Wenn die Amerikaner kommen – Hédi Kaddour: Die Großmächtigen

Ein Ausflug in die frühen 1920er Jahre: Der französisch-tunesische Schriftsteller Hédi Kaddour nimmt uns in seinem gerade im Aufbau Verlag erschienenen Roman „Die Großmächtigen“ mit in die nordafrikanische Stadt Nahbès, wo Einheimische und französische Kolonialisten friedlich nebeneinanderher leben. Mit der Ruhe ist es aber vorbei, als ein amerikanisches Filmteam eintrifft, um dort einen Film mit dem Titel „Die Wüstenkrieger“ zu drehen.  Man trifft aufeinander und beäugt sich zunächst misstrauisch, aber fasziniert. Und man nimmt miteinander Kontakt auf, wobei die unausgesprochenen Regeln des Zusammenlebens irgendwann überschritten werden.

Dabei böten die Figuren auch ohne die Amerikaner schon Potential für eine interessante Geschichte. Zum Beispiel die junge Rania, die früh Witwe wurde und deren Vater und Bruder sie bald erneut standesgemäß verheiraten möchten. Vor allem ihrem Bruder ist ein Dorn im Auge, dass Rania liest, und zwar gefährliche Bücher, die sie auf dumme Gedanken bringen könnten, so seine Befürchtung. Ein schlechter Einfluss ist in seinen Augen aber wohl auch die junge Schauspielerin Kathryn, deren westlicher Lebensstil und freizügiges Verhalten – vor allem im Vergleich zu Rania – diese interessiert zur Kenntnis nimmt. Rania weiß, ihre Zukunft sieht anders aus. Kathryn indes freundet sich mit dem jungen Araber Raouf an, der ihr bald mehr bedeutet, obwohl sie mit Neal verheiratet ist, Regisseur des grade zu drehenden Films. Weitere Hauptfiguren sind die Journalistin Gabrielle und der konservative Kolonialist Ganthier, der für eben diese Gabrielle eine Schwäche hat, aber nicht recht weiß, wie er sich ihr nähern soll.

„Die Großmächtigen“ ist in drei Teile gegliedert, von denen der mittlere nicht in Nahbès, sondern in Frankreich und Deutschland spielt: Es ist der unterhaltsamste und fesselndste Teil des Romans. Interessant ist hier neben den Schilderungen der Beziehungen zwischen den Figuren vor allem, wie Kaddour Deutschland zur damaligen Zeit darstellt. Man kann durchaus Parallelen erkennen zwischen dem Verhalten der Franzosen den Arabern in Nordafrika und den Deutschen gegenüber.

Gerade die Franzosen sind es aber auch, die der Autor immer auch ein wenig vorführt und sich über sie lustig macht: Sie mögen die Imperialisten sein, die auf die Araber herabschauen, dass sie ihnen mitnichten etwas voraus haben, daran lässt Kaddour keinen Zweifel. Er schreibt in „Die Großmächtigen“ immer wieder mit einem deutlichen Augenzwinkern. An anderen Stellen wird es dann aber auch dramatisch.

Insgesamt hat der Roman eine eher flache Spannungskurve. Vor allem den ersten und dritten Teil empfand ich teils als ein wenig mühsam; zu Beginn habe ich sehr lange gebraucht, um Zugang zum Roman zu finden. Wir lesen eher über Episoden, die sich zwischen den Figuren abspielen, gehen bald zur nächsten und übernächsten über. Der große Bogen zeigt sich erst nach und nach. Auch geht es dem Autor offenbar nicht darum, die Figuren in ihrer Einzigartigkeit zu charakterisieren, sie könnten greifbarer und plastischer sein, differenzierter. Der Schwerpunkt des Romans liegt eher auf der Gegenüberstellung der unterschiedlichen Kulturen und Lebensentwürfe: Sie alle stehen für etwas. Es gelingt Kaddour gut, das deutlich zu machen.

„Die Großmächtigen“ wird seine Leser sicher finden, in Frankreich wurde Kaddour für seinen Roman sehr gelobt. Ich hatte meine Schwierigkeiten mit der Geschichte, die mir ein wenig zu sehr in ihre Einzelteile zerfiel und die ich als nicht durchgehend spannend erzählt empfand. Dennoch ist es dem Autor gelungen, ein lebendiges Bild einer Zeit zu zeigen, die zwar fast hundert Jahre zurückliegt, bei deren Betrachtung man trotzdem immer wieder feststellen muss, wie viel von damals auf die heutige Zeit übertragbar ist. Das Verhältnis der so genannten westlichen und der arabischen Welt ist gefühlt schon lange und dennoch immer noch ein aktuelles Thema. Letztlich konnte „Die Großmächtigen“ mich nicht komplett überzeugen, im Rückblick hat sich die Lektüre aber gelohnt.

Hédi Kaddour: Die Großmächtigen, Aufbau Verlag, 2017, 477 Seiten, 24 Euro

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6 Antworten zu Wenn die Amerikaner kommen – Hédi Kaddour: Die Großmächtigen

  1. literaturreich schreibt:

    Ich bin auch neugierig geworden auf diesen Roman, gerade angesichts des Buchmesseschwerpunkts. Ich glaube aber, ich lasse es doch besser. Danke für die Rezension zur rechten Zeit! Viele Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Ich würde mich ja generell über andere Meinungen freuen, habe auch ein bisschen gesucht und nicht so viel gefunden, aber der Roman ist ja auch erst gerade erschienen, vielleicht kommt da ja noch was. Will Dich aber nicht überreden, meist hat man ja, finde ich, doch im Gefühl, was man gerade lesen möchte und was nicht. Viele Grüße zurück!

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  2. Bri schreibt:

    Ich habe von Kaddour bisher ein Buch gelesen, das zwar auch nicht schlecht, aber eben auch nicht umwerfend war (Savoir vivre hieß es auf Deutsch) und das Thema hatte mich fasziniert. Dennoch kann ich mich inhaltlich noch einigermaßen erinnern, obwohl es schon lange her ist … auch eine Qualität 😉 Aber ich denke, die Franzossen schreiben und lesen anders, als wir … deshalb das große Lob dort. Ich werde mir diesen Roman hier aber wahrscheinich verkneifen. Schöne Rezension! LG, Bri

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Danke! Ich habe mich auch gefragt, ob es eine andere Art des Erzählens ist, die irgendwie nicht so recht meine ist… ich habe einfach nicht so richtig Zugang zum Buch gefunden.

      Gefällt 1 Person

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