Ein Abbild Indiens – Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks

Wenn jemand wie Arundhati Roy, die seit 20 Jahren keinen Roman veröffentlicht hat und deren Erstling „Der Gott der kleinen Dinge“ schon fast so etwas wie ein moderner Klassiker ist, wenn so jemand einen neuen Roman veröffentlicht, sind die Erwartungen groß. Vergleiche mit ihrem Debütroman stellen sich automatisch ein, doch „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist kein zweiter Gott der kleinen Dinge. Hat Roy meine Erwartungen erfüllt? Im Großen und Ganzen ja.

Den neuen Roman inhaltlich kurz zusammenzufassen, ist schwierig, der erzählerische Bogen reicht weit, das Figurenpersonal ist letztlich zwar doch einigermaßen übersichtlich, jedoch kommt einem dies nicht immer so vor. Die Geschichte ist in lange Kapitel aufgegliedert, deren jeweilige Überschreibung auf den Inhalt hinweist, aber die Autorin erlaubt sich hier wie generell nach Gustus abzuschweifen, auszuholen, in der Zeit vor- oder zurückzugreifen.

Wir beginnen den Roman mit Anjum, einer sogenannte Hijra, die mit männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen geboren wurde. Anjum verlässt früh ihr Elternhaus und zieht in eine Wohngemeinschaft mit anderen Hijras, später dann lebt sie auf einem Friedhof. Sie befindet sich stets in einer Gegenwelt, ist außen vor. Zu ihr kehren wir im Laufe der Geschichte zurück.

Während Roy anhand von Anjum auf das Schicksal der Hermaphroditen in Indien hinweist, widmet sie sich im Laufe des weiteren Romans einer Handvoll anderer Protagonisten und es wird sehr politisch. Vor allem der Kaschmirkonflikt ist Thema, sowie die Unruhen in Gujarat. Vier Studienfreunde von früher versuchen, nicht verloren zu gehen bzw. schlicht zu überleben, haben sie sich doch in große Gefahr gebracht. Freiheitskämpfer Musa muss sich verstecken und trifft auf seine alte Liebe Tilo, in die auch die anderen beiden Männer des Quartetts verliebt sind. Und das sind noch längst nicht alle Figuren, die im Roman wichtig sind.

Man muss als Leser schon aufpassen, dass man in diesem Gewimmel nicht verloren geht. Wo und wann man sich befindet, wann man eine Figur schon getroffen hat auf den vorherigen Seiten. Deshalb empfiehlt es sich meiner Meinung nach auch, den Roman nicht zu oft zu unterbrechen, sondern ihn möglichst zusammenhängend zu lesen. Roy macht es ihren Lesern nicht immer leicht, doch auch wenn es einem nicht immer so vorkommt, so hängt doch alles zusammen.

Die große Stärke des Romans ist die äußerst starke Stimme, die Roy ihre Geschichte erzählen lässt. Diese Erzählstimme kommentiert die Geschehnisse, manchmal humorvoll und ironisch, immer klug und warmherzig. Die Sprache ist dabei oft bildreich und hat einen ganz eigenen Rhythmus, der in der Übersetzung von Anette Grube sehr gelungen ist. Oft wechseln sich lange und kurze Sätze ab, insgesamt ist der Stil sehr lebendig.

Will man „Das Ministerium des äußersten Glücks“ nun doch mit „Der Gott der kleinen Dinge“ vergleichen, so ist es also vor allem der viel größere Themenkomplex, der den neuen Roman auszeichnet. Roy spricht nicht nur das Schicksal der Hermaphroditen an und widmet sich dem Kaschmirkonflikt, fast scheint es wie ein Rundumschlag all dessen, was in Indien verbesserungswürdig wäre. Das Kastenwesen etwa, offiziell abgeschafft, ist immer noch präsent, die Rolle der Frau rückt ab und zu in den Mittelpunkt, wenn es manchmal auch nur leise Seitenhiebe sind, Armut, Korruption, Roy spricht all dies an. Auch in ihrem Debütroman fanden verschiedene Missstände schon Erwähnung, dort stand aber die Geschichte ihrer Protagonisten deutlich im Vordergrund, ja war der Roman insgesamt einfach viel geradliniger erzählt.

Andererseits ist das Chaos, das Getümmel, in dem man sich wieder findet bei der Lektüre von „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ein bisschen so, wie ich mir Indien vorstelle: Voll und laut. Voller Eindrücke, Gerüche, Geräusche, Sprachen. Von allem etwas zu viel, und doch faszinierend. Das sind natürlich Vorurteile, abgegriffene noch dazu, doch der Kosmos, in den der Roman entführt, scheint sehr zu diesem Klischee zu passen.

Es hilft bei der Lektüre sicher, sich ein wenig mit Indien, mit indischer Geschichte und Politik auszukennen. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ fordert beim Lesen durchaus heraus, doch das Bild fügt sich zusammen, die Autorin lässt ihre Leser nicht allein. Ein Roman prall gefüllt mit Geschichten und Menschen, der es schafft, den Leser mit allen Sinnen nach Indien zu entführen. Auch wenn der Roman manchmal ein wenig zu zerfallen scheint und man sich erst wieder zurechtfinden, neu sortieren muss, ist er eine allemal lohnende Lektüre in leuchtender Sprache. Arundhati Roy steht mit ihrem Buch auf der Longlist des Man Booker Prize 2017, den sie vor zwanzig Jahren mit „Der Gott der kleinen Dinge“ gewann.

Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks, Fischer Verlag, 2017, 560 Seiten, 24 Euro

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Ein Abbild Indiens – Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks

  1. marinabuettner schreibt:

    Ach, ich bin sehr gespannt. Empfehlenswert ist zum Thema auch Shumona Sinhas „Kalkutta“ https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/shumona-sinha/kalkutta-0 . Sie geht auch auf die Geschichte des Landes ein. dadurch habe ich jetzt wohl schon ein paar Vorkenntnisse. Auch interessant, sprachlich sowieso, ist Meena Kandasamis „Reis und Asche“ https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/05/28/meena-kandasamy-reis-und-asche-verlag-das-wunderhorn/ .
    Viele Grüße!

    Gefällt 1 Person

  2. thursdaynext schreibt:

    Ich freu mich schon drauf. Genau wie auf das Historienspektakel das von der Regisseurin von „Kick it like Beckham“ ins Kino kommt. 70 Jahre freies Indien (und Pakistan) . Musste ich gleich an dich denken
    Liebe Grüsse , sind wieder im Lande

    Gefällt 2 Personen

  3. Bri schreibt:

    Ich freue mich auch drauf. Liegt schon bereit … aber ich brauche dazu Ruhe, denn ich denke, das ist auch wieder ein Buch, das man asm Stück lesen muss. LG, Bri

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Arundhati Roy – Das Ministerium äußersten Glücks – LiteraturReich

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s