Trauer und Zuversicht – Colm Tóibín: Das Feuerschiff von Blackwater

Es gibt Autoren, deren Romane bei mir bei jeder Begegnung mit einem neuen Werk ein Gefühl von Nachhausekommen auslösen – egal, welche Geschichte erzählt wird. Nach meiner Lektüre des dritten Romans des irischen Schriftstellers Colm Tóibín bin ich sicher, dass er sich endgültig in die Reihe derer einfügt, bei denen mir das so geht. Andere Beispiele sind die Romane Hanns-Josef Ortheils, die stets von einer ruhigen, lebensbejahenden Atmosphäre getragen sind, in der ich mich wohlfühle, und auf völlig andere Weise ist jeder neue Eintritt in die Welt Haruki Murakamis ein bisschen so, als würde ich eine bekannte, eine befreundete Welt betreten (obwohl die Welt bei Murakami paradoxerweise ja meist so gar nicht „bekannt“ ist, aber das ist ein anderes Thema). Auch Tóibíns Romane sind im Kern optimistisch und lebensbejahend, obwohl seinen Protagonisten oft Schweres widerfährt oder sie zumindest nicht immer ein leichtes Leben haben.

So ist es auch in seinem 1999 erschienenen Roman „Das Feuerschiff von Blackwater“. Hauptfigur ist Helen, verheiratet, Mutter von zwei Söhnen. Sie führt ein Leben, mit dem sie im Großen und Ganzen zufrieden ist. Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist kompliziert und sie hält sie auf Distanz. Ihre Kinder haben die Großmutter noch nicht einmal kennengelernt. Nun aber erfährt Helen, dass ihr Bruder Declan todkrank ist und sich wünscht, ins Haus seiner Großmutter gebracht zu werden. Dort sitzen nun abwechselnd Helen, ihre Mutter und Großmutter, sowie zwei Freunde Declans um sein Bett, im Wissen, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt. Die alten Wunden werden aufgerissen, vor allem zwischen Helen und ihrer Mutter ist Einiges ungeklärt. Persönliche Geschichten kommen auf den Tisch, auch Paul und Larry haben dazu etwas beizutragen.

Der Plot ist keineswegs neu: Das Aufarbeiten alter Konflikte am Sterbebett eines Familienmitglieds, das gab es nun wirklich schon öfter. „Das Feuerschiff von Blackwater“ überzeugt durch die Art und Weise, wie Tóibín seine Geschichte erzählt, nämlich in seiner ganz eigenen, unaufgeregten, geduldigen Art und Weise, als hätte alles in seinem Roman seine Zeit, die der Autor mit seinem unfehlbaren Gespür stets genau erkennt. Wir lesen über eine Familie aus starken Persönlichkeiten, Menschen, die aneinander hängen, doch andererseits genau wissen, was sie wollen und brauchen, was manchmal auch das Bedürfnis nach Distanz bedeutet. Und obwohl Tóibín hier den Mikrokosmos der Familie verlässt, ist „Das Feuerschiff von Blackwater“ dennoch ein Familienroman, der genau das beleuchtet, was eine Familie ausmacht: die Tatsache, dass man sich einander nicht ausgesucht hat, dass man oft nicht unbedingt miteinander kann, aber auch nicht ohne einander. Und Declans Freunde Paul und Larry sind für ihn so etwas wie eine Ersatzfamilie geworden in einer Zeit, in der er wenig Kontakt zu seinen Verwandten hatte.

Auffällig ist, dass in dieser Familie die Männer die sind, die gehen, die sterben, während die Frauen zurückbleiben: Helens Großvater und Vater sind beide schon lange tot und bald wird sie ihren Bruder verlieren. Es sind die Beziehungen der Frauen untereinander, die im Mittelpunkt stehen, vor allem die Mutter-Tochter-Beziehungen. Tóibín beobachtet sie genau, zeigt ihre Persönlichkeiten, ihre guten und schlechten Seiten, ohne Bewertung, doch mit Verständnis für sie.

So schreitet seine Geschichte dahin und erzählt dabei von ganz normalen Menschen und dem Leben, wie es ist oder sein kann. Und trotz aller Tragik, die die Geschichte um einen Sterbenden zwangläufig haben muss, bleibt immer ein bisschen Hoffnung. So ist „Das Feuerschiff von Blackwater“ zwar zuweilen traurig, aber nicht ohne Zuversicht. Ein unaufgeregter Roman für Menschen, die keine großen Knalleffekte und keine allzu rührseligen Dramen brauchen.

Colm Tóibín: Das Feuerschiff von Blackwater, dtv Taschenbuch Verlag, 2005, 304 Seiten, 11 Euro

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7 Antworten zu Trauer und Zuversicht – Colm Tóibín: Das Feuerschiff von Blackwater

  1. dj7o9 schreibt:

    Interessante Rezension, danke! Wir haben das Buch kürzlich im Bookclub gelesen und wurden nicht wirklich warm mit dem Buch (die meisten, nicht alle), ich habe einige Bücher von Colm Toibin gelesen, die ich stärker fand, mir deutlicher in Erinnerung geblieben sind. Habe mich sehr gefreut, jetzt noch einmal mit etwas Abstand Deine Rezension zu lesen und irgendwie bin ich dem Buch jetzt deutlich positiver gestimmt. Keine Ahnung warum, muss ein bisschen drüber nachdenken. Dennoch möchte ich Dir unbedingt seinen Roman „The Master“ über Henry James ans Herz legen oder „Brooklyn“ falls Du diese noch nicht gelesen hast. Die haben mir sehr gefallen.
    Hier meine Kurz-Rezension zum Feuerschiff und ganz liebe Grüße 🙂
    https://bingereader.org/2017/10/06/connection-with-reader-could-not-be-established-3/

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Ich hatte Deine Kurzrezension damals schon gelesen, wie ich mich eben erinnerte, als ich nochmal gucken ging. Ich habe außer diesem „Brooklyn“ und „Nora Webster“ gelesen, beide haben mir gut gefallen. Ich denke, ich werde mich nach und nach durch sein Werk lesen – ich freue mich, dass ich noch ein paar Romane vor mir habe. Dass dieser bei Dir nicht so gezündet hat…. das passiert wohl, vielleicht war es einfach nicht so sehr „Deiner“… 😉 Für mich hat er gut gepasst. Schönes Wochenende Dir noch und viele Grüße zurück!

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  2. buchuhu schreibt:

    Colm Tóibín ist der Beste!

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  3. Niamh O'Connor schreibt:

    Brooklyn hat mich zutiefst berührt, ein signiertes 🙂 Exemplar seines neuesten Romans House of Names wartet auf meinem SUB – eine Nacherzählung der Orestie des griechischen Dramatikers Aischylos. Sicher ganz anders als die modernen Geschichten, bin schon sehr gespannt!

    Gefällt 2 Personen

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