Chronik mit bitterem Ende – Leila Slimani: Dann schlaf auch du

Myriam und Paul sind beruflich sehr eingespannt und engagieren daher für die beiden kleinen Kinder das Kindermädchen Louise. Diese erweist sich als Glücksfall: Sie hütet nicht nur Adam und Mila, sondern hält auch das Haus in Schuss. Sie ist gleichzeitig allgegenwärtig und unsichtbar. Bald wird sie für die Familie unverzichtbar. Doch irgendetwas stimmt mit ihr nicht.

Dass die Kinder sterben und dass die Nanny diejenige ist, die sie umbringt, das erfährt der Leser gleich auf der ersten Seite von Leila Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“. Auf den verbleibenden gut 200 Seiten wird dann die ganze Geschichte aufgerollt: wie Louise in die Familie kommt, wie sie sich unentbehrlich macht, wie sie fast zu einem Teil der Familie wird, bis die Stimmung irgendwann kippt und sie ihre Arbeitgeber durch merkwürdiges Verhalten irritiert. „Dann schlaf auch du“ ist kein klassischer Psychothriller. Der Roman beschäftigt sich eingehend mit dem Alltag der Familie sowie eher in Schlaglichtern mit der Vergangenheit Louises: Es sind kurze Kapitel, die von ihrem Leben erzählen, ihrem Mann, der starb und ihr einen Berg Schulden hinterließ, der Tochter, zu der sie schon lange keinen Kontakt mehr hat.

Da das Ende auf jeder einzelnen Seite klar ist, ist man bei der Lektüre stets darauf konzentriert, zu verstehen, wie die Geschehnisse auf das schlimme Ende der Geschichte hinführen, an welcher Stelle womöglich noch etwas zu ändern gewesen wäre, hätte man geahnt, was in Louise vorgeht. Und da man hofft, Hinweise zu erhalten, irgendetwas Greifbares, liest man immer weiter, so dass man rasch am Ende angekommen ist.

Leila Slimani wurde für ihren Roman im letzten Jahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, und auch hierzulande bekommt das Buch viel Lob. Vielleicht liegt dies an seinen zwei großen entscheidenden Themen. Zunächst einmal die Darstellung der Familie, die auf allen Ebenen erfolgreich sein möchte, an sich selbst hohe Ansprüche stellt, die Eltern, die sich ihre Bestätigung in ihren Jobs suchen und die trotzdem das Beste für ihre Kinder wollen und unter der hohen Belastung leiden. Die, egal, was sie tun, immer das Gefühl haben, dass es doch nicht reicht. Die vor allem wollen, dass das Kindermädchen funktioniert und sich für Louise selbst eigentlich nicht interessieren. Und außerdem ist da die Frage, wie genau man sein Gegenüber je kennen kann – hätte das schlimme Ende der Geschichte wirklich verhindert werden können? Niemand hat es vorausgesehen. Muss man im menschlichen Kontakt stets mit solchen Risiken leben? Wobei in diesem Roman die Auswirkungen natürlich besonders schlimm sind.

Ob das Buch nun wirklich preisverdächtig ist – ich weiß es nicht. Slimanis Sprache habe ich nicht als bemerkenswert empfunden. Die Geschichte floss dahin, gut lesbar, ja, aber irgendwie auch zu glatt in dem Sinne, dass sie mich nicht zum Innehalten aufforderte. So kann ich zwar eigentlich nichts allzu Schlechtes über Slimanis Buch sagen, es unterhält, es wirft Fragen auf, es schockiert. Trotzdem vermute ich, dass der Roman mir nicht lang in Erinnerung bleiben wird.

