Familienzusammenkunft – Tessa Hadley: Damals

Erst einmal geht es gar nicht um das „Damals“ und um die Vergangenheit in Tessa Hadleys gleichnamigen Roman. Fran, Alice, Roland und Harriet sind alle in ihren Vierzigern und frühen Fünfzigern. Ihre Mutter starb früh an Krebs, der Vater ließ die Kinder allein in dem Haus, in das sie nun für drei Wochen zurückkehren, um darüber zu entscheiden, ob sie es verkaufen oder instand setzen sollen, was mit viel Arbeit und finanziellem Aufwand verbunden wäre.

Der Leser folgt den Geschwistern in das alte Haus, in das auch noch Frans Kinder Ivy und Arthur mitgekommen sind sowie Rolands jugendliche Tochter Molly und der junge Kasim, Sohn eines Freundes bzw. Ex-Geliebten von Alice, so richtig klar wird dies nicht. Roland hat außerdem zum dritten Mal geheiratet und seine Frau Pilar, eine Argentinierin, mitgebracht, die zum ersten Mal auf Rolands Schwestern trifft und die sowohl in ihrer makellosen äußeren Erscheinung als auch in ihrem geradlinigen und offenbar eher unterkühlten Charakter nicht in die Familie zu passen scheint.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich in Hadleys Roman eingelesen hatte. Zwar schafft sie überzeugende Charaktere und auch sonst ist ihr Setting überzeugend, kann man als Leser gut einsteigen in die Geschichte und sich die Umgebung, das heruntergekommene Haus und den Wald und die Natur sehr gut vorstellen. Und auch die Figuren überzeugen, schnell wird deutlich, wer in der Geschwisterreihe welche Funktion hat, wer wem ähnelt und worin. Trotzdem wirkt der Roman lange Zeit etwas ziellos, was mich aber irgendwann nicht mehr gestört hat: Die Autorin vertraut ganz offenbar einerseits in ihre Geschichte, die genug Potential hat und gut genug erzählt ist, um letztlich überzeugen zu können. Und andererseits traut Hadley sich, ihren Lesern nicht alles fertig vorzusetzen und nicht jegliche Interpretation mitzuliefern, sondern sie sich ihre eigenen Gedanken machen zu lassen, und so soll Literatur ja auch sein.

Später liest man dann doch noch vom Damals und bekommt einige Hinweise für das Heute, so dass sich ein Bild langsam zusammensetzen kann. Während Ivy und Arthur mit kindlichem Blick die Umgebung erkunden, eine sie erschütternde Entdeckung machen und stets die Erwachsenen neugierig beobachten und Schlüsse ziehen, die oft von einer noch unschuldigen Naivität geprägt sind, nähern sich Kasim und Molly einander an, sich ihrer Jugend mit der ihr innewohnenden typischen Überheblichkeit stets bewusst. Die Erwachsenen hingegen können nicht umhin, gescheiterte Beziehungen Revue passieren zu lassen, Lebensentwürfe zu hinterfragen, stets unter dem Eindruck des alten Hauses, das ihnen allen viel bedeutet und mit Erinnerungen verknüpft ist, die schmerzhaft sind und sie an die eigene Vergänglichkeit erinnern.

Hat man sich auf Hadleys ruhigen Erzählfluss und auf ihren unaufgeregten Stil erst einmal eingelassen, entwickelt sich „Damals“ zu einem tiefsinnigen und unterhaltsamen Roman, in dem man sich an der ein oder anderen Stelle vielleicht selbst wieder finden oder zumindest Bekanntes entdecken kann. Der Roman erschien erstmals 2015 in Großbritannien und ist das erste ins Deutsche übertragene Buch der Autorin. Ich hoffe, dass weitere folgen werden: Tessa Hadley ist in meinen Augen eine begabte Schriftstellerin, von der ich gern mehr lesen würde.

Tessa Hadley: Damals, Piper Verlag, 2017, 384 Seiten, 22 Euro

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