Wie wir werden, was wir sind – Négar Djavadi: Desorientale

„Das ist das Drama des Exils. Die Dinge und die Menschen existieren weiter, aber man muss im eigenen Leben so tun, als wären sie gestorben.“ S. 344

Kimîa sitzt im Wartezimmer einer Kinderwunschklinik. Sie ist gebürtige Iranerin, lebt aber schon lange in Frankreich und anderswo in Europa. Für Iranerinnen gibt es nur ein Lebensziel, lässt sie den Leser bald wissen: Die Mutterschaft. Auch die Ehe, die man als Iranerin ganz selbstverständlich einzugehen hat, ist letztlich nur der nötige Schritt zu disem größten aller Ziele: Kinder zu bekommen. Und obwohl Kimîa nicht nur den Iran schon lange hinter sich gelassen hat, sondern sich auch sehr selbstverständlich in der westlichen Welt bewegt, ein eigenständiges, freies Leben lebt, das sich von dem ihrer Mutter und anderer weiblicher Vorfahren unterscheidet, obwohl sie nicht dem gleichen sozialen Druck ausgesetzt ist wie sie, hat auch sie den Wunsch, ein Kind zu bekommen. Dabei sei gleich hinzugefügt, dass Kimîa keinesfalls aus einer besonders religiösen oder konservativen Familie stammt, sondern dass ihre Eltern zusammen mit ihren beiden älteren Schwestern vielmehr deshalb den Iran verließen, da ihr Vater Darius dort nach der Islamischen Revolution 1979 nicht mehr sicher war. Als Aktivist in der Protestbewegung gegen das Regime hatte er sich Feinde gemacht, die ihm nach dem Leben trachteten.

Négar Djavadi erzählt in ihrem Debütroman „Desorientale“ die Lebensgeschichte Kimîas und die Geschichte ihrer Familie, wobei der Roman autobiographisch geprägt ist. Dabei verschachtelt die Autorin sehr gekonnt Vergangenheit und Gegenwart. Sie holt weit aus, wenn sie von ihrer Familie erzählt, von den blauen Augen ihrer Großmutter Nur etwa, die von allen nur „Mutter“ genannt wird. Diese blauen Augen sind von großer Bedeutung für die Familie, denn wollte man sie unbedingt weiter vererben. Nur stirbt am Tag von Kimîas Geburt. Ihre Augenfarbe hat sie nicht geerbt.

Während Kimîa also nach und nach die Vergangenheit ihrer Familie aufrollt, geht es in einem zweiten Handlungsstrang um ihr derzeitiges Leben in Paris und ihren Kinderwunsch. In ihrer Familie hat niemand mehr geglaubt, dass Kimîa noch Mutter werden könnte. Djavadi erzählt das alles unheimlich farbenfroh und bilderreich, und obwohl gerade im ersten Teil die Passagen, die in der Vergangenheit liegen, sehr viel mehr Raum einnehmen als die Gegenwart, man ungeduldig werden könnte, da es sich um eine Vorgeschichte handelt, liest sich Kimias Bericht sehr fesselnd und unterhaltsam und nebenbei auch lehrreich in Bezug auf die iranische Geschichte.

Ein kleiner Kniff der Autorin ist dabei, dass sie Kimîa manchmal den Leser direkt ansprechen lässt. Wir werden dabei von ihr ganz freundschaftlich geduzt und manchmal auch ein bisschen belehrt – in Kimîas Augen sind wir (wir Franzosen, wir Europäer) in manchen Dingen bezüglich Iranern, bezüglich „Orientalen“ allgemein einfach ein wenig blind und haben von persischer Geschichte nicht genug Kenntnis, dafür aber Vorurteile. Mich hat Kimîas kesser Ton in diesen Passagen nicht weiter gestört, ganz organisch fügen sie sich aber meiner Meinung nach nicht in den Rest des Romans ein.

„Desorientale“ ist vieles zugleich: Eine Lehrstunde in iranischer Geschichte. Ein Familienroman, der überzeugend die persische Mentalität vermittelt – in einer iranischen Familie ist man nie allein, so viel ist klar. Es ist die Geschichte des Erwachsenwerdens einer jungen Frau, die es nicht nur als Einwanderin schwer hat, sondern die sich auch sonst ihren Platz erst einmal finden muss. Die versucht, ihrer Vergangenheit und ihrer starken Familienbindung zu entkommen, aber feststellen muss, dass das eigentlich nicht möglich ist. Wir sind auch unsere Vergangenheit, unsere Geschichte. Und dann ist da noch das, was die Erzählerin immer nur „das Ereignis“ nennt, etwas Schreckliches, das wie eine böse Ahnung von Anfang an unheilvoll über Kimîas Geschichte liegt und das offenbar alles verändert hat: Hinterher war nichts mehr wie zuvor.

Romane, in denen es um die Zerrissenheit zwischen europäischer und persischer Kultur geht, um Exil und Heimat, haben zur Zeit Konjunktur, so scheint es. Sowohl an Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“, als auch an Nava Ebrahimis „Sechzehn Wörter“ musste ich bei der Lektüre immer wieder denken. Beide Romane kreisen um die Erfahrungen mit und im Exil, Bazyar erzählt dabei die Geschichte mehrere Generationen einer iranischen Familie in Deutschland, Ebrahimis Protagonistin reist in den Iran, in dem sie zwar ihre Wurzeln hat, eigentlich aber nicht heimisch ist oder je war. Alle drei Bücher sind meiner Meinung nach empfehlenswert, und obwohl es natürlich einige Gemeinsamkeiten gibt, sind sie doch auch recht unterschiedlich. Négar Djavadi jedenfalls ist mit „Desorientale“ ein intensiver und bunter Roman gelungen, eins meiner Highlights in diesem Leseherbst.

Négar Djavadi: Desorientale, C.H. Beck Verlag, 2017, 400 Seiten, 22 Euro

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Wie wir werden, was wir sind – Négar Djavadi: Desorientale

  1. dj7o9 schreibt:

    Hab deine Rezension jetzt erst mal nur überflogen, denn das Buch liegt hier schon recht weit oben auf dem Stapel der bald zu lesenden Bücher und ich freue mich schon sehr darauf. Wenn ich fertig bin, lese ich hier noch mal in Ruhe. Schön, dass Du es auch besprochen hast und vom ersten schnellen Gucken mochtest Du es glaube ich – juhu :) Liebe Grüße …

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.