Seinen Platz finden – Jhumpa Lahiri: Der Namensvetter

Vor kurzem habe ich mir einen Traum erfüllt und endlich Indien bereist. Im Vorfeld habe ich nach passender Lektüre gesucht. Viel Zeit zu lesen hatte ich nicht – es gab so viel zu sehen, zu erfahren und aufzusaugen – es war ein einziges, großartiges Erlebnis – aber einen Roman habe ich dann doch geschafft: Jhumpa Lahiris „Der Namensvetter“.

Der Roman erschien bereits 2003, eine Verfilmung gibt es auch, die ich aber nicht kenne. Hauptfigur ist Gogol, der seinen Namen dem Schriftsteller zu verdanken hat. Seinem Vater hat er einst viel bedeutet. Seine Eltern lebten seit kurzem als bengalische Einwanderer in den USA, als Gogol geboren wurde. Seinen Namen sollte eigentlich seine Urgroßmutter aussuchen, die diesen in einem Brief an ihre Enkelin Ashima, Gogols Mutter, von Indien aus verschickte. Der Brief kam nicht an, und irgendwann blieb Ashima und Ashoke nichts anderes übrig, als sich selbst zu entscheiden. Zu diesem Zeitpunkt war ihr Sohn für alle längst nur Gogol, was eigentlich ein Spitzname sein sollte, sein offizieller Name Nikhil setzte sich nicht durch. Gogol aber begann, seinen Namen zu hassen, hatte das Gefühl, dass dieser ihn zum Außenseiter machte. Als er später aufs College geht, wo er ein unbeschriebenes Blatt ist und ihn niemand kennt, beschließt er, nur noch Nikhil heißen zu wollen.

Der Namenswechsel hat für Gogol eine tiefgreifende Bedeutung: Seit seiner Kindheit hat er versucht, sich von seiner bengalischen Herkunft zu distanzieren. Während seine Eltern, vor allem seine Mutter, stets versuchen, ihre Traditionen aufrecht zu erhalten und ihm so viel wie möglich von ihrer Kultur mitzugeben, versteht Gogol sich als Amerikaner und möchte auch gar nichts anderes sein. Lange Urlaube in Kalkutta während seiner Kindheit hat er eher zwiespältig in Erinnerung, Indien ist ihm irgendwie lästig, für ihn ist es nicht das, was es für seine Eltern ist – und kann es wohl auch gar nicht sein. Gogol lebt, wie er will, baut Distanz zu seinen Eltern auf, hat amerikanische Freundinnen, die alten Traditionen bedeuten ihm nichts. Bis sich durch einen tiefen Einschnitt alles für ihn ändert und er beginnt, sein Leben zu überdenken.

In „Der Namensvetter“ gelingt es Lahiri gut, darzustellen, wie unterschiedlich die Erfahrungen ihrer Figuren sind und wie sehr ihre Herkunft und Sozialisation sie prägen. Dabei zeigt sie Gogol stets als Gegenpart zu seiner Mutter Ashima. Sie hat jung geheiratet, ihren Mann bis zur Hochzeit nicht gekannt, auch sonst niemanden in Amerika, sich verloren gefühlt und immer Sehnsucht nach Kalkutta gehabt. Sie hatte lange große Schwierigkeiten, sich in den USA wohlzufühlen, das Land als zu Hause zu empfinden, während Gogol im Gegenteil die Verbindung zu Indien nicht recht spürt. Erst als er selbst erwachsen ist, beginnt er zu verstehen, was es für seine Eltern bedeutet haben muss, Indien zu verlassen und sich ein neues Leben in einem Land aufzubauen, das nicht das ihre war.

Lahiri erzählt die Geschichte Gogols und seiner Familie ruhig und voller Empathie für ihre Protagonisten, macht stets deutlich, wie sie empfinden, warum sie handeln, wie sie es tun, ohne den Leser in eine Richtung zu drängen. „Der Namensvetter“ kommt ohne Knalleffekte aus, versteht sich eher als Studie des Charakters Gogols und seiner Entwicklung. Seiner Entwicklung bezüglich seiner Herkunft, seines Zwiespalts zwischen den alten Traditionen, die er nicht komplett verleugnen kann und dem Wunsch, ein modernes, amerikanisches Leben zu führen. Seiner Suche nach sich selbst. Ein nachdenkliches und warmherziges Buch.

Jhumpa Lahiri: Der Namensvetter, btb Taschenbuchverlag, 2007, 349 Seiten, zur Zeit vergriffen

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