Tanzen und Leben – Zadie Smith: Swing Time

Tracey und die Erzählerin in Zadie Smiths neuem Roman „Swing Time“ lernen sich als Kinder kennen und werden schnell Freundinnen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie jeweils einen weißen und einen schwarzen Elternteil haben, wobei bei der Erzählerin der Vater weiß ist, bei Tracey die Mutter. Tracey ist der Meinung, bei der Freundin sei es „falsch rum“.

In Swing Time erzählt die Freundin – ihren Namen erfahren wir nicht – von der gemeinsamen Kindheit mit Tracey und von der Jugend und ihrem frühen Erwachsenenalter. Nicht immer ist Tracey später noch Teil ihres Lebens, und die Schwerpunkte in der Geschichte verschieben sich. Der Tanz zieht sich als eine Art Leitmotiv durch den Roman, wird an verschiedenen Stellen immer wieder aufgegriffen, vor allem bleibt er Traceys Leidenschaft: Sie hat Talent und will auch beruflich tanzen, während die Erzählerin einen anderen Weg einschlägt. Nach einer Zeit der Orientierungslosigkeit wird diese mehr oder weniger zufällig zur persönlichen Assistentin eines Weltstars, der Sängerin Aimee. Eine Frau, die buchstäblich jeder zu kennen scheint und die ihre Eigenheiten hat, die gewohnt ist, dass sich alles um sie dreht.

„Swing Time“ ist ein sehr lebendiger Roman, der so unterhaltsam geschrieben ist, dass die Seiten bei der Lektüre nur so dahinflogen. Smith bringt viele Themen unter: Natürlich geht es um das Aufwachsen der beiden Mädchen und ihre Erfahrungen in einer Gesellschaft, in der sie nicht aussehen, wie alle anderen, wobei sie weniger offenem Rassismus begegnen, sondern die Auswirkungen eher subtil sind. Interessant ist zu beobachten, wie unterschiedlich ihre Lebenswege sich entwickeln werden, wobei der Fokus auf der Erzählerin liegt. Große Teile des Romans spielen im Umkreis ihrer Arbeit für die weltbekannte Sängerin Aimee, sie und alle Angestellten leben in einer Art Paralleluniversum, in der Geld keine Rolle spielt. Aimee möchte etwas Gutes tun und eine Schule in Westafrika gründen, so dass die Erzählerin oft beruflich vor Ort ist, Menschen dort kennenlernt und deren Leben beobachtet: Sie mag sich äußerlich nicht so sehr von den Einheimischen unterscheiden, ihr Blick auf sie ist aber der einer Europäerin.

Während Smith also im Erzählstrang, der in Afrika spielt, den einseitigen Blick der Europäer auf den Afrikanischen Kontinent entlarvt, geht es an anderer Stelle beispielsweise um das Vereinbaren von Familie und Karriere, wenn die Mutter der Erzählerin immer mehr zur politischen Intellektuellen wird, während der englische Vater irgendwann auf der Strecke bleibt. Vor allem, und da liegt für mich der Schwerpunkt des Romans, geht es um die Erzählerin selbst, die in der Geschichte, in ihrer eigenen Geschichte, ihrem Leben nämlich, ihren Platz sucht. Sie treibt dahin, die Arbeit für Aimee ist ein Fulltimejob wie in einer Blase abgekoppelt von der Welt der Anderen. Dass dieses Leben nicht immer so weitergehen kann und wird, wäre klar auch ohne den Prolog des Romans, der dem Leser gleich zu Beginn verdeutlicht, dass die Erzählerin an einem Wendepunkt angekommen ist, allein dasteht, sich verstecken muss, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Der Roman rollt auf, wie es dazu kam. Seine Erzählerin ist eine impulsive junge Frau, die ihre Geschichte packend erzählt.

Zadie Smiths Roman kommt leicht daher, liest sich schnell trotz des Umfangs von mehr als 600 Seiten. In einer Kritik war zu lesen, der Roman sei überfrachtet einerseits, habe Längen andererseits, ich habe keines von beidem so empfunden. Wenn überhaupt, dann könnte man dem Roman vielleicht vorwerfen, dass seine so leichte Lesbarkeit dazu verleitet, die vielen interessanten und klugen Gedanken, die Smith in der Geschichte unterbringt, nicht in dem Maße wahrzunehmen, wie sie es verdient hätten, aber dies liegt ja am einzelnen Leser selbst.

„Swing Time“ hat mich nach Smiths letztem Roman „London NW“, den ich als nicht so gelungen empfand wie die Vorgänger, wieder voll überzeugt. Es ist eine höchst unterhaltsame und kluge Geschichte, ein bisschen eine Art Coming-of-Age-Roman, ein Roman voller Leben – so wie es ein Swing ist – und allem, was dazu gehört. Auch Smiths Roman steht mit den bereits von mit besprochenen neuen Romanen von Arundhati Roy und Mohsin Hamid und mit „Underground Railroad“ von Colson Whitehead (Besprechung folgt bald) auf der Longlist zum Man Booker Prize 2017.

Zadie Smith: Swing Time, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2017, 640 Seiten, 24 Euro

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8 Antworten zu Tanzen und Leben – Zadie Smith: Swing Time

  1. marinabuettner schreibt:

    Scheint als wäre Smith leichter zu lesen als Roy?

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  2. literaturreich schreibt:

    Mir hat tatsächlich London NW besser gefallen als Swing Time. Vielleicht gerade weil es etwas sperriger ist. Aber: Ich bin bekennender Zadie Smith Fan und Swing Time ist ein toller Roman. Schöne Besprechung von dir. Meine kommt hoffentlich morgen. (Und bei Whitehead und Roy muss ich noch aufholen 😉 ). Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Ich erinnere mich kaum an London NW, ich meine, dass mich die Protagonisten einfach nicht wirklich interessiert haben und ich deshalb wenig Freude an dem Roman hatte. Bei Whitehead bin ich grad mittendrin, das dauert noch ein paar Tage mit der Besprechung, vermutlich wird es eine langweilige Lobhudelei 😉

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  3. Pingback: Zadie Smith – Swing Time – LiteraturReich

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