Leila Slimani: Dann schlaf auch du, Luchterhand Literaturverlag, 2017, 224 Seiten, 20 Euro

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10 Antworten zu Chronik mit bitterem Ende – Leila Slimani: Dann schlaf auch du

  1. marinabuettner schreibt:

    Da ging es dir ja letztendlich genau wie mir.
    Was liest du als Nächstes?
    Viele Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Ja, so ziemlich… Wobei ich es wirklich nicht schlecht finde… Mir begegnen immer wieder so Bücher, bei denen ich eigentlich wenig zu „meckern“ habe, die mich aber trotzdem einfach nicht erreichen, das war hier wohl so… Ich lese gerade „Justizpalast“ (habe gesehen, Du hast es schon gelesen, werde Deine Besprechung lesen, wenn ich durch bin), ich mag P. Morsbach generell sehr, habe schon einige Romane von ihr gelesen. Und ich bin auch bei „Home Fire“ von Kamila Shamsie, das lese ich (seit Jahren mal wieder) auf englisch, es gibt noch keine Übersetzung, ist ziemlich frisch. Und es kommt noch so viel mehr… Ich weiß gar nicht, wo anfangen. 😉 Viele Grüße!

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      • marinabuettner schreibt:

        Justizpalast war ein seltsames Leseerlebnis. Ich fand es zunächst aufgrund des Themas etwas langatmig, aber beim Schreiben der Besprechung habe ich gemerkt, wie gut und klug konzipiert das Buch ist. Ich bin gespannt, was du dazu schreibst. Ich lese gerade eine großartige Empfehlung von Constanze: Jan Kjaerstad. Und nebenbei immer wieder Handke.
        Viele Grüße!

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      • letteratura schreibt:

        Ich finde die Fälle und die Ausführungen meist interessant, auch wenn ich nicht immer alles verstehe, wenn es allzu juristisch wird. 😉 Bin aber auch erst im ersten Drittel. Über Deine aktuelle Lektüre werde ich dann bestimmt lesen? Klingt gut, bin gespannt!

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      • marinabuettner schreibt:

        Morsbachs „Dichterliebe“ fand ich des Thema wegens interessanter. Ja, über Kjaerstad schreibe ich auf jeden Fall: es geht ums Lesen und um Bücher …

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  2. Bri schreibt:

    Erst mal danke für die wie immer fundierte Besprechung. Ich lese kaum Bücher, die schon am Anfang verraten, was passiert … irgendwie wiederstrebt mir das. Andererseits hatte ich das Buch schon auf die Liste gepackt, weil der Prix Goncourt ja durchaus ein Gütesiegel ist. Was mir aber immer wieder auffällt ist, wenn französische Bücher übersetzt werden, die in ihrem Heimatland so gut ankamen, dass fehlt ihnen wohl irgendetwas. Denn wenn es um die Sprache geht, verlieren sie scheinbar an Kraft in der Übersetzung … so stellt sich mir das dar. Müsste man wohl im Original lesen, aber dazu reicht mein Französisch bei weitem nicht aus. LG, Bri

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    • letteratura schreibt:

      Ach, ich finde die Ausgangssituation interessant – vielleicht liegt sie mir sogar mehr, weil ich andersrum immer so gespannt auf das Ende bin, dass ich den Weg dahin gar nicht „genießen“ kann 😉 Ob das mit den französischen Büchern öfter so ist, kann ich gar nicht sagen… vielleicht. De Vigans „Nach einer wahren Geschichte“ fällt mir spontan ein, das ich sehr mochte und auch ein weiterer Roman von ihr. Müsste ich mal drauf achten, ob das öfter so ist… Ach ja, „Kompass“ von Mathias Énard, auch ein Goncourt-Gewinner, das war ganz großartig.

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      • Bri schreibt:

        Ich finde spannend schon immer gut. Aber es kann auch spannend sein, den Weg zu erfahren, wie es zu etwas kam … Ich glaube ja nicht, dass der Prix Goncourt kein Gütesiegel ist, aber ich glaube, die französische Erzählkunst ist unserer schon etwas fremd. Irgendetwas muss ja dran sein, wenn die Autorin als neue Starautorin gehandelt wird 😉

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      • letteratura schreibt:

        Das ist bestimmt so. Allerdings wird Slimanis Buch auch bei uns von vielen gelobt.

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  3. Pingback: Leïla Slimani – Dann schlaf auch du – LiteraturReich

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