Angekommen – Deborah Feldman: Überbitten

Das jiddische Wort „iberbeten“, zu deutsch „überbitten“, beschreibt ein jüdisches Ritual des Friedenschließens, des Barmherzigseins. Es ist die Überzeugung, dass ein Verzeihen dem anderen gegenüber von vornherein gar nicht nötig sei, da dieser sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Dennoch versichert man sich demjenigen gegenüber, um sicher zu gehen, dass einem verziehen wird, auch und vor allem von Gott.

„Der Begriff Iberbetn war in unserer Gemeinschaft so geprägt, dass er zu einem allgemeinen Ausdruck für unwahrscheinliche Eintracht wurde, zu einer Art Umschreibung von Konflikten oder Widersprüchlichkeiten, die nicht durch die Vernunft, sondern durch den Glauben gelöst wurden.“ S. 630

Für Deborah Feldman ist es ein bisschen wie ein mysteriöses Wunder, wenn sie gegen Ende ihrer autobiographischen Erzählung „Überbitten“, die im Mai beim Secession Verlag erschien, feststellt, dass ihre „innere Spaltung“ geheilt ist. Ganz wie bei dem Ritual aus der streng orthodoxen Gemeinschaft, in der sie aufwuchs und aus der sie im Alter von 23 Jahren ausstieg, steht hier eine Art Befreiung.

Die Regeln dieser Gemeinschaft und das Leben, das für die junge Frau vorgesehen war sowie ihr unglaublicher Freiheitsdrang, der in dem Schritt mündete, all dies hinter sich zu lassen, das war in ihrem sehr lesenswerten Buch „Unorthodox“ nachzulesen, das seit kurzem auch als Taschenbuch zu haben ist. Im vorliegenden Nachfolgewerk geht es um die sieben Jahre nach dem Ausstieg – und es geht noch mehr um sie selbst als zuvor, um ihr Inneres, um ihre Gefühle und Gedanken, die sie zu jedem Punkt für sich selbst und somit auch für den Leser sehr scharf analysiert.

Der Anfang ist hart: Feldman ist ganz auf sich gestellt, hat wenig Geld und kaum soziale Kontakte, für die Gemeinschaft ist sie tot (Tatsächlich legen Verwandte ihr nahe, sich doch umzubringen). Stets ist da der kleine Sohn, um den sie sich kümmern muss und der versorgt werden will, während die finanzielle Not sehr an der jungen Frau nagt. Nach der Veröffentlichung von „Unorthodox“ schließlich wird sie schlagartig eine berühmte Person und hat nun auch genug Geld. Geld, um umzuziehen und erste Reisen zu unternehmen, die sie auf den Spuren ihrer Großmutter und ihrer Familie unternimmt und die letztendlich auch Feldmans Leben einschneidend verändern werden.

Feldman geht stets an die Wurzeln dessen, was in ihr vorgeht. Alles, was ihr passiert, ihre Erlebnisse, ihre innere Entwicklung, die sie durchmacht, all dies analysiert sie profund und manchmal auf fast schmerzhafte Weise. Dabei wird es oft sehr privat. Ich habe großen Respekt davor, all diese Dinge aufzuschreiben, den Leser an intimen Augenblicken teilhaben zu lassen, wohl war mir dabei nicht immer. Das ist letztlich nichts, was man dem Buch vorwerfen kann, da es nun mal ist, was es ist: eine autobiographische Erzählung. Feldman hat sich sicher bewusst sehr genau überlegt, wie viel sie preisgeben möchte. Vielleicht ist mein leichtes Unwohlsein an einigen (wenigen) Stellen dabei also eine persönliche Sache.

„Überbitten“ ist eines der Bücher, für die ich eine lange Lesezeit benötigt habe. Zwischendurch habe ich immer wieder Anderes zur Hand genommen, was einerseits an der fast schmerzvollen Selbstanalyse der Autorin liegt, die ich mir nur stückweise zu Gemüte führen konnte. Ihr Buch ist voll von philosophischen Gedanken, immer wieder setzt Feldman sich scharfsinnig mit ihrem Jüdischsein auseinander, damit, was es zu verschiedenen Zeiten bedeutete und bedeutet, sich zum Judentum zu bekennen. Andererseits hat das 700 Seiten starke Buch aber auch ein paar Längen. Ich hatte jedoch bei allem, was Feldman erzählt, den starken Eindruck, dass es für sie unumgänglich war, davon zu berichten, und auch in aller Ausführlichkeit. Und die Schlussfolgerungen, die sie zieht und manches Mal von mehreren Seiten beleuchtet und daraufhin ein weiteres Mal in anderen Worten erklärt – sie scheinen auch für sie selbst wichtig zu sein, um da anzukommen, wo sie hin wollte. Ganz offenbar hat Feldman dieses Buch auf der Seele gebrannt. Und nun scheint sie endlich angekommen – man kann gar nicht anders, als sich mit ihr zu freuen.

Es war ein schmerzhafter Prozess, sich dieses neue Leben aufzubauen, daran besteht kein Zweifel. Wir dürfen sie auf ihrem Weg begleiten. Besonders interessant waren für mich Feldmans Erfahrungen in Deutschland und vor allem ihre Schilderungen über ihr Leben in Berlin, das ich so mit anderen Augen sehen durfte. „Überbitten“ es ist auch ein Buch über die schwierige Beziehung zwischen den Deutschen und den Juden.

„Sich windend damit zu hadern, deutsch zu sein, ist nicht so anders, als sich windend damit zu hadern, jüdisch zu sein. Eines ist der Kehrwert des anderen.“ S. 695

Deborah Feldman hat ein beeindruckendes Buch geschrieben. Es handelt von nicht weniger als der Suche nach den eigenen Wurzeln und dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Und so bin ich letzten Endes sehr froh, dass die Autorin mich in dieser Intensität, Ehrlichkeit und Offenheit an allem hat teilhaben lassen.

Deborah Feldman: Überbitten, Secession Verlag für Literatur, 2017, 704 Seiten, 28 Euro

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