Ende einer Nacht – Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

Édouard Louis, Mitte 20 und Autor des autobiographischen Romans „Das Ende von Eddy“, in dem er von seiner schlimmen Kindheit und Jugend als schwuler Junge in der französischen Provinz erzählte, hat erneut eine wahre Begebenheit in Romanform gepackt. In einem Interview erzählt der junge Schriftsteller, dass er nach Beenden seines Debütromans eigentlich eine Liebesgeschichte schreiben wollte, dass ihn dann aber eine plötzlich erfahrene Gewalttat, deren Opfer er wurde, dazu zwang, das Manuskript beiseite zu legen.

Es ist ein Abend im Dezember, Édouard war mit Freunden zum Abendessen aus. Auf dem Heimweg trifft er einen jungen Mann, Reda, einen jungen Immigranten mit algerischen Wurzeln. Sie unterhalten sich, schließlich nimmt Édouard den Fremden mit zu sich in seine kleine Wohnung. Sie reden, lachen, kommen sich näher. Sie verstehen sich gut, bis irgendwann die Stimmung kippt. Édouard bemerkt, dass Reda ihn bestehlen will. Damit konfrontiert, wird Reda aggressiv und droht, ihn umzubringen.

„Im Herzen der Gewalt“ ist die literarische Aufarbeitung der traumatischen Erfahrung Édouard Louis‘. Er entkam der Bedrohung, er überlebte, doch verständlicherweise ist es ihm nicht möglich, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Seine Freunde überreden ihn, zur Polizei zu gehen. Er erstattet Anzeige, er erzählt anderen von dem, was ihm passiert ist. Der Roman gibt diese Berichte wieder, und Louis wählt dafür eine etwas ungewöhnliche Methode: Es ist über weite Teile seine Schwester, die er einige Wochen nach dem Geschehen besucht, die wiederum ihrem Mann davon erzählt. Sie weiß nicht, dass ihr Bruder sie belauscht. Er gibt die Schilderungen der Schwester für den Leser wieder, unterbrochen von seinen eigenen Gedanken zu dem, was die Schwester sagt. Er rückt gerade, stellt richtig, verschiebt die Schwerpunkte in ihrer Erzählung, er differenziert, oft nur in Nuancen.

Louis wählt diese Herangehensweise, um zu verdeutlichen, dass sich andere unsere Geschichten zu eigen machen, eine Erfahrung, die wahrscheinlich jeder schon einmal gemacht hat. Dass wir interpretieren, unterfüttern, verändern, was andere erlebt oder uns zugetragen haben. Es ist, als gäben wir die Macht über unsere Geschichten aus der Hand, wenn wir sie anderen erzählen, da sie sich dadurch immer verändern. Und Édouards Geschichte ist eine, die es in sich hat.

„Im Herzen der Gewalt“ ist ein Roman, es ist aber deutlich, dass dem Autor passiert ist, wovon er schreibt. Im Kern ist seine Geschichte wahr. Dass mir beim Lesen solch intimer Erfahrungen immer ein wenig unwohl ist, ich mir dabei ein wenig wie ein Voyeur vorkomme, den all das in dieser Genauigkeit eigentlich gar nichts angeht, kann ich daher weder dem Autor noch seinem Buch wirklich vorwerfen. Das Verhältnis Édouards zu seiner Schwester scheint dabei schwierig. Oft kommen ihre Kommentare Bewertungen seines Charakters gleich – und die sind zumeist kritisch. Warum also lässt Louis uns so genau teilhaben an etwas, dass sich teilweise wie die Beschreibung einer schwierigen Schwester-Bruder-Beziehung liest? Die Frage stellt sich, ob der eigentliche Antrieb, „Im Herzen der Gewalt“ zu schreiben, ausschließlich war, das Geschehen zu verarbeiten. Ganz klar scheint mir das nicht, und ganz überzeugen konnte mich Louis‘ Herangehensweise ebenfalls nicht. Auf jeden Fall aber will Louis ein Buch über die uns alle umgebene Gewalt schreiben – Gewalt, die sich überall findet, nicht nur, und das ist ihm wichtig, bei jungen Immigranten aus nordafrikanischen Ländern.

„Im Herzen der Gewalt“ ist ein intensives Buch, auch und gerade durch die starke, schnelle Sprache des jungen Autors. In den Passagen, in denen die Schwester redet, sehr nah am Gesprochenen und umgangssprachlich. In den erzählenden Abschnitten ebenso direkt und auf den Punkt. Ein Roman, der sehr fokussiert ist auf die erfahrene Gewalt des Erzählers und der anderes bewusst auslässt, so dass Nebenfiguren wie seine Freunde im Hintergrund bleiben, was sicher kein Zufall ist.

Eine große Stärke in Louis’ Roman liegt in dem Verdeutlichen dessen, was die Geschehnisse dieser Nacht mit ihm gemacht haben. Seine Angst, seine Empfindlichkeiten, das Gefühl des Sich-schmutzig-Fühlens, all dies ist für den Leser stets nicht nur nachvollziehbar, sondern auch spürbar. „Im Herzen der Gewalt“ ist so nicht nur zuweilen ein brutales, sondern auch ein brutal offenes Buch.

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt, Fischer Verlag, 2017, 224 Seiten, 20 Euro

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