Archaische Welt – Michela Murgia: Accabadora

Die Accabadora ist in vielen sardischen Legenden eine Frau, die todkranken Menschen beim Sterben hilft. Sie wird von den Familien desjenigen, der sich im Todeskampf befindet, gerufen. Ob es sie wirklich gegeben hat oder es sich um eine mythologische Figur handelt, ist unklar.

„Accabadora“ ist der Titel des schmalen Romans der sardischen Schriftstellerin Michela Murgia, die den Leser in ihre Heimat, nach Sardinien, mitnimmt, irgendwann mitten im 20. Jahrhundert. Es ist die Geschichte der alten Bonaria Urrai, die spät in ihrem Leben ein junges Mädchen, Maria Listru, als fill’e anima („Kind der Seele“, als Unterschied zum leiblichen Kind) zu sich nimmt. Maria kam als vierte Tochter einer sehr armen Familie zur Welt, ihre Schwestern waren zum Zeitpunkt ihrer Geburt schon im Jugendalter. Marias Mutter und Bonaria Urrai einigten sich auf diese alte Form der Adoption, die allein auf Vertrauensbasis stattfindet und auf Freundschaft basiert, wobei das adoptierte Kind im Kontakt zum Elternhaus bleibt.

Maria wächst bei Tzia Bonaria auf (Tzia ist sardisch für Tante). Sie lässt das Mädchen deutlich länger die Schule besuchen, als es zum Zeitpunkt der Erzählung üblich war, war man doch der Meinung, dass mehr als drei Schuljahre für Mädchen nicht nötig und vergeudete Zeit seien. Tzia Bonaria arbeitet als Schneiderin, verlässt aber manchmal nachts das Haus und verrät Maria nie, wohin sie geht. Bis Maria es eines Tages herausfindet und alles sich ändert.

„Accabadora“ ist ein schmales Buch, das auf eindringliche Weise in eine archaische Welt entführt, die ihre eigenen Regeln hat, an die man sich hält, ohne sie in Frage zu stellen. Michela Murgia erzählt in einer einfachen Sprache dennoch bewegend vom alltäglichen Leben, das plötzlich erschüttert wird. Ein Roman, der das schwierige Thema Sterbehilfe aufgreift und verdeutlicht, dass es sich manchmal lohnt, die Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten.

Die junge Maria wird im Laufe der Geschichte erwachsen – in dieser Hinsicht könnte man sagen, dass man einen untypischen Coming-of-Age-Roman liest. Vor allem ist „Accabadora“ ein nachdenkliches Buch, das dem Leser eine fremde Welt näher bringt, von einer Erzählerin, die ihre Figuren niemals be- oder gar verurteilt. Eine ruhige Geschichte, aufs Wesentliche konzentriert, ein nachdenkliches Buch.

Michela Murgia: Accabadora, Wagenbach Verlag, 2017, 176 Seiten, 10,90 Euro

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