Wildes Biest – Catherine Lacey: Niemand verschwindet einfach so

Es ist das wilde Biest, das in Elyria wohnt, das ihr gesagt hat, sie „solle das schöne Apartment verlassen und den vollkommen angemessenen Job und Alltag und Ehemann, der nichts allzu Schreckliches getan hatte, auch wenn ich nicht wusste, warum, und obwohl es kein Tier ist, das von sich aus angreift, kann es sich doch, wenn es angegriffen wird oder ihm etwas im Weg steht, mit all seinen biestigen Pfunden und schweren Knochen auf einen stürzen, und das musste ich mit einkalkulieren.“ S. 85 Und so verlässt Elyria New York und geht nach Neuseeland. Ein alter Bekannter hatte einmal eine nicht ganz ernstgemeinte Einladung ausgesprochen, Elyria beschließt, sie jetzt dennoch anzunehmen.

Elyria hatte eine Adoptivschwester, Ruby, die im gleichen Alter war wie sie. Ruby nahm sich das Leben, indem sie sich von einem Universitätsgebäude stürzte. Sie war Studentin des jungen Professors, den Elyria gleich nach Rubys Selbstmord kennenlernte, denn er war der Letzte, der sie lebend gesehen hatte. Elyria und er verliebten sich ineinander und heirateten. Ihre Mutter, zu der Elyria ein eher schwieriges Verhältnis hat, auch deshalb, weil sie Alkoholikerin ist, hielt dies immer für eine schlechte Idee.

In „Niemand verschwindet einfach so“, dem Debütroman von Catherine Lacey, versucht die Protagonistin genau das, einfach so zu verschwinden. Sie muss aber feststellen, dass dies nicht möglich ist: „… ich könnte nie den Verlauf meiner Geschichte löschen, sondern wüsste immer genau, wo ich war und gewesen war, würde nie aufwachen und nicht mehr da sein…“ S. 197 Dabei lässt sie sich zunächst durch Neuseeland einfach nur treiben, mit dem vagen Ziel der Farm des alten Freundes, begegnet Fremden, die ihr immer wieder sagen, sie solle vorsichtig sein, das Land sei gefährlich, man könne sie umbringen und die dann gern Geschichten nachschieben, die von anderen jungen Ausländerinnen handeln, die eben nicht vorsichtig genug gewesen seien und deren zerstückelte Einzelteile man dann irgendwann gefunden habe.

Laceys Roman ist einer von denen, in denen sich das Meiste im Kopf der Erzählerin abspielt – Elyria erzählt aus der Ich-Perspektive. Es sind meist kürzere Episoden ihrer Zeit in Neuseeland und die Begegnungen mit den Menschen dort, von denen wir lesen auf der einen Seite und Rückblenden in das Leben mit dem Ehemann in New York, den sie ohne ein Wort verlassen hat, auf der anderen. Mit ihrem Mann hat sie in Neuseeland kurze telefonische Kontakte, er möchte seine Frau verstehen, doch das mag nicht gelingen. Dazwischen stehen Elyrias Gedanken, Assoziationen, Beobachtungen.

Immer wieder taucht dabei das Motiv des wilden Biests auf, das in der Protagonistin wohne, wie sie sagt, ein Bild der Depression, unter der die Protagonistin ganz offenbar leidet, wobei dieses Wort nie ausgesprochen wird und es auch nicht um eine Diagnose dessen geht, was mit ihr los ist. Elyria ist wie abgetrennt von ihren Gefühlen, oft ist sie wie ein unbeteiligter Beobachter ihrer selbst. Einer, der versucht, zu verstehen, der dabei zuschaut, wie sie jemanden spielt, der sie gern sein würde, aber nicht mehr ist. Ihr ist die Fähigkeit, Dinge und Situationen zu bewerten, abhanden gekommen, oft muss sie, um zu verstehen, geistige Umwege gehen, sich fragen, was wohl eine adäquate Reaktion wäre von jemandem, in dessen Innerem eben kein wildes Biest wohnt.

Wenn in Laceys Roman die Wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen steht, sondern in kursiver Schrift, ist es hier ein wenig so, als würde die Erzählerin in Zweifel ziehen, dass die Dialoge wirklich stattfinden, als wäre sie auch hier ein unbeteiligter Beobachter und nicht selbst Teil der Unterhaltung. Alles in dieser Geschichte wirkt immer ein bisschen surreal.

„Niemand verschwindet einfach so“ wird, so vermute ich, polarisieren, erste Leserstimmen schreiben von der erdrückenden Schwermut und Negativität, die der Roman ausstrahle. Und natürlich ist Laceys Roman ein nachdenkliches, melancholisches Buch, das ich trotz seines eher schmalen Umfangs einige Male unterbrach, um mich nicht allzu sehr mit hineinziehen zu lassen in die Stimmung, die von der Protagonistin ausgeht. Dennoch halte ich den Roman nicht für niederschmetternd. Wichtig erscheint mir auch, dass Elyria nicht pessimistisch ist, sondern dass sie einfach gar nichts empfindet. Und wie Lacey diesen Zustand vermittelt, der sehr schwer in Worte zu fassen ist, das ist sehr gelungen.

„Ich hörte ihm so aufmerksam zu, wie ich konnte, nahm weiterhin seine Worte in die Hände, faltete sie zu glatten Rechtecken und legte sie auf einen ordentlichen Stapel neben mir.“ S. 216

Catherine Lacey: Niemand verschwindet einfach so, Aufbau Verlag, 2017, 256 Seiten, 22 Euro

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