Kriegsalltag – Anuk Arudpragasam: Die Geschichte einer kurzen Ehe

Es gibt keine Schonfrist. Gleich auf der ersten Seite: ein sechsjähriger Junge, der schon ein Bein verloren hat, bei der Explosion einer Landmine, und der nun auch seinen rechten Arm verlieren wird. Der Leser wird Zeuge der Amputation, die ausführlich beschrieben wird. Es gibt keine Betäubung, der Arzt führt die Operation ruhig und ohne das Zeichen jeglicher Emotion durch, der bewusstlose Junge erwacht vom Schmerz. Ein kaum zu ertragender Romanbeginn, der zeigt, was für eine Geschichte uns erzählt werden wird, und der andeutet, auf welche Weise.

Wir befinden uns einem Flüchtlingslager, wo, wird nicht mitgeteilt, es ist nicht relevant. Es herrscht Krieg. Alle, die es bis hierhin geschafft haben, haben Angehörige verloren und wissen, dass auch der eigene Tod wahrscheinlich ist vor Ende des Krieges, wann immer dies auch kommen mag. Man hat sich eingerichtet, einen Alltag im Grauen gefunden, ist abgestumpft. Der sri-lankische Autor Anuk Arudpragasam erzählt in seinem Debütroman „Die Geschichte einer kurzen Ehe“ von einer nur sehr kurzen Zeit in diesem Lager.

Auch Dinesh hat seine Angehörigen verloren, floh mit seiner Mutter, die unterwegs starb. Im Lager kommt ein alter Mann auf ihn zu, der ihn bittet, seine Tochter Ganga zu heiraten. Er hofft, seine Tochter bei Dinesh versorgt zu wissen, auch wenn fraglich ist, ob die Ehe sie wirklich schützen kann in Zeiten, in denen andere Regeln gelten als sonst. Dinesh willigt ein, und er und Ganga versuchen zaghaft, sich einander anzunähern. Sie sind Fremde füreinander.

Arudpragasam erzählt seine Geschichte sehr ruhig, beschreibt ausführlich, vor allem auch sinnlich das, was den Menschen im Lager und als Beispiel Dinesh noch geblieben ist. Der Autor konzentriert sich dabei vor allem auf den Körper und Körperfunktionen, die er minutiös beschreibt oder zum Beispiel auf den so menschlichen Wunsch, sich nach langer Zeit ausgiebig zu waschen. Es sind die Alltäglichkeiten, die geblieben sind, wo alles andere verloren ist, der Wille, sich ein bisschen Würde zu bewahren.

Zweiter Schwerpunkt seiner Geschichte ist das Zwischenmenschliche, was zwischen Dinesh und Ganga passiert, auch hier mit großer Behutsamkeit geduldig dargelegt. Der Ton des Autors ist dabei stets der gleiche: Das Schlimme unterscheidet sich nicht mehr vom eigentlich Belanglosen, das hier so viel wichtiger wird, an das die Menschen sich klammern.

„Die Geschichte einer kurzen Ehe“ ist ein schmales Buch, das ich trotzdem immer wieder zur Seite legen musste, weil es so deprimierend, so trostlos ist – auch wenn die Protagonisten immer wieder versuchen, der Trostlosigkeit etwas entgegenzusetzen und dies ihnen auch ein Stück weit gelingt. Es ist ein Roman, den man vor allem ertragen muss. Arudpragasam findet eine treffende Sprache, um seine Geschichte zu erzählen und vermittelt die Hoffnungslosigkeit, der seine Protagonisten ausgesetzt sind, so gekonnt, dass die Geschichte mich niedergedrückt hat. Es ist eine Geschichte über die Würde des Menschen, und sie beschönigt nichts. Dem Autor ist sein Roman durchaus gelungen. Gern gelesen habe ich den Roman aber trotzdem nicht. Vielleicht spricht dies hier aber gerade auch für das Buch und dafür, dass es sein Ziel erreicht hat.

Anuk Arudpragasam: Die Geschichte einer kurzen Ehe, Hanser Verlag, 2017, 224 Seiten, 22 Euro

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