Krippens Krise – Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen

In diesem Jahr ist mein Verhältnis zu den für den Deutschen Buchpreis nominierten Romanen bisher ganz offenbar schwierig. Nachdem ich vor kurzem Mirko Bonnés Roman „Lichter als der Tag“ abbrach, (wobei ich sein „Nie mehr Nacht“ in bester Erinnerung habe) da ich zu den allesamt passiven Charakteren keinen Zugang fand, konnte ich auch mit Michael Wildenhains Roman „Das Singen der Sirenen“ wenig anfangen. Dabei halte ich mich eigentlich für eine recht geduldige Leserin, die bereit ist, Verständnis für schwierige Charaktere aufzubringen, doch in beiden Romanen fand ich die männlichen, mittelalten Hauptcharaktere, die sich in Sinnkrisen befinden und die sich, der eine mehr, der andere weniger, als erstes durch ihren Egoismus auszeichnen, zumindest teilweise schwer zu ertragen.

In „Das Singen der Sirenen“ geht der Literaturwissenschaftler Jörg Krippen nach London, wo er ein Seminar halten soll. Er forscht über Frankenstein. Frau und Sohn lässt er in Berlin zurück, von ihr erhält er erboste Anrufe, in denen sie ihn wüst beschimpft. Krippen lässt es stoisch über sich ergehen. In London lernt er Mae kennen, eine junge Frau indischen Ursprungs, scheinbar zufällig ist die Begegnung, doch es gibt eine Verbindung zu ihr, wie sich bald zeigen wird. Mae forscht über Reproduktionstechnologien: Sie und Krippen verkörpern in Wildenhains Roman, grob gesprochen, die Geistes- und Naturwissenschaften. Die beiden verlieben sich.

Wildenhains Roman erzählt nicht nur über Krippens Zeit in London, er geht auch zurück in seine Vergangenheit, in der er in der linksautonomen Szene unterwegs war und er betritt weitere Schauplätze. Zudem schert er sich nicht um Chronologie und manchmal muss man sehr aufpassen, dass einem nicht entgeht, wo bzw. wann man sich in seiner Geschichte gerade befindet. Zeitsprünge lockern Romane meiner Meinung nach oft sehr auf und erzeugen Spannung, hier empfand ich die Struktur des Romans oft wirr, konfus und sperrig. Es war, als habe Wildenhain mich auf Distanz halten wollen.

„Das Singen der Sirenen“ erzählt nicht nur von Krippens Affäre mit Mae und thematisiert die gegensätzlichen Wissenschaften (was interessant hätte sein können, eigentlich aber nicht wirklich vertieft wird). Wir erleben Krippen auch als Vater und im Hadern in seiner Vaterrolle, in dem Versuch, es richtig zu machen. Und es geht um Beziehungen, um Sexualität, kurz um alles, was das Leben Jörg Krippens ausmacht und in der Vergangenheit ausgemacht hat.

Wildenhains Sprache trug leider nicht dazu bei, dass mir die Geschichte und seine Figuren nahe kamen. Seine oftmals über ganze Absätze verkürzten, elliptischen Sätze empfand ich als abgehackt und wenig aussagekräftig. Andere Teile hingegen sind in einem freien und einfachen, aber nicht simplen Stil verfasst, den ich mochte, und der mich in die Geschichte zumindest zeitweise eintauchen ließ, hier hat mir die Lektüre dann Spaß gemacht.

Vielleicht richtet sich „Das Singen der Sirenen“ an einen Leserkreis, dem ich nicht angehöre und das Buch und ich passen einfach nicht zusammen, vielleicht ist es das oft beschworene „falsche Buch zur falschen Zeit“ (das es meiner Erfahrung nach so wirklich gibt). Ich konnte zu Michael Wildenhains Roman keinen Zugang finden, obwohl ich einige Passagen gelungen fand und gern gelesen habe. Welche Geschichte genau mir der Autor erzählen wollte? Ich weiß es nicht. Schauen wir, ob die Buchpreis-Jury anderer Meinung ist und den Roman auf die Shortlist setzt, die am Dienstag veröffentlicht wird. Von der Longlist steht für mich jetzt zunächst nur noch Sven Regeners „Wiener Straße“ aus, den ich aber – noch ungelesen – eher nicht auf der Liste der besten sechs sehe.

Eine Rezension, die mehr vom Inhalt verrät und sich differenziert mit den Schwierigkeiten von Wildenhains Roman befasst und in der mich sehr wieder finde, ist bei Deutschlandfunk Kultur zu finden.

Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen, Klett-Cotta Verlag, 2017, 320 Seiten, 22 Euro

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2 Antworten zu Krippens Krise – Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Männern in der Midlife-Crisis: Inzwischen gibt es in der Literatur eindeutig zu viele davon :-) Wobei ich Mirko Bonnés Buch dennoch eine Chance geben werde, ich mag einfach seine Sprache zu sehr.

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    • letteratura schreibt:

      Das Buch wurde ja viel gelobt und ich war da auch zuversichtlich, weil ich eins seiner Bücher ja schon kannte… bitte lies es, ich bin gespannt darauf, zu lesen, wie andere es empfinden. Ich glaube auch gar nicht, dass ich mit der Ausgangssituation nun so unbedingt das Problem habe, ich glaube, es ist, wie damit umgegangen wird und wie mir dieser Umgang erzählt wird. Wie gesagt, mich stört es nicht mal, wenn jemand jammert, solange ich verstehe, warum und etwas daraus gemacht wird.

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