Stecken geblieben – Stuart Nadler: Die Unzertrennlichen

Drei Wellensittiche sind auf dem Cover zu sehen, sie unterscheiden sich, doch sie sind farblich aufeinander abgestimmt. Die unteren Teile gehören jeweils zu einem der anderen Vögel, es besteht also eine Verwandtschaft, eine Zugehörigkeit. Ein passendes Bild für die Geschichte um die drei Frauen – wobei eine von ihnen noch nicht erwachsen ist –, die uns Stuart Nadler in seinem neuen Roman „Die Unzertrennlichen“ erzählt.

Henrietta ist seit kurzer Zeit Witwe und in Geldnöten, sie kann ihr Haus nicht halten und wird es wahrscheinlich verkaufen müssen. Ihre Tochter Oona hat sich von ihrem Mann getrennt und wird von ihrem Paartherapeuten umworben. Sie muss wiederum ihre Tochter Lydia von der Privatschule abholen, auf die diese seit einigen Monaten geht, weil ein Nacktfoto von ihr im Umlauf ist.

Gemeinsam ist den dreien, dass sie sich in schwierigen Situationen befinden und dass Männer sie auf die eine oder andere Weise enttäuscht haben, wenn bei Henrietta die Enttäuschung auch „nur“ darin besteht, dass ihr Harold gestorben ist, ihre Ehe war weitgehend glücklich. Folgerichtig konzentriert Nadler sich in seinem Roman auf die drei Frauen und deren Versuche, Wege aus den Schwierigkeiten zu finden. Henriettas Geldsorgen zumindest könnten bald gelöst sein: Als junge Frau schrieb sie den Bestseller „Die Unzertrennlichen“, ein Roman über das Sexualleben einer Frau in den Sechziger Jahren mit sehr genauen Zeichnungen weiblicher Geschlechtsorgane. Das Buch soll nun wieder neu aufgelegt werden, wogegen Henrietta sich lange gewehrt hat, da sie eigentlich nicht daran erinnert werden will und es nach wie vor Scham in ihr auslöst. Es wurde von den Leserinnen geliebt, von der Kritik zerrissen und Henrietta war eigentlich froh, dass sie nicht mehr so häufig auf das Buch angesprochen wurde.

Die Situationen, in denen es um das Buch geht, sorgen für ein wenig Heiterkeit in Nadlers Roman, aber „oft sehr laut lachen“ musste ich nicht, wie The New York Times Book Review es auf dem Buchumschlag verspricht. Leider konnte mich der Roman nicht packen, er hat mich leidlich unterhalten, letztlich bin ich nach der Lektüre ein wenig ratlos. Nadlers Charaktere sind durchaus überzeugend und lebendig, jedoch machen sie kaum eine Entwicklung durch. Nicht jede Situation muss abschließend gelöst werden und ich mag es sehr, wenn ich mir meine eigenen Gedanken machen, selbst interpretieren darf. Die drei Protagonistinnen in „Die Unzertrennlichen“ treten für mich aber letztlich nur auf der Stelle. Sie setzen sich mit ihren Problemen zwar auseinander, sie reden auch viel miteinander, wobei mir Nadlers Dialoge gefallen, sein von ihm entwickelter Kosmos scheint mir lebendig, und es ist schön zu lesen, wie die Familie versucht, zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu helfen. Aber irgendwo bleibt der Roman dann einfach stehen.

Ein bisschen Spannung kommt auf, wenn Lydias Vater / Oonas Exmann Spencer versucht, seiner Tochter zu helfen, sich gegen den Jungen durchzusetzen, der das verhängnisvolle Foto von ihr in Umlauf brachte. Doch dass Oona mit ihrem und Spencers Paartherapeut anbändelt, erscheint mir weder ein neuer noch ein besonders origineller Erzählkniff zu sein, und leider ist die Umsetzung hier in meinen Augen wie der Rest des Romans: Irgendwie nett, wenn auch ein wenig langweilig, irgendwie mag man die Protagonisten und wünscht ihnen, dass sie sich aus ihrem Schlamassel befreien, aber wirklich daran teilhaben möchte man dann doch nicht.

Nach Nadlers Debütroman „Ein verhängnisvoller Sommer“, den ich mit Begeisterung gelesen habe, hat mich sein neuer Roman leider enttäuscht. Liebenswerte Charaktere, die in skurrile Situationen gebracht werden, machen noch keine überzeugende Geschichte. So wird „Die Unzertrennlichen“ mir wohl nicht lange in Erinnerung bleiben.

Stuart Nadler: Die Unzertrennlichen, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2017, 368 Seiten, 14,99 Euro

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9 Antworten zu Stecken geblieben – Stuart Nadler: Die Unzertrennlichen

  1. Bri schreibt:

    Hmm, ich bin gespannt – bei mir liegt er auch auf dem Stapel … mal sehen 😉 LG

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    • letteratura schreibt:

      Ich bin auch gespannt… wäre ja schön, wenn Du dem Roman mehr abgewinnen könntest. Freu mich auf Deine Besprechung (und siehst Du, da ist die erste Überlappung bei uns beiden ;-))!

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      • Bri schreibt:

        Ja, stimmt – Du hast Recht. Wahrscheinlich sind es tatsächlich mehr Überlappungen, als ich immer denke ;)) Ich glaube übrigens, dass Dir Was man von hier aus seheh kann sehr gut gefallen würde … oder hast du es schon gelesn?

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      • letteratura schreibt:

        Nein, aber ich habe schon mitbekommen, dass viele es sehr mögen. Ich hab es im Hinterkopf, gerade sind aber andere Sachen dran. Viele Grüße!

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  2. literaturreich schreibt:

    Ich hatte das Buch gar nicht auf dem Schirm. Vielleicht wegen des „braven“ Covers. Dieses wurde mir aber durch die Schilderung seiner Herstellungsgeschichte auf einem Workshop der Litblogconvention so nahe gebracht, dass ich fast schon wieder an dem Buch interessiert war. Deine Besprechung führt mich jetzt wieder auf meinen Ersteindruck zurück. Danke! Viele Grüße!

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  3. literatwo schreibt:

    Sehr schöne Worte – mal sehen, ob ich meine auch noch in einen Artikel bringe. Auf der Stelle treten – das trifft es sehr. Danke für den Austausch bei LB – Güße. Bini

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