„Erlebnisse aus der Außenwelt“ – Geoff Dyer: White Sands

„Erlebnisse aus der Außenwelt“, so heißt es im Untertitel zu Geoff Dyers neuem Buch „White Sands“, das im September auf Deutsch erschien. Es ist eine schwer einzufangende Sammlung von Essays und Kurzgeschichten, die sich stets irgendwo zwischen Fiktion und „non-fiction“ befinden und denen gemeinsam ist, dass der Erzähler, wenn wir einfach mal davon ausgehen, dass es in diesem Buch so etwas wie einen Erzähler gibt, sich auf Reisen befindet. Oft hat er seine Frau dabei, die, so schreibt er im Vorwort, im Buch Jessica heiße, während im wahren Leben seine Frau Rebecca heißt. Mehr sei es eigentlich nicht. Aber vielleicht ist eine klare Klassifizierung wirklich nicht das, worauf es in „White Sands“ ankommt.

Neben den Orten, die der Erzähler besucht, und die mal mehr, mal weniger ausführlich Gegenstand seiner Ausführungen sind, sind es oft die Begegnungen, die die Texte eigentlich ausmachen. So geht es zum Beispiel im titelgebenden Kapitel „White Sands“ weniger um das Naturschauspiel des so weißen Sandes in einem Naturschutzgebiet in New Mexico, der so weiß ist, dass es „noch einmal unterstrichen werden muss“ (S. 135), wie es da heißt. Sondern vielmehr dreht sich hier alles um einen afroamerikanischen Anhalter, den der Erzähler und seine Frau mitnehmen, zunächst mit dem guten Gefühl, jemandem einen Gefallen getan zu haben, worauf die Stimmung dann aber bald kippt.

Auch der Einstiegstext, der sich mit dem Aufenthalt des Erzählers in der Verbotenen Stadt befasst, setzt den Fokus auf Zwischenmenschliches, nämlich auf eine junge Chinesin, in die sich der Erzähler ein wenig verliebt. Doch die Orte sind natürlich immer da, ohne sie würde es die Essays nicht geben, ihre Gegenwart schwingt mit – und jeder weiß, wie anders alles ist, wenn man fern von zu Hause ist, wenn man reist und mit dem Fremden konfrontiert wird.

Es gibt andere Texte in „White Sands“, die theoretischer daherkommen, die aus alten Schriften oder aus Texten Intellektueller und Schriftsteller zitieren, etwa, wenn der Erzähler auf Tahiti auf den Spuren Gauguins wandelt und dessen Aufenthalt auf der Insel nachzeichnet, während er sich selbst dort befindet. An anderer Stelle, als er in Kalifornien ist und dem Leben derer nachspürt, die vor dem Dritten Reich ins Exil flohen, beschäftigt er sich mit dem Werk Adornos. Naturgemäß sind diese Passagen weniger locker-amüsant, als diejenigen, die zum Beispiel das Reisen des Erzählers mit seiner Frau beschreiben, wie jene, in denen er ihre Reise in den hohen Norden Norwegens beschreibt, wo sie die Nordlichter sehen wollen, die sich aber gegen die beiden verschworen zu haben scheinen und einfach nicht auftauchen wollen. Doch auch in den theoretischen Passagen finden sich immer wieder kleine Auflockerungen, die den Band davor bewahren, trocken zu werden.

„Die jungen Sontag liebte den Zauberberg, eines der Bücher, von denen ich wünschte, ich hätte sie als Teenager gelesen, statt mit Anfang fünfzig, als ich es kosmisch langweilig fand, bis es endlich großartig wurde – auch wenn es nie aufhörte, langweilig zu sein, selbst ganz am Schluss nicht, als meine Einschätzung bezüglich seiner Großartigkeit zweifellos von dem Wissen beeinflusst war, dass ich es bald hinter mir haben würde.“ S. 184

So ist „White Sands“ ein etwas seltsamer Zwitter zwischen Beobachtungen, Interpretation und dem Beschreiben von Erlebtem, immer auch mit der Frage, warum die Menschen reisen, was sie suchen, wenn es sie hinauszieht in die Welt, statt daheim im Bekannten zu bleiben. Dyer liefert uns kein messerscharfes Fazit und nicht alle Texte sind gleich stark. Es sind weniger wuchtige Erkenntnisse, die er uns liefert, vielmehr liegt der Charme seines Buches im Kleinen und Alltäglichen, im Beiläufigen. Manches Mal bleibt unklar, worauf der Autor hinaus möchte – nicht unwahrscheinlich, dass er das einfach seinen Lesern überlassen will.

Ergänzt werden seine Texte zum Teil von Bildern, die zu einem Ort, einer Begebenheit passen und so das Ganze noch einmal plastisch für den Leser aufbereiten und dabei helfen, sich selbst an den betreffenden Ort zu versetzen. Letztlich kann es natürlich keine Begegnungen mit der Außenwelt ohne ein Zusammenspiel mit der Innenwelt geben. Dyer setzt beides in seinen Texten miteinander in Beziehung.

Geoff Dyer: White Sands. Erlebnisse aus der Außenwelt, Dumont Verlag, 2017, 254 Seiten, 24 Euro

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2 Antworten zu „Erlebnisse aus der Außenwelt“ – Geoff Dyer: White Sands

  1. entdeckeengland schreibt:

    Danke für diesen schönen Tipp. Als jemand, die selbst gerne reist und auch gerne auf den Spuren anderer Leute reist, macht mich Deine Rezension sehr neugierig. Herzliche Grüße, Peggy

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