Zweite Heimat – Christopher Kloeble: Home made in India

Christopher Kloeble, Jahrgang 1982, veröffentlichte bereits einige Romane und Erzählungen, zuletzt im letzten Jahr den Roman “Die unsterbliche Familie Salz”. In diesem Jahr nun kam mit „Home made in India. Eine Liebesgeschichte zwischen Delhi und Berlin“ ein biographisches Werk auf den Markt.

Kloeble wuchs als Sohn eines Schauspielers und Produzenten in Bayern auf und studierte am Deutschen Literaturinsitut Leipzig. Im Rahmen seiner Schriftstellerei lernte er seine spätere Frau Saskya Jain kennen, Tochter einer deutschen Mutter und eines indischen Vaters. Jain ist ebenfalls Autorin. Die beiden verliebten sich, wurden ein Paar, heirateten und leben inzwischen jeweils zur Hälfte in Delhi in Berlin.

„Bevor ich Saskya kennenlernte, war Indien für mich ein Land, von dem ich noch nicht einmal wusste, ob ich es besuchen wollte. Heute, während ich das hier schreibe, kann ich mir ein Leben ohne Indien nicht mehr vorstellen.“ S. 13

Kloeble erzählt in seinem sehr persönlichen Buch von den vielen kleinen Schritten, die Saskya und er gemacht haben: Beginnend bei ihrer Begegnung über die Erkenntnis, dass es zwischen ihnen etwas Ernstes ist, über die ersten Treffen mit der Familie des anderen bis zur mit Pomp gefeierten indischen Hochzeit. Vor allem scheut der Autor sich nicht, eigene Unzulänglichkeiten zuzugeben, seine Vorurteile gegenüber Saskyas Heimat immer wieder zunächst einmal selbst zu bemerken und dann an ihnen zu arbeiten. Immer wieder tappt er in Fallen, die er eigentlich deutlich vor sich sieht, spielt vorübergehend dann vor seinen Freunden in Deutschland, die Indien noch nie bereist haben, den Kenner, bis Saskya ihm klarmacht, dass er viel weniger weiß, als er denkt. Überhaupt ist das eine der wesentlichen Erkenntnisse in Kloebles Buch: Je mehr er über Indien erfährt, sich das Land ansieht und erlebt, seine Bewohner kennenlernt, desto klarer wird auch, wie wenig er eigentlich darüber weiß und auf der anderen Seite, wie heterogen Indien eigentlich ist. Auch ich habe bei der Lektüre von Kloebles Buch immer wieder gedacht, dass ich, obwohl ich schon einige Bücher über Indien und Romane, die dort spielen, gelesen habe, eigentlich überhaupt keine Ahnung von dem Land habe, so viel gibt es dazu zu sagen, so komplex ist es.

Kloeble lernt Indien durch seine Frau und seine neue Familie, in die er eingeheiratet hat, ganz anders und viel mehr von innen heraus kennen, als das als Tourist möglich wäre. So gewinnt der Leser viele erhellende Einblicke und eine leise Vorstellung von diesem so großen Land, das so viele fasziniert.

Sehr eindrücklich habe ich es empfunden, wie offen Kloeble nicht nur über seine Liebe zu seiner Frau spricht, sondern auch über seine eigene Kindheit und Jugend und vor allem über seine Eltern. Und darüber, wie er eine Annäherung an sie schafft, in Zeiten, in denen sie sich viel seltener sehen als früher. Interessant ist auch zu lesen, wie sich die Sicht auf das eigene Land, auf das Bekannte, verschiebt, wenn man längere Zeit anderswo verbracht hat. Plötzlich stößt Kloeble die direkte Art der Deutschen, die er doch eigentlich schätzt, vor den Kopf, da er sich an die delhischen Höflichkeitsfloskeln gewöhnt hat. Und Melancholie schwingt mit, wenn deutlich wird, dass Kloeble sich vielleicht niemals vollkommen in Delhi zu Hause fühlen wird, so wie Saskya in Berlin. Er gewinnt viel, gibt aber auch etwas auf. Das gehört wohl dazu. „Home made in India“ wird so an einigen Stellen zu einem Essay über die Frage, was ein zu Hause ausmacht und was man braucht, um sich irgendwo zu Hause zu fühlen. Ob man einen Ort, der dem, an dem man aufgewachsen, so unähnlich ist, irgendwann zu seiner Heimat machen kann. Kloeble scheint auf einem guten Weg.

