Mitten im Leben, die Toten allgegenwärtig – Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Nach bestandenem Abitur will der junge Joachim eigentlich seinen Zivildienst ableisten, wird dann aber zu seinem eigenen Erstaunen an der renommierten Otto-Falckenberg-Schauspielschule aufgenommen. Ob seine Großmutter, die eine erfolgreiche Schauspielerin war, dabei nachgeholfen hat, das will er gar nicht so genau wissen. Bis er etwas Eigenes gefunden hat, so der Plan, zieht er in das Haus seiner Großeltern, wo er schließlich die kompletten drei Jahre verbringt, die seine Schauspielausbildung dauern soll. Fortan bewegt er sich zwischen zwei Welten: Tagsüber quält er sich auf der Schauspielschule, wenn er beispielsweise eine Passage aus Effi Briest wie ein Nilpferd vortragen soll – durchweg scheint er an den ihm gestellten Aufgaben zu scheitern. Er zweifelt oft daran, ob er den richtigen Weg eingeschlagen hat. In der übrigen Zeit bei seinen Großeltern erlebt er deren strikt durchgetakteten Tagesablauf, dessen Eckpunkte der zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Formen zu trinkende Alkohol ist. Die Großeltern sind den Konsum gewöhnt, während Joachim an Tagen, an denen er jede einzelne Etappe mit den Großeltern zusammen meistert und sich mit ihnen durch die Alkoholvorräte trinkt, nur noch berauscht ins Bett fällt und morgens schwer heraus kommt, während den Großeltern der Konsum nichts auszumachen scheint und sie im Gegenteil gleich wieder von vorn mit ihm beginnen.

Er lebt im „rosa Zimmer“. Ein junger, großer, schlaksiger Mann in dieser Umgebung, die Vorstellung ist komisch. Nichts darf hier verrückt oder verändert werden, doch Joachim fühlt sich wohl. Bei allen Regeln, die im Haus der Großeltern gelten, wo Wert auf gute Umgangsformen und Benehmen gelegt wird, wo man, wenn es schon sein muss, in Würde altern möchte, sind die Großeltern auch sehr liebevoll, nennt die Großmutter (niemals hätte die alte Dame sich Oma nennen lassen) den Enkel „Lieberling“ und denkt niemand mehr daran, dass der Großvater der zweite Mann der Großmutter ist und somit eigentlich kein Blutsverwandter Joachims. Diese beiden etwas schrulligen alten Leute mit ihrem großbürgerlichen Lebensstil schließt man beim Lesen schnell ins Herz, und versteht sogleich, wieso der junge Joachim sie so geliebt hat.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist der dritte Band in Joachim Meyerhoffs autobiographischen Zyklus nach „Amerika“ (2011) und „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ (2013). Wobei die Bücher als Romane vertrieben werden, was die Frage aufwirft, wie viel hier wirklich so passiert ist, was hinzugedichtet, verändert wurde. Allerdings verweilt man nicht lange bei dieser Frage, da der Roman so in seinen Bann zieht.

Nachdem der Vorgänger, der von der Kindheit und Jugend des Protagonisten auf dem Gelände eines psychiatrischen Krankenhauses erzählt (sein Vater war dort der Direktor), bei mir nur verhalten gezündet hat, ging es mir hier anders. Meyerhoff erzählt diese Jahre ungeheuer warmherzig und launig, er beobachtet genau und legt Gedanken und Gefühle seines Alter Egos sowie der anderen Personen mit schonungsloser Offenheit bloß, spart nicht an Selbstironie und gewinnt auch seinem wiederholten Scheitern immer wieder humorvoll etwas ab. Niemals führt er sich oder andere vor, stets erinnert er daran, wie unperfekt er, sie, wir alle miteinander sind, fordert so dazu auf, nicht alles immer zu ernst zu nehmen. Dabei gibt es sie, die schlimmen Schläge, die er schon einstecken musste. Einer seiner beiden Brüder starb bei einem Unfall, ein Verlust, den sowohl Joachim als auch die Großeltern stets mit sich tragen, der ihnen immer bewusst ist, der eine schmerzende Leere hinterlassen hat. Und zum Zeitpunkt, als uns diese Geschichte aus den Jahren bei den Großeltern erzählt wird, sind auch sie nicht mehr am Leben, hat Joachim weitere Verluste erlitten.

So ist die „entsetzliche Lücke“ zwar einerseits ein Zitat aus dem Werther, mit dem Joachim nach seiner Ausbildung jeden Abend aufs Neue sterbend durch die Städte zieht, andererseits liegt der Gedanke nahe, dass es die Verluste seiner Lieben sind, die bei ihm genau das hinterlassen haben: eine entsetzliche Lücke. Der Roman lässt sich als Erinnerung an die Toten seines Lebens lesen.

Was schwer und tragisch klingen mag, ist aber alles andere als das. Ein bisschen Wehmut und Trauer macht sich zwar breit, wenn Joachim sich bewusst macht, von wem er sich in recht frühen Jahren schon alles verabschieden musste, doch ist der Ton in seinem Roman von solch großer Warmherzigkeit, dass das Schöne stets überwiegt. „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ erzählt vom Alltag, von unspektakulären Begebenheiten, von Kleinigkeiten, vor allem aber von Liebe und Zuneigung.

Im Herbst erscheint mit „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ ein neuer Roman in Meyerhoffs Zyklus, in dem es um erste Liebeserfahrungen des Protagonisten gehen soll.

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, Kiepenheuer und Witsch Verlag, 2015, 352 Seiten, 21,99 Euro, als Taschenbuch bei Kiwi Taschenbuch Verlag, 2017, 352 Seiten, 10,99 Euro

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9 Antworten zu Mitten im Leben, die Toten allgegenwärtig – Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

  1. buchpost schreibt:

    Ich warte schon ganz ungeduldig auf den vierten Band. LG, Anna

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  2. Bri schreibt:

    Okay, jetzt gibts kein Zurück mehr, ich fange mit Band eins an … DANKE.

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  3. andreaschopfbalogh schreibt:

    Band 2 hat mir leidern nicht gefallen (bis auf den wunderschönen Titel), danke dafür für die Empfehlung, werde Band 3 auf jeden Fall probieren!

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