In der Schwebe – Anne von Canal: Whiteout

Jans E-Mail besteht aus wenigen Worten: „Lieber Amundsen, Scott ist tot. Melde Dich. Wildson“. Was erst einmal zusammenhanglos und schwer verständlich auf den Leser von Anne von Canals neuem Roman „Whiteout“ wirkt, wird sich bald klären: Als Kinder lernten Hanna und ihr Bruder Jan Friederike, genannt Fido, kennen und waren bald unzertrennlich. Sie verband eine große Faszination für die großen Forscher am Südpol und so wurden ganz zu Beginn ihrer Freundschaft die Rollen von Amundsen, Scott und Wildson verteilt. Später dann, als Jugendliche, schmiedeten sie Pläne, wollten gemeinsam nach Hamburg gehen, studieren, selbst in die Forschung gehen. Doch Fido verschwand ohne ein Wort, machte eine Ausbildung und meldete sich nie wieder. Hanna blieb allein mit ihrer Ungewissheit. Mit den Jahren hat sie sich daran gewöhnt, doch Jans Nachricht bringt alles mit Wucht zurück.

Als seine E-Mail eintrifft, ist sie gerade auf einer Expedition in der Antarktis – sie allein hat ihre Pläne aus der Kindheit und Jugend schließlich in die Tat umgesetzt und wurde Glaziologin. Auf engstem Raum arbeitet sie mit einer kleinen Gruppe anderer Forscher am Rande der Zivilisation zusammen und versucht, die Fassade aufrecht zu erhalten, sich nichts anmerken zu lassen, während die Erinnerungen an Fido zurückkommen. Diese Erinnerungen teilt sie mit dem Leser.

Der Roman springt nun vor und zurück, erzählt Episoden aus Hannas Kindheit und Jugend, die Fidos Charakter verdeutlichen ebenso wie die starken Bande zwischen den Dreien. Die starken Erinnerungen, denen Hanna in der Gegenwart regelrecht ausgesetzt ist und die es ihr schwer machen, konzentriert zu arbeiten, drohen mehr und mehr, ihre Arbeit und das Verhältnis zu ihren Kollegen zu gefährden.

Anne von Canals Debütroman „Der Grund“ hat mich seinerzeit sehr bewegt und gefesselt, war eine rundum gelungene Geschichte und ein Schmöker im besten Sinne. „Whiteout“ bleibt meinem Empfinden nach sehr hinter „Der Grund“ zurück. Das beginnt schon mit der Sprache, immer wieder schafft die Autorin Bilder und Zusammenhänge, die mich nicht überzeugen konnten und in sich nicht stimmig waren. Protagonistin Hanna spricht die ehemalige Freundin Fido stets in der Du-Form an und erzählt ihr quasi direkt, was diese sagte und tat, die Form der 2. Person Singular im Präteritum ist so grammatikalisch zwar korrekt, wirkt aber sehr gestelzt und hölzern.

Unbeantwortete Fragen üben generell einen Reiz auf mich aus – hier allerdings bleibt alles extrem in der Schwebe, fühle ich mich als Leserin alleingelassen. Mir fehlen Anhaltspunkte, mir fehlt die Ahnung, was von Canal mir mit ihrem kurzen Roman sagen möchte. Zu vage ist mir die Geschichte. So lässt mich „Whiteout“ leider ratlos zurück.

Dennoch freue ich mich auf das, was von der Autorin noch zu lesen sein wird, denn „Der Grund“ gehört für mich zu den schönsten und eindrücklichsten Leseerlebnisse der letzten Jahre.

Anne von Canal: Whiteout, Mare Verlag, 2017, 192 Seiten, 20 Euro

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3 Antworten zu In der Schwebe – Anne von Canal: Whiteout

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Ich kenne den Roman „Der Grund“ bisher noch nicht, aber dieses Buch hat mich sehr überzeugt. Mit dem von dir angesprochenen Du-Stil hatte ich wenig Probleme. Ich fand es gerade sehr interessant, dass die Heldin in Gedanken ihre Freundin anspricht und so ihr auch noch sehr nahe ist. Viele Grüße

    Gefällt 1 Person

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