In anderen Worten – Jhumpa Lahiri: In altre Parole / In other words

Als ich vor wenigen Wochen in Italien war, passierte es mir fast jedes Mal, wenn ich jemanden auf Italienisch ansprach, dass man mir auf Deutsch antwortete. Selbst als sich eine kurze Konservation auf Italienisch entsponnen hatte, wechselte mein Gegenüber prompt ins Deutsche, als ich bestätigte, Deutsche zu sein – obwohl ich bis zu diesem Punkt sprachlich recht gut zurechtgekommen war. Bei anderen Gelegenheiten geriet ich schneller ins Stocken – meine Sprachkenntnisse sind ein wenig verkümmert – hier passierte es umso schneller: Sofort wechselte man ins Deutsche, oder wenn mein Gesprächspartner kein Deutsch sprach, ins Englische.

Jhumpa Lahiri erzählt in ihrem Buch „In altre parole“, das bei uns in deutscher Übersetzung im Herbst erscheinen wird, von ähnlichen Begebenheiten. Als sie ihre Aufzeichnungen zu Papier brachte, lebte sie seit kurzem in Italien – sie schrieb auf Italienisch, obwohl sie die Sprache keineswegs perfekt beherrschte. Wenn sie ein Geschäft betrat, sprach man sie aufgrund ihrer Erscheinung auf Englisch an. Stellte sie eine Frage auf Italienisch, wurde ihr auf Englisch geantwortet. Ihrem Ehemann dagegen, der seiner Erscheinung nach Italiener sein könnte, passiert das nicht, im Gegenteil: Man fragt Lahiri stattdessen, ob sie die Muttersprache ihres Mannes gelernt habe.

Meine Erfahrungen von vor kurzem sind nur bedingt vergleichbar mit denen Lahiris – ihre Situation ist natürlich eine ganz andere. Auch in den USA passiere es ihr, so schreibt sie, dass man sie fragt, wo sie herkommt, sie fällt auf, weil sie auch nicht wie eine Amerikanerin aussieht, weil man ihr die indische Abstammung ansieht. Diese Erfahrung gehört zu ihrem Alltag. Dennoch, der Abschnitt, in dem Lahiri von diesen kurzen Erlebnissen in Italien (auf der Straße, in Geschäften) schreibt, bleibt mir im Kopf, ich kann nachvollziehen, dass die Autorin frustriert ist.

„In altre Parole“ ist der erste autobiographische Text, den Jhumpa Lahiri geschrieben hat, nach einigen Kurzgeschichtssammlungen und zuletzt dem erfolgreichen Roman „Das Tiefland“, der mir sehr gefallen hat. Lahiri reiste in den 90ern Jahren zum ersten Mal nach Italien und entwickelte eine tiefe und unerklärliche Liebe zur Sprache und zum Land. Zurück in den USA nahm sie über Jahre Italienischunterricht, bevor sie 2012 mit ihrer Familie nach Rom zog.

Die Autorin schreibt in ihren Aufzeichnungen darüber, wie es für sie war, plötzlich von dieser Sprache umgeben zu sein und sie zunächst doch nicht sprechen zu können, davon, wie ihre Sprachkenntnisse sich verbesserten, wie sie fast besessen nur noch auf Italienisch las und bei jeder Gelegenheit Notizen auf Italienisch machte. „In altre Parole“ lässt sich in zwei Themenkomplexe einteilen: Einmal sind da die Erfahrungen als Ausländerin in einem fremden Land, wobei diese sich fast ausschließlich auf die Sprache beziehen, im zweiten Teil geht es hauptsächlich um Lahiris Arbeit als Schriftstellerin.

Während andere Autoren, die irgendwann in einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache geschrieben haben, damit erst anfingen, wenn sie die Sprache über viele Jahre gelernt hatten, beginnt Lahiri damit fast sofort, als sie in Rom angekommen ist – ihre Kenntnisse sind dafür eigentlich nicht ausreichend. Sie ist sich dessen stets bewusst und tut es trotzdem, innerlich wie getrieben.

