„Wir sind alle Migranten in der Zeit“ – Mohsin Hamid: Exit West

Nadia und Saeed lernen sich in einem Abendkurs kennen, irgendwo in einem muslimischen Land, dessen Name nie genannt wird. Schon zu Beginn der Geschichte befindet sich die Heimatstadt der beiden „am Rande des Abgrunds“, wie es heißt. Große Unruhen werfen ihre Schatten voraus. Nadia und Saeed kommen aus unterschiedlichen Verhältnissen: Sie verhüllt zwar ihren Körper mit einem schwarzen Gewand, tut dies aber nicht aus religiösen Gründen, sondern um sich die Männer vom Leib zu halten. Nadia versucht, ein freies Leben zu führen und lebt allein. Ein Zustand, den sie sich hart erkämpft hat, mit ihrer Familie hat sie kaum noch Kontakt. Saeed dagegen lebt noch bei seinen Eltern und ist religiös, wenn auch nicht sehr streng, jedoch gehört zum Beispiel das Freitagsgebet fest zu seinem Leben.

Während die Situation in Nadias und Saeeds Heimat immer gefährlicher wird, es zu ersten  Ausgangssperren und Kämpfen kommt, verlieben sich beide ineinander. Es ist ihnen verboten, unverheiratet zusammen zu sein. Damit Nadia nicht allein in ihrer Wohnung ist, zieht sie zu Saeed und seinen Eltern. Als Gerüchte von geheimnisvollen Türen die Runde machen, durch die man dem inzwischen vom Krieg geschüttelten Land entkommen kann, beschließen Nadia und Saeed, es zu versuchen. Sie nehmen Kontakt auf zu einem Vermittler, der sie für eine größere Summe zu einer solchen Tür in ein wie sie hoffen besseres Leben zu bringen verspricht.

„Exit West“, so lautet der Titel des neuen Romans des pakistanischen Autors Mohsin Hamid, dessen Roman „Der Fundamentalist, der keiner sein wollte“ und dessen Essaysammlung „Es war einmal in einem anderen Leben“ ich mit Begeisterung gelesen habe. Ein Ausgang gen Westen ist die Tür, durch die die beiden Protagonisten entkommen wollen. In eine andere, eine hoffentlich bessere Welt. Obwohl sie, auch das ist sehr deutlich, viel zurücklassen.

Hamid verbindet in seinem Roman realistische und unrealistische Komponenten auf packende Weise. Fast alles, was wir lesen, kann sich so oder ähnlich zutragen – hat sich so oder ähnlich mit Sicherheit schon abgespielt – nur die geheimnisvollen Türen, die die Fliehenden in andere Länder, auf andere Kontinente verfrachten, fallen aus diesem manchmal nur schwer erträglichen Realismus heraus, wobei sie mitnichten komplikationslos in ein sogleich besseres Leben führen. Diese Türen übrigens werden von den Protagonisten nur sehr kurz angezweifelt, sie bilden so etwas wie ein magisch-realistisches Stilmittel.

Hamids nur gut 200 Seiten umfassender Roman zeichnet sich auf der einen Seite durch seinen eher nüchternen Stil aus, in dem alles unumwunden ausgesprochen wird, in dem Alltägliches und Außergewöhnliches, auch Grausames ebenbürtig nebeneinander steht. Die Sätze sind oft lang und doch von einer Einfachheit im besten Sinne, ein wenig atemlos liest sich das, wenn immer noch etwas nachgeschoben wird. Ein neuer einfacher und doch philosophischer Gedanke etwa, oder nur eine knappe Beschreibung von Äußerlichkeiten. In „Exit West“ habe ich kein Wort zu viel gefunden.

Hamid schreibt über alle Menschen, nicht nur über die, die ihre Heimatländer verlassen (müssen). Genauso geht es um jene, in deren Länder sie kommen und ebenso um Lebensbereiche, in denen wir alle gleich sind, unabhängig von Herkunft und Religion. Beziehungen, Wünsche, Lebensträume. Der Roman lädt sehr dazu ein, sich eigene Gedanken zu machen. „Exit West“ bewegt sich stets zwischen dem Wunsch nach Utopie und schonungslosem Realismus. Die Metapher der Türen, die einen in kürzester Zeit in eine komplett andere Welt bringen können, und die den langen Weg der Flucht dabei komplett eliminieren, ist dabei äußerst gut gelungen. Und das Thema Migration wird nicht nur von einer Seite beleuchtet, sie betrifft uns alle.

„Exit West“ ist ein Roman, der mit seiner ruhigen Erzählweise zu fesseln weiß und der den Leser dazu auffordert, genau hinzusehen. Man kann viel herauslesen aus dieser Geschichte, sie ist eine einzige Einladung zur Interpretation. Es steckt enorm viel in ihr. Ein Buch, das genau in unsere Zeit passt. Eine Geschichte voller Poesie und Menschlichkeit, stark, klug und packend. „Exit West“ ist eines meiner Highlights in diesem Lesejahr und für den Man Booker Prize 2017 nominiert. Ich wünsche ihm viele Leser.

Das Zitat stammt von Seite 204.

Mohsin Hamid: Exit West, Dumont Verlag, 2017, 22 Seiten, 22 Euro

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5 Antworten zu „Wir sind alle Migranten in der Zeit“ – Mohsin Hamid: Exit West

  1. Masuko13 schreibt:

    Mich hast du jetzt ganz sicher als Leser dieses Buches. Schöne Rezension! Außerdem mochte ich von Hamid sehr „So wirst du steinreich im boomenden Asien“. Ein ganz außergewöhnlicher Erzähler!

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Dankeschön! Ja, das finde ich auch, und wie ich schon schrieb, ich fand auch seine Essays sehr lohnend. Vom boomenden Asien habe ich gehört, habe ich aber noch nicht gelesen. Ich behalte es mal im Hinterkopf. Viele Grüße!

      Gefällt 1 Person

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