Der Traum von der Freiheit – Colson Whitehead: Unterground Railroad

Obwohl „Underground Railroad“ erst vor ca. 2 Wochen bei uns erschienen ist, habe ich schon jetzt das Gefühl, dass der Roman bereits so vielfach besprochen wurde, dass es eigentlich niemanden geben kann, der nicht schon von ihm gehört und der sich seine Meinung nicht schon gebildet, eine Leseentscheidung schon getroffen hat. Empfohlen von Oprah Winfreh, auf Barack Obamas Sommerleseliste, ausgezeichnet mit Pulitzer Preis und National Book Award und nun nominiert für den Man Booker Prize – an dem Roman kommt man gerade nicht vorbei. Trotzdem möchte auch ich versuchen, in Worte zu fassen, warum Colson Whiteheads Roman all dieses Lob meiner Meinung nach verdient hat.

„…wir können nicht dulden, dass ihr zu klug werdet. Wir können nicht dulden, dass ihr so tüchtig werdet, dass ihr uns weglaufen könnt.“ S. 256

Die junge Cora, sie ist im Teeangeralter und lebt seit ihrer Geburt als Sklavin auf einer Baumwollfarm, willigt in den wahnsinnig anmutenden Plan des Sklaven Caesar ein: Sie wird mit ihm versuchen, zu fliehen. Die Chance, es zu schaffen, ist gering, und wann immer ein Sklave auf seiner Flucht aufgespürt und zurückgebracht wurde, war dies nicht nur der sichere Tod desjenigen, die Herren dachten sich zudem noch besonders grausame Foltermethoden aus und ließen die anderen Sklaven bei Qual und Todeskampf zusehen – sie sollten wissen, was auf sie zukäme, sollten sie ebenfalls einen Versuch starten. Cora weiß dies alles, doch sie weiß auch, dass Caesar Kontakte hat zur „Underground Railraod“, einem geheimen Netzwerk aus Menschen, die Sklaven dabei helfen, in die Freiheit zu entkommen. Was in Wirklichkeit eine Metapher für eben dieses Netzwerk war, nimmt Whitehead in seinem Roman kurzerhand wörtlich: Bei ihm gibt es ein Eisenbahnnetz unter der Erde, mit dem die Entflohenen entkommen können.

Als Leser begleitet man Cora auf ihrer Flucht, ihrem Versuch, ein Leben in Freiheit zu führen. Nie kann sie wirklich sicher sein, auf ihren Kopf ist eine Belohnung ausgesetzt. Für Männer wie Arnold Ridgeway, einer weiteren Figur in Whiteheads Roman, ist die Jagd auf Entlaufene Broterwerb und quasi sein Beruf. Cora möchte er besonders gern finden: Ihre Mutter Mabel floh vor einigen Jahren von der Randall-Farm, auf der Cora lebte und ließ Cora zurück, die danach auf sich gestellt war – und wurde nie aufgespürt.

Whitehead bleibt die meiste Zeit sehr nah an seiner Hauptfigur, die ihm sehr lebendig und differenziert gelungen ist. Die ständige Angst, entdeckt zu werden, geht dabei auf den Leser über. Und mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, wenn es auch nicht mehr als eine leise Ahnung sein kann, was es heißt, als Sklave zu leben – selbst, wenn man es tatsächlich in die Freiheit geschafft haben sollte. Kindheit und Jugend, Gewalt und Missbrauch prägen unüberwindbar. Und im Laufe der Lektüre des Romans beginnt man zu verstehen, wie sehr die Sklaverei das heutige Amerika geprägt hat, wie wenig sie eigentlich überwunden ist.

„Und auch Amerika ist eine Illusion, die größte von allen. Die weiße Rasse glaubt – glaubt von ganzem Herzen –, dass sie das Recht hat, das Land zu rauben. Indianer zu töten. Krieg zu führen. Ihre Brüder zu versklaven. Wenn es irgendeine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, dürfte diese Nation nicht existieren, denn ihre Grundlagen sind Mord, Diebstahl und Grausamkeit. Dennoch sind wir hier.“ S. 326

Was Whitehead hier einem seiner Protagonisten in den Mund legt, klingt hart und pauschalisierend, dennoch, es ist ein Zitat, das auch in die Gegenwart passen würde. „Underground Railroad“ ist das Buch für unsere Zeit, in der der Rassismus in den USA wieder in aller Munde ist.

Darüber hinaus ist dem Autor eine fesselnde Geschichte gelungen, die man atemlos immer weiter liest, immer in der Hoffnung, dass Cora es schafft, immer in der Angst, dass sie gefangen wird. Whiteheads Sprache ist meist schnörkellos und geradeheraus, nur manchmal blitzen pointierte Metaphern auf, die er sehr dosiert setzt, und die seinen Stil abrunden und den Roman literarisch zu einem Hochgenuss machen. Die Beschreibungen der Gewalt sind dabei schwer zu ertragen, die Ausweglosigkeit der Sklaven nur zu spürbar. An einigen Stellen ist der Roman folgerichtig sehr düster. Andererseits sind da immer wieder die vielen Menschen, die für die Underground Railroad arbeiten, die ihr Leben riskieren, um anderen zu helfen – denn bei Entdeckung wurden auch die Helfer meist kurzerhand aufgehängt oder anderweitig getötet. Dass es dieses Netzwerk, wenn auch nicht in der im Roman beschriebenen Form – gegeben hat, dass es diese hilfsbereiten, mutigen Menschen gab, das hinterlässt auf der anderen Seite dann doch wieder einen Hoffnungsschimmer.

So bleibt am Ende nur zu sagen, dass „Underground Railroad“ all das Lob, die Empfehlungen und die Preise verdient hat. Lest diesen Roman.

Sehr zu empfehlen zum Thema Rassismus in den USA, seiner Geschichte und seinen Auswirkungen bis heute ist auch der Band „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates. Hier geht es zu meiner Besprechung.

Colson Whitehead: Underground Railroad, Hanser Verlag, 2017, 352 Seiten, 24 Euro

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Der Traum von der Freiheit – Colson Whitehead: Unterground Railroad

  1. Bri schreibt:

    Ich will ihn auch noch unbedingt lesen – aber keine Ahnung wann 😉 Wie immer es fehlt die Zeit … zur Zeit.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Colson Whitehead – Underground Railroad – LiteraturReich

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s