Der Fremde im Anderen – Katie Kitamura: Trennung

Die Erzählerin in Katie Kitamuras Roman „Trennung“ und ihr Mann Christopher gehen schon seit einiger Zeit getrennte Wege, doch fast niemand weiß, dass die Ehe zerrüttet ist – nur ihr neuer Freund. Der Noch-Ehemann hatte darum gebeten, die Trennung zunächst noch geheim zu halten. So ist es auch nicht allzu ungewöhnlich, dass die Schwiegermutter, zu der die Erzählerin stets ein sehr schwieriges Verhältnis hatte – nie schien sie gut genug für den Sohn zu sein – sie anruft und auffordert, dem Sohn nach Griechenland zu folgen. Sie ist in Sorge, da sie seit längerem nichts von ihm gehört hat. Die Erzählerin beschließt, ihn zu suchen und bei der Gelegenheit endlich um die Scheidung zu bitten und die Trennung somit offiziell zu machen.

Als sie in Griechenland und in Christophers Hotel ankommt, ist dieser nicht zu finden. Sie stellt sich dem Personal als seine Frau vor, spürt eine vielsagende Feindseligkeit bei einer der jungen Angestellten und mutmaßt, dass ihr Ex mit ihr geflirtet hat. Oder mehr als das. Sie erkundet die Umgebung, es ist eine karge Gegend, in die es normalerweise nur selten Touristen verschlägt. Schließlich kommt es zu einer unerwarteten Wendung.

„Trennung“, der dritte Roman der amerikanischen Autorin Katie Kitamura (aber wohl der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde), kommt nach einem starken Start zunächst etwas schwer in Gang. Sobald die Hauptfigur in Griechenland angekommen ist, muss sie sich zunächst ein wenig einfinden, und mir ging es beim Lesen ähnlich. Diese kurze Zeit, die der Roman braucht, um dann durchzustarten, scheint aber letztlich nötig, um die Erzählerin vorzustellen und ihre Gedankenwelt kennen zu lernen. Sie analysiert ihre Umwelt, vor allem aber die eigene Innenwelt stets scharf, auch wenn sie dadurch immer ein wenig Distanz zu ihren Gefühlen wahrt und sie nicht zur Schau stellt, auch dem Leser gegenüber nicht.

Sie beginnt an diesem Ort fern von Zuhause und auch fern von ihrem neuen Partner ganz allein und mit viel Zeit zum Nachdenken, ihre Beziehung zu Christopher Revue passieren zu lassen und teilweise mit anderen Augen zu sehen. Christopher war oft untreu, letztlich führte das zur Trennung der beiden, die aber, das wird im Laufe der Geschichte immer deutlicher, noch nicht ganz vollzogen ist, und das nicht nur aus dem Grund, dass sie noch ein Geheimnis ist. Die Erzählerin lässt in der griechischen Pampa auch die Hotelangestellten in dem Glauben, dass sie eine – wenn auch nicht unproblematische so doch irgendwie funktionierende – Beziehung mit Christopher führt. Auch wenn man zu Beginn des Romans sicher ist, dass sie längst mit ihrem Exmann abgeschlossen hat, kommen später leise Zweifel auf. Mehr noch: Hat sie Christopher jemals wirklich gekannt? Wie viel kann man überhaupt vom anderen kennen, selbst wenn man ihn liebt, was die Erzählerin zweifellos getan hat? „Trennung“ gerät so zu einer Geschichte über ganz grundsätzliche Fragen und veranschaulicht sehr überzeugend, dass gewisse Grenzen kaum überschreitbar sind – und sei es zwischen Liebenden. Für die Erzählerin scheinen diese Frage und das Nachdenken über sie nötig, um die Trennung wirklich endgültig zu vollziehen.

Kitamuras Roman ist so am Ende auch die Geschichte eines Abschieds, des Abschieds der Protagonistin von einem Mann, einem Lebensentwurf, einer Zukunft. Ihre Sprache ist reduziert, teils unterkühlt, sehr analytisch. Hat man sich einmal darin eingefunden, findet man als Leser dann auch den Zugang zu den Gefühlen der Protagonistin, die sie stets leicht unter Verschluss hält. „Trennung“ zeigt das Auseinandergehen zweier Menschen und das Innenleben einer der beiden Teile dieser ehemaligen Beziehung. Ein Roman, der seine Kraft erst nach und nach entfaltet, mich dann aber nicht mehr losgelassen hat.

Katie Kitamura: Trennung, Hanser Verlag, 2017, 256 Seiten, 22 Euro

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