Christopher Kloeble: Home made in India. Eine Liebesgeschichte zwischen Delhi und Berlin, dtv Verlag, 2017, 288 Seiten, 16,90 Euro

Dieser Beitrag wurde unter Autobiographisches abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Zweite Heimat – Christopher Kloeble: Home made in India

  1. buchuhu schreibt:

    Freut mich sehr, dass Du diesen Schriftsteller aus meiner Heimat besprichst.

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Was wäre denn seine Heimat ;) ?

      Liken

      • buchuhu schreibt:

        Aufgewachsen bin ich in Wolfratshausen, also ganz in der Nähe von Königsdorf, das ja bin Kloebles Buch beschreiben ist. Und heute arbeite ich in Bad Tölz, auch nicht viel weiter… So habe ich in “Home Made in India“ vieles wiedererkannt. Zumindest in den “bayerischen“ Passagen…. ;-)

        Gefällt 2 Personen

      • letteratura schreibt:

        Oh ja, das ist immer nett, wenn man Orte wieder erkennt. Ich hatte Deine Besprechung auch gelesen. Ein wirklich unterhaltsames erfrischendes Buch, ich möchte jetzt auch noch seinen letzten Roman lesen.

        Gefällt 1 Person

      • buchuhu schreibt:

        Ach so, was SEINE Heimat wäre…? Da müsste man auf alle Fälle den Plural Heimaten erfinden. Aber das Buch zeigt ja, dass man sich in jeder Heimat auch ziemlich fremd fühlen kann, ob in Indien, Berlin oder Oberbayern. Das kann ich ebenfalls bestätigen.

        Gefällt 2 Personen

      • letteratura schreibt:

        Das stimmt. Auf jeden Fall ein interessantes Thema. Es gibt diesen Essay von Daniel Schreiber zum Thema Zu Hause und sich zu Hause fühlen, da gibt es einige gute Denkanstöße – falls das ein Thema ist, das Dich generell interessiert.

        Gefällt 1 Person

  2. Stefan Heidsiek schreibt:

    Tolle Rezension. Falls du noch mehr Lust auf Indien hast, sei Dir dieses Buch ans Herz gelegt: „In Gesellschaft kleiner Bomben“ von Karan Mahajan. Ist meine derzeitige Lektüre und ich bin bis dato mehr als begeistert.

    Gefällt 2 Personen

  3. thursdaynext schreibt:

    Oh der Lockruf der Rezension ;) Klingt sehr sehr ansprechend diese Reise zwischen den Welten. Mich würde auch die andere Sicht, die seiner Frau sehr interessieren. Kommt das auch zur Sprache?
    Danke und liebe Grüße
    thurs

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Schon, aber eher im Austausch bzw. im Dialog mit ihm. Also ihre eigene Sicht mehr am Rand, aber sie bringt oft ihre Sicht zu seiner zum Ausdruck und rückt sie aus ihrer Perspektive zurecht.

      Gefällt 1 Person

  4. Bri schreibt:

    Tja, und da wächst sie wieder die Liste, die ich geschworen hatte, nur noch abzuarbeiten. DANKE. LG, Bri

    Gefällt 2 Personen

  5. Michelle schreibt:

    Der Autor ist doch in München geboren oder ? Wiso nennt er es dann nicht eine Liebesgeschichte zwischen Dehli und München ? sondern berlin?

    Liken

Kommentare sind geschlossen.