beiden, die schon in den vorigen Büchern immer wieder zu Tage trat, eine Konkurrenz, die hier noch weit stärker ausgeprägt ist, und die in einem gewissen Maß sicher normal und vielleicht sogar ein Stück weit gesund ist. Vielmehr ist es die so offensichtliche Missgunst, sind es die schlechten Gedanken und Wünsche, die Elena gegenüber Lila hegt (da der Leser Lilas Gedanken nicht bzw. nur zum Teil kennt, kann man nur vermuten, dass es andersrum ähnlich ist), die diese Freundschaft so schwierig macht. Letztlich gibt es aber etwas, das so stark ist, dass es die beiden trotzdem zusammenhält, und das Elena Ferrante durchaus schlüssig zu vermitteln weiß.

Ganz nebenbei lässt Ferrante im dritten Teil des Zyklus die 70er Jahre vorbeiziehen, Demonstrationen, Politik, Terrorismus. Die Zeitgeschichte spielt immer wieder in den Roman hinein, rundet das Bild ab, das sowohl von Italien als auch vor allem von den Figuren der Geschichte gezeichnet wird. Wir erleben auch, wie schwierig es für Elena ist, sich zu emanzipieren – ihr Ehemann hält sich für fortschrittlich, letztlich steht sie dann aber doch in dem Versuch, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen, recht allein da.

Trotz dieses insgesamt positiven Eindrucks von „Die Geschichte der getrennten Wege“ habe ich für die Lektüre des Romans ungewöhnlich lang gebraucht: Die Geschichte entwickelte zu fast keiner Zeit einen Sog, wie ich ihn zumindest teilweise von der Lektüre der Vorgängerromane in Erinnerung habe. Wie schon bei „Die Geschichte eines neuen Namens“ fehlte mir ein eindeutiger Spannungsbogen. Oftmals empfand ich die Schilderungen der Ich-Erzählerin Elena als Aneinanderreihung von Episoden, die wie aufgezählt wirken, was mir die Lektüre erschwerte.

Trotzdem bin ich gespannt auf den letzten Teil, der für Februar angekündigt ist, und der auch den Kreis schließen sollte in der Rahmenhandlung, die zu Beginn des ersten Romans ihren Ursprung hat. Wie wird das Verhältnis zwischen den beiden Frauen, wie ihre Freundschaft am Ende aussehen? Wird das Konkurrenzdenken das prägende Element bleiben? Bald werden wir es wissen. Ich freue mich darauf.

www.elenaferrante.de

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege, Suhrkamp Verlag, 2017, 540 Seiten, 24 Euro

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