Alles fließt – Peter von Becker: Céleste

Die angesehene Künstlerin Céleste steht kurz vor ihrem 100. Geburtstag, als sie dem Anwalt Edvard, den sie von früher kennt, eine Email sendet, in der sie darum bittet, ihn sehen zu dürfen. Alles Weitere bespricht Célestes Tochter Benedictine mit ihm. Mit ihr hat Edvard eine romantische Vergangenheit. Céleste möchte Edvard etwas erzählen, ja, es ist so etwas wie eine Beichte, die sie ablegen möchte, da sie spürt, dass ihr Lebensende nah ist.

In Peter von Beckers schmalem Roman „Céleste“ ist die Episode um sie, die daher nur folgerichtig im Titel steht, die zentrale Begebenheit. Er umfasst insgesamt fünf Episoden um fünf Protagonisten, die auf den ersten Blick nichts oder nur wenig miteinander zu tun haben. Wir befinden uns im Jahr 2013, wobei der Aufbau in Beckers Roman nicht chronologisch ist.

Außerdem lesen wir von dem Autor Jonas Hecker, der gegen seinen Willen auf einer italienischen Insel festgehalten wird und über dessen Verbleib der Allgemeinheit nichts bekannt ist. Wir lernen den Kulturreferent der Deutschen Botschaft in Rom kennen, der nach einem Schicksalsschlag vor einiger Zeit nun während eines Ausflugs eine ungewöhnliche Begegnung mit einer jungen Frau macht. Der Philosoph Julius Seelenberg schließlich erhält eine Einladung nach Sylt, wo er aus seinem aktuellen Buch lesen soll – auch er lernt unerwartet jemanden kennen. Schlussendlich ist es in der letzten Episode dieser Seelenberg, der mit seiner Freundin eine schicksalhafte Reise nach Tokio unternehmen wird.

Peter von Becker verflicht diese Episoden sehr gekonnt miteinander. Lesen sie sich zu Beginn noch sehr für sich, sehr isoliert von einander, so spürt man während der Lektüre mehr und mehr, wie sie – wenn auch oft nur sehr zaghaft und wie nebenbei – ineinander greifen. Es ist, als würden die Grenzen der einzelnen Begebenheiten mehr und mehr zerfließen, so dass sie immer weniger sichtbar sind.

Gemeinsamkeiten zwischen den Protagonisten zeigen sich dabei früh: Fast alle sind in irgendeiner Form Künstler, Schriftsteller. Und sie sind Reisende: In von Beckers Roman werden oft die Orte gewechselt, kaum etwas von Bedeutung spielt sich dort ab, wo die Protagonisten leben. Wir befinden uns stets ein wenig abseits des Alltags. Geschildert werden dabei (Wieder-)Begegnungen. Und je weiter man gelesen hat, umso deutlich zeigt sich, wie alles fließt und ineinander greift, spätestens wenn die eigentlich für sich stehenden Episoden sich dann mal zaghaft, mal deutlicher berühren.

Peter von Becker erzählt all dies in einer sehr leichten Art und Weise, so dass der schnell lesbare Roman seine Tiefe vielleicht nicht sofort offenbart. Wie gut alles miteinander verflochten ist, wie geschickt konstruiert „Céleste“ ist, bemerkt man so erst auf den zweiten Blick.

Viel mehr gibt es zu diesem wunderbaren, sehr feinen Roman eigentlich nicht zu sagen. Von Becker zeigt uns auf unterhaltsame, teils nachdenkliche Weise einen Ausschnitt Leben. Er hat ein lebendiges, lebenskluges Buch geschrieben, das ich sehr gern gelesen habe.

Peter von Becker: Céleste, Mare Verlag, 2017, 240 Seiten, 22 Euro

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3 Antworten zu Alles fließt – Peter von Becker: Céleste

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Liegt bei mir noch auf dem Stapel. Ich bin sehr gespannt. Vielen Dank für die Besprechung und viele Grüße

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Meine Highlights 2017 | letteratura

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