Liebe ist eine Zumutung – Bodo Kirchhoff: Wo das Meer beginnt

Es ist bestimmt kein Zufall, dass der dtv Verlag mit Bodo Kirchhoffs Roman „Wo das Meer beginnt“ im Mai einen älteren Roman des noch aktuellen Buchpreisträgers neu herausgegeben hat, bevor bald die Longlist des aktuellen Jahrgangs erscheinen wird und die Aufmerksamkeit sich auf die nächste Runde im Rennen um den Deutschen Buchpreis konzentrieren wird. Der Roman erschien erstmals 2004.

Es geht um Viktor Haberland, der diesmal kein älterer Herr ist, wie es in den neueren Romanen Kirchhoffs meist der Fall war, sondern gerade einmal Anfang 30. Haberland lebt und arbeitet in Lissabon für ein deutsches Kulturinstitut. Hier bereitet er gerade eine Veranstaltung vor, die den Titel „Das traurige Ich“ trägt. Gedanklich ist er jedoch an einem anderen Ort, in seiner Vergangenheit: Es war um die Zeit des Abiturs am Hölderlin-Gymnasium, als er nach einer Theaterprobe für den Sommernachtstraum mit seiner Bühnenpartnerin Tizia in den Heizungskeller verschwand. Was dort genau passierte? Darüber gibt es verschiedene Versionen. Tizia jedenfalls beschuldigt Viktor am nächsten Tag der Vergewaltigung. Daraufhin gab es eine Lehrerkonferenz, die darüber entschied, ob Haberland von der Schule verwiesen werden sollte. Einer seiner Lehrer lud ihn später zu sich ein, um ihm zu erzählen, was auf der Konferenz besprochen wurde – allerdings wollte er im Gegenzug Haberlands Geschichte hören und die Wahrheit darüber, was wirklich geschah. In diesem Lehrer, dem alten Branzger, finden wir dann doch noch einen älteren Herren, – einen, der die Liebe und das Begehren kennt, er ist so etwas wie das Gegenstück zum jungen, unerfahrenen Viktor.

„Wo das Meer beginnt“ bewegt sich zwischen den Ebenen: Einen großen Teil des Romans nehmen die Schilderungen der Nachmittage ein, die Haberland bei seinem Lehrer verbrachte, seine Erinnerungen an die Gespräche, die die beiden führten, vor allem an das, was der andere ihm erzählte. Viktor besitzt die Aufzeichnungen seines Lehrers zu der Lehrerkonferenz. Zwischendurch springt die Geschichte in die Gegenwart in Lissabon, der Ort übrigens, an dem sich auf einer Klassenfahrt einige Zeit vor den Geschehnissen im Heizungskeller erste zarte Bande zwischen Haberland und Tizia entspannten. Jetzt hat Haberland Tizia, die inzwischen Schauspielerin ist, zu seiner bald stattfindenden Veranstaltung nach Lissabon eingeladen. Sie weiß nicht, wer hinter dieser Einladung steckt.

In Kirchhoff Roman wird die Geschichte nicht einfach linear erzählt, er holt aus und geht Umwege. Die Beantwortung von Fragen verschiebt er gern, bis man nicht mehr sicher ist, überhaupt eine Antwort zu erhalten. Wir lesen von der Lehrerkonferenz, eine Zusammenwürfelung von klischeehaften teils gescheiterten Existenzen, pointiert und entlarvend, sodass diese Schilderungen sehr amüsant sind. Mehr und mehr gerät die Schilderung von Branzger aber zu einer Erzählung seiner eigenen Geschichte, der Geschichte seiner Liebe zu seiner deutlich jüngeren Kollegin Kressnitz, die die Leiterin von Haberlands Theatergruppe war.

Letztendlich geht es bei Kirchhoff eigentlich immer um Liebe und Begehren. Hier beleuchtet er sein Thema von zwei Seiten aus: Haberlands Erfahrungen im Heizungskeller sind die eines Unwissenden, eines Neulings, der selbst nicht recht zu wissen scheint, was sein Begehren mit ihm eigentlich macht. Branzgers Geschichte seiner letzten Liebe dagegen ist die eines alten Mannes, der Erfahrungen hat – doch was haben diese ihm eigentlich genützt? Liebe sei immer eine Zumutung, so erläutert der Lehrer seinem Schüler.

„Wo das Meer beginnt“ liest sich teils ein wenig sperrig – Kirchhoff nutzt eine Sprache aus verschachtelten Sätzen, virtuos, manchmal etwas antiquiert, vor allem, wenn er Branzger sprechen lässt. Dem Autor wird gern der Vorwurf gemacht, „Altherrenprosa“ zu verfassen, und man ahnt auch hier, warum, es ist ein Vorwurf, der sich auf Thema und Handlungsverlauf seiner Werke genauso beziehen lässt wie auf seine Sprache. Diese Art des Schreibens in seinen Büchern muss man mögen. Kirchhoff trifft meist ins Schwarze, auch wenn man manchmal einen zweiten Blick benötigt, um das zu sehen. Dann kann die Lektüre bereichernd sein.

Bodo Kirchhoff: Wo das Meer beginnt, dtv Verlag, 2017, 299 Seiten, 10,99 Euro

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