Shakespeare im Gefängnis: Margaret Atwood: Hexensaat

Margaret Atwoods Roman „Hexensaat“ ist ihr Beitrag zum Hogarth Shakespeare Projekt: Acht Stücke Shakespeares werden neu erzählt und in die heutige Zeit versetzt. Erschienen sind neben Atwoods Roman schon die Romane von Anne Tyler (Die störrische Braut, nach Der Widerspenstigen Zähmung), Howard Jacobson (Shylock, nach Der Kaufmann von Venedig) und Jeannette Winterson (Der weite Raum der Zeit nach Das Wintermärchen). Romane von Tracy Chevalier, Jo Nesbo, Edward St Aubyn und Gillian Flynn sollen noch folgen.

Für mich war es die erste Begegnung mit dem Projekt. Ich bin (leider) nicht besonders Shakespeare-affin – im schulischen Englischunterricht kam er nicht vor, danach war der Reiz, Dramen zu lesen, wohl einfach nicht groß genug. Die Idee, die Stücke Shakespeares in ein neues, modernes Gewand zu hüllen, erschien mir interessant, sicherlich hat er uns auch heute noch etwas zu sagen.

Atwood verlegt die Handlung aus dem „Sturm“, der die Vorlage zu „Hexensaat“ bildet, in ein Gefängnis. Hier wird der Theatermacher Felix mit den Insassen eben jenen „Sturm“ aufführen, wodurch es eine interessante Dopplung gibt, denn all jene, die in irgendeiner Form mit Felix und dem Stück zu tun haben, sind die Alter Egos der Figuren aus dem ursprünglichen Stück. Felix Philipps, Regisseur des Gefängnis-Sturms, war vor 12 Jahren ein erfolgreicher Regisseur, der aber von seinem Assistenten und Kollegen Tony durch eine Intrige aus seinem Theater vertrieben wurde und seinen Job verlor. Felix begann daraufhin ein Leben als Eremit, man nahm irgendwann an, dass er gestorben sein müsse. In Wirklichkeit aber schmiedete Felix (der Glückliche!) geduldig Rachepläne, um es Tony, seinem vermeintlichen Freund, eines Tages heimzuzahlen.

Man kann Margaret Atwoods „Hexensaat“ mit oder ohne Kenntnis der Vorlage lesen. Kenner haben die Möglichkeit, tief einzutauchen in die Ebenen, Parallelen und Interpretationen zu finden. In der deutschen Ausgabe gibt es zudem am Ende eine Nacherzählung des Stücks, die dazu einlädt, das soeben Gelesene noch einmal anhand des Originals im Geiste durchzugehen. Lässt man all dies beiseite, ergibt sich ein anderer Vorteil: Das doch sehr deutliche Schema, an dem sich Atwood (zwangsläufig) abgearbeitet hat, gerät so vielleicht etwas mehr in den Hintergrund. Dieses Schema war auch der Grund für die Schwierigkeiten, die ich mit dem Roman hatte: Atwood schreibt witzig und bissig – die Idee zum Beispiel, die Insassen / Schauspieler nur Schimpfwörter aus dem Stück gebrauchen zu lassen, ist recht amüsant – dennoch hatte ich immer wieder das Gefühl, die Autorin habe sich so sehr an einen vorgefertigten Plan halten müssen, dass dieses Korsett sie doch ziemlich eingeengt hat. Ihre Figuren bleiben dann auch teilweise eher blass, eine Entwicklung ist aber wohl auch eher nicht vorgesehen. Ob man ihr das nun vorwerfen kann oder nicht – es ist eher eine grundsätzliche Kritik am ganzen Hogarth Shakespeare Projekt. Atwood gibt ihren Figuren mit wenigen Worten Lebensläufe und Charaktereigenschaften an die Hand – vor allem bei den Insassen hatte ich oft Probleme, sie auseinander zu halten.

Spaß macht die Lektüre zumindest teilweise dennoch. Atwood hat viele Ideen, schreibt schnelle Dialoge, führt ihre Charaktere nur so weit vor, dass es witzig ist, nimmt sie stets ernst.

Die Frage stellt sich dem Leser irgendwann, ob Felix seine so stark herbeigesehnte Rache am Ende bekommen wird (zumindest demjenigen, der die Vorlage nicht kennt) und wichtiger noch, ob sie ihn dann letztlich befriedigen, ob sie ihn verändern wird. Was wird wohl aus Felix, wenn er seinen über so viele Jahre gehegten Plan dann endlich in die Tat umgesetzt hat?

„Hexensaat“ ist vermutlich nicht Atwoods bestes Buch. Aber es ist die pfiffige, einfallsreiche und unterhaltsame Version eines Klassikers, den sie recht erfolgreich entstaubt hat. Wäre er keine Shakespeare-Adaption, sähe das wohl anders aus, und dass es eine ist, sollte man beim Lesen nicht vergessen.

Auf schiefgelesen wurden die übrigen drei bisher erschienenen Romane bereits vorgestellt. Blogbetreiberin Marion stellt dort auch jeweils ausführlich die Originaldramen vor und vergleicht Stücke und Romane eingehend. Deutlich wurde mir durch ihre Besprechungen und nachfolgende Diskussionen, dass das ganze Projekt ganz klar seine Grenzen hat und Shakespeares Dramen nicht so einfach einerseits in die heutige Zeit und andererseits in Romanform zu übertragen sind.

Margaret Atwood: Hexensaat, Knaus Verlag, 2017, 320 Seiten, 19,99 Euro

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7 Antworten zu Shakespeare im Gefängnis: Margaret Atwood: Hexensaat

  1. Marion schreibt:

    Das freut mich aber, dass unsere Diskussion dir so geholfen hat.
    Deine Besprechung liest sich auch ganz gut – besser als die meisten anderen, die ich bisher gelesen habe. Ich hole es morgen ab und bin gespannt.

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    • letteratura schreibt:

      Ich hab mich etwas schwer getan…Sowohl mit dem Roman an sich, als auch mit der Besprechung dazu. Ich fand es nicht schlecht, aber eben auch nicht sehr gut. Bin gespannt, wie Du das sehen wirst.

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  2. literaturreich schreibt:

    Ich bin ja erklärtermaßen eine Freundin des Shakespeare Projekts, kann aber sehr gut nachvollziehen und auch unterstützen, was du daran kritisch siehst. Für mich ist es eher eine Spielerei, eine Verbeugung vor dem Vorbild. Ohne die Vorlagen und die Bezüge dazu, hätten mir die bisherigen Romane lange nicht so viel Spaß gemacht. Als völlig eigenständige Werke wissen sie alle mehr oder weniger nicht ganz zu überzeugen. Trotzdem freue ich mich auch noch auf die folgenden Bände. Viele Grüße, Petra

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  3. daslesendesatzzeichen schreibt:

    Großartig, überhaupt von dem Shakespeare-Projekt zu hören! Ich hatte keine Ahnung und finde es spannend! Ich hatte im Studium in Theaterwissenschaften immer ein großes Faible für Shakespeare, seine Komik, die bis heute wirkt und klappt. Grandios fand ich die Verfilmung von „Much ado about nothing“ mit Emma Thompson, bei der die Sprache und der Wortwitz so toll rüberkommen. *seufz*
    Ich werde das Projekt weiterverfolgen, danke für den Hinweis!

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    • letteratura schreibt:

      Oh, den Film mochte ich auch sehr, habe ihn auch mehrfach gesehen. Emma Thompson und Kenneth Branagh… und war da nicht auch Robert Sean Leonard dabei? Ja, und Keanu Reeves, die Erinnerung ist etwas verstaubt… 😉 Ich freue mich, dass ich Dich darauf aufmerksam machen konnte, vielleicht kannst Du ja auch drüben beim Buchstoff dazu was schreiben, würde mich interessieren, auch wenn ich selbst wohl erstmal kein weiteres Buch der Reihe lesen werde.

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