Jugend mit Gemälde – Donna Tartt: Der Distelfink

Donna Tartts preisgekrönten Roman „Der Distelfink“ aus dem Jahr 2013 hat inzwischen wahrscheinlich fast jeder gelesen, der sich mit zeitgenössischer Literatur beschäftigt. Obwohl ihr Erstling „Die geheime Geschichte“ der einzige Roman ist, den ich überhaupt mehr als zweimal gelesen habe, habe ich ihren zuletzt veröffentlichten Roman erst jetzt in Angriff genommen. Und der Umfang immerhin lässt erst einmal stocken: Das Werk umfasst mehr als 1000 Seiten.

Alles dreht sich um Theo Decker und seine Lebensgeschichte. Mit 13 verliert er durch einen Anschlag bei einem Museumsbesuch seine Mutter (auf dem Buchrücken wird das Geschehen als „Unglück“ betitelt, eine Bezeichnung, die eigentlich etwas irreführend ist). Sein Vater hat die Familie schon vor längerer Zeit verlassen, Theo lebte mit seiner Mutter allein. Sein Leben ändert sich von Grund auf. Die restlichen Jahre bis zu seiner Volljährigkeit lebt Theo an verschiedenen Orten, nirgends scheint er richtig hinzugehören, zu seinen Großeltern hat er lange keinen Kontakt gehabt und mit seinem Vater verbinden ihn eher gemischte Erinnerungen. So kommt Theo lange nicht zur Ruhe, fühlt sich oft allein und nirgends wirklich heimisch. Als er letztlich doch von seinem Vater und seiner Lebensgefährtin Xandra aufgenommen wird, lernt er schließlich Boris kennen. Sie werden Freunde, schwänzen gemeinsam die Schule und machen erste Erfahrungen mit Drogen und Alkohol.

Theo selbst erzählt dem Leser seine Geschichte in der Rückschau als junger Erwachsener. Schon ganz zu Beginn deutet er an, dass er in Schwierigkeiten steckt, offenbar ist er auf die schiefe Bahn geraten. Das hängt auch mit dem Gemälde zusammen, das dem Roman seinen Titel gibt: Es war Der Distelfink, den Theo im Chaos des Anschlags aus dem Museum mitnahm, ein wertvolles Bild, das er eigentlich immer zurückgeben wollte, bis er irgendwann überzeugt war, dass es zu spät dafür war. Dieses Bild wird mit der Zeit mehr und mehr zur Belastung für Theo.

Natürlich gibt es in dem umfangreichen Roman noch einiges mehr, auf das ich unmöglich hier eingehen kann. Und auf 1000 Seiten kommt es fast zwangsläufig zu einigen Längen: Man hätte den Roman sicherlich straffen können, einige Abschnitte empfand ich als zu ausufernd und etwas mühsam, wobei das sicher auch mit der jeweiligen Thematik zusammenhängt und eine persönliche Einschätzung ist. Insgesamt liest sich Tartts Geschichte sehr gut, sie erzählt sie souverän, wenn auch Einiges vielleicht ein wenig vorhersehbar ist oder so wirkt, als habe es eben einfach in den Roman hinein gemusst, weil es eben dazugehört. So wagt der Roman womöglich weniger, als möglich gewesen wäre und kommt ein Stück weit konventionell daher, aber gestört hat mich das nicht.

Tartt schafft es, zu vermitteln, wie aus einem recht behüteten Kind, das zwar ohne Vater und ohne materielle Extravaganzen, dafür aber mit einer warmherzigen Mutter aufwuchs, durch einen Schicksalsschlag ein verwirrter, verirrter Jugendlicher und dadurch ein gänzlich orientierungsloser Erwachsener wird, der mit seinem Los sehr hadert. Und der dabei auch jene, die ihm stets wohlgesonnen waren, die ihm halfen und zu so etwas wie eine Ersatzfamilie wurden, vor den Kopf stößt und auch noch zu verlieren droht. Das Gemälde wird dabei zum Symbol: Wie ein Fluch lastet es mehr und mehr auf Theos Schultern, als müsse er sich davon befreien, um frei werden zu können. Theo bewegt sich dabei stets nah an der Grenze: Wird er irgendwann ganz abrutschen, seinem eigenen Ideal von einem guten Menschen endgültig nicht entsprechen können? Oder wird er doch irgendwie die Kurve kriegen?

Sollte es also noch jemanden geben, der „Der Distelfink“ noch nicht gelesen hat, so sei ihm der Roman hiermit empfohlen. „Der Distelfink“ ist gute Unterhaltung, konzentriert sich ganz auf seine Hauptfigur und lässt diese in ehrlicher und offener Weise ihr Leben beschreiben und zu verstehen versuchen. Sprachlich durchaus überzeugend, gut konzipiert, ein Schmöker für die langen Abende, die jetzt bald wieder kommen werden.

Donna Tartt: Der Distelfink, Goldmann Taschenbuch Verlag, 2015, 1024 Seiten, 12,99 Euro

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3 Antworten zu Jugend mit Gemälde – Donna Tartt: Der Distelfink

  1. marinabuettner schreibt:

    Ich habe ihn damals sehr gerne gelesen, noch lieber als die geheime Geschichte. Vielleicht weil es letztlich auch um Kunst ging.
    Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Ich muss die geheime Geschichte wohl nochmal lesen, das ist so lange her. Und es gibt ja auch noch einen dritten Roman, den ich auch noch nicht kenne.

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  2. literaturreich schreibt:

    Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass dieses Buch immer noch auf meinem Stapel liegt. Ich weiß auch nicht warum, eigentlich brenne ich darauf, ihn zu lesen. Aber es kommt immer so viel Neues dazwischen, der Umfang, Warten auf die richtige Lesezeit… Danke für die Erinnerung!

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