Das Politische im Privaten – Kamila Shamsie: Home Fire

„Home Fire“ ist gerade erst im Original erschienen, eine deutsche Übersetzung ist noch nicht angekündigt (… inzwischen ist der Roman für September 2018 beim Berlin Verlag angekündigt). Der Roman stand auf der diesjährigen Longlist des Man Booker Prize, hat es aber nicht auf die Shortlist geschafft. Da mich bereits einige Romane der britisch-pakistanischen Autorin begeistert haben, las ich ihren neuen Roman im Original. Und wurde nicht enttäuscht.

London. Isma war früh für ihre beiden jüngeren Geschwister, die Zwillinge Aneeka und Parvaiz verantwortlich. Über den Vater und seinen frühen Tod wurde nicht viel geredet, hatte er sich doch kaum um die Familie gekümmert, war fast immer abwesend. Die Mutter starb, als Isma noch sehr jung war, die Zwillinge fast noch Kinder. Nun sind die beiden 19 und Isma möchte sich einen Wunsch erfüllen und in den USA studieren. Zu Beginn des Romans begleitet der Leser sie zum Flughafen, wo sie sich langen Verhören unterziehen muss – Verhöre, auf die sie vorbereitet war, aufgrund derer sie schon befürchtete, ihren Flug zu verpassen. Warum Isma so im Visier der Kontrolleure ist, das erfährt der Leser scheibchenweise. Lange ist man im Unklaren, was es mit dieser Familie und ihren Geheimnissen auf sich hat. Geheimnisse sowohl um den toten Vater, als auch um Aneekas Zwillingsbruder Parvaiz, der England vor ein paar Monaten verlassen hat und zu dem die Schwestern keinen Kontakt haben.

In den USA angekommen, lernt Isma den jungen Eamonn kennen. Wie sie hat er einen muslimischen Hintergrund, wobei er die Religion nicht praktiziert wie sie. Er lebt in London. Und er hat einen berühmten Vater: den Innenminister Großbritanniens. Die beiden werden so etwas wie Freunde, bevor Eamonn zurück nach London reist, wo er Aneeka eine Tüte M&Ms von Isma überbringen soll. Eine Begegnung mit Folgen. Ab hier scheint sich die Geschichte zu verselbständigen und nimmt einen dramatischen Lauf.

Ich möchte nicht mehr vom Inhalt verraten, da ich es bei der Lektüre des Romans gerade als spannend empfand, dass ich lange nicht wusste, in welche Richtung die Geschichte gehen würde und sie mich daher mehrmals überraschen konnte. In Shamsies Romanen gibt es fast immer den Punkt, an dem ich mich frage, ob es kitschig und überdramatisch wird, und immer stelle ich kurz darauf fest, dass ihre Geschichten zwar dramatisch sind oder dramatische Komponenten haben, dass es aber stets ein nachvollziehbares und menschliches Drama ist, bei dem man nur zu gern mitfiebert. Ihre Figuren sind oft eigensinnig und impulsiv, und ja, sie handeln und sprechen zum Teil auch voll Theatralik, doch sie sind dabei auch immer sehr lebendig – vielleicht rührt mein kurzes Erstaunen ja daher, dass ich das Gefühl habe, im wahren Leben sind wir alle gleichgültiger oder doch zumindest ruhiger, weniger mutig, als es Shamsies Figuren sind.

„Home Fire“ erzählt davon, wie das Politische das Private durchdringt – es ist der Innenminister, der sich plötzlich in einer schwierigen Situation befindet, als er in der Position und der Verantwortung für sein Land einerseits und seiner Rolle als liebender Vater andererseits zwischen die Fronten gerät und schwierige Entscheidungen treffen muss. Der Roman erzählt außerdem über die Mechanismen von Terrororganisationen und wie diese es schaffen, neue Mitglieder zu rekrutieren – und dies so, dass man eine Ahnung davon bekommt, wieso das immer wieder gelingt. Und es ist eine Geschichte über die verschiedenen Arten der Liebe und – wie auf dem Buchrücken gefragt wird – welche Opfer man für sie bereit ist, zu bringen.

Die große Stärke von Shamsies Roman liegt darin, dass sie ihre Figuren nie verurteilt oder überhaupt bewertet, dass sie ihr Handeln zeigt und die Figuren ihr Handeln erklären lässt, in ihre Köpfe schaut, dem Leser aber alles Weitere überlässt. Die Fragen, die der Roman aufwirft, muss man schon selbst beantworten. „Home Fire“ ist ein höchst aktuelles Buch, das ich sehr empfehle.

Shamsie gewinnt mit ihrem Roman den Women’s Prize for Fiction 2018.

Kamila Shamsie: Home Fire, Bloomsbury Paperback, 2017, 272 Seiten

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