Sehr analytisch schreibt Lahiri darüber, was es für sie bedeutet, stets eine Schranke, eine Wand zu empfinden, die Gewissheit zu haben, dass sie nie perfekt Italienisch sprechen oder schreiben wird. Ihre Gedanken sind klar und nachvollziehbar und sie findet passende Bilder, allerdings wiederholt sie sich gerade gegen Ende oft leicht variiert. Das hat mich kaum gestört, aber Neues habe ich irgendwann kaum noch erfahren, stattdessen leicht verschobene Blickwinkel.

Wie Jhumpa Lahiri liebe ich die italienische Sprache sehr. Ich habe Lahiris Buch bewusst in der zweisprachigen Ausgabe gelesen: Links der italienische Originaltext, rechts die englische Übersetzung. Kurioserweise hatte ich stets das Gefühl, dass die zweite Fremdsprache für mich besser funktioniert hat als Deutsch es gekonnt hätte. Und ebenso glaube ich, dass der Text für mich auf Deutsch weniger signifikant gewesen wäre, dass er mich deshalb so gefesselt hat, weil er auf Italienisch geschrieben ist. Wobei die Sprache recht gut zu verstehen ist, so dass die Lektüre auch möglich ist, wenn man eher mittlere Sprachkenntnisse hat. Sicher kann man aber auch ganz anders Zugang zu Lahiris Text finden und ihn in der englischen oder der deutschen Ausgabe dann ab November ebenfalls mit Gewinn lesen, wenn man am Thema der Sprachaneignung und der Arbeit mit und in einer Fremdsprache Interesse hat.

Lahiri weiß nicht, so schreibt sie, ob sie weiter auf Italienisch schreiben wird oder auf Englisch – ihr Entschluss, die Sprache zu wechseln stieß auf viel Unverständnis. Möglicherweise ist die Entscheidung inzwischen gefallen, immerhin hat sie „In altre parole“ Ende 2014 beendet und lebt inzwischen offenbar wieder in den USA. Bis etwas Neues von Lahiri erscheint, werde ich mich wohl ihren weiteren, von mir noch nicht gelesenen Werken widmen.

Jhumpa Lahiri: In other words / In altre parole, Bloomsbury Paperback, 2017, 233 Seiten

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6 Antworten zu In anderen Worten – Jhumpa Lahiri: In altre Parole / In other words

  1. Leseseiten schreibt:

    Ich wusste nichts von ihrem Umzug nach Italien. Finde ich sehr mutig, besonders in einer anderen Sprache zu schreiben. Mir haben ihre Erzählungen, die auf Deutsch in zwei Bänden erschienen sind („Einmal im Leben“ und „Fremde Erde“), sehr sehr gut gefallen! Kann ich empfehlen. Warmherzig, nachdenklich und auch mal traurig. Tolle Autorin!

    Gefällt 3 Personen

    • letteratura schreibt:

      Ich tu mich mit Erzählungen oft etwas schwer, deshalb habe ich diese noch nicht gelesen, werde ich aber nachholen. Ja, es ist mutig, und man stößt da auch wohl schnell an seine Grenzen, wenn man die Sprache noch nicht sehr gut beherrscht.

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  2. thursdaynext schreibt:

    Klingt sehr interessant. Sprachaneignung fasziniert mich. Meine schwyzerdütsche Mom rechnet auch heute noch auf französisch, meine griechiesche Kollegin rechnet auch in ihrer Muttersprache. Ein Buch in einer eben erst gelernten Sprache …chapeau. mein iItalienisch beschränkt sich auf die Brocken, die ich als Begleiterin beim Pizzaexpressfahren mitbekommen habe und ist absolut nicht salonfähig. Mich haben sie vor Jahren in Frankreich auf italienisch angesprochen. hab ich genausowenig verstanden wie das englische aus frz. Munde 😉

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    • letteratura schreibt:

      Ich habe mich, wenn ich ganz ehrlich bin, schon auch mal kurz gefragt, wie viel Substanzielles oder auch Neues ich erfahren habe – allerdings interessiert mich das Thema auch schon lange, so dass mir ihre Gedanken nicht fremd waren. Es war auf jeden Fall interessant zu lesen, welche Erfahrungen sie gemacht hat, vor allem auch beim Erlernen der Sprache. Es kann frustrierend sein, immer seinen eigenen Ansprüchen hinterher zu hinken 🙂 Vielleicht läuft Dir die deutsche Ausgabe ja im Herbst über den Weg, dann kannst Du mal schauen. Ich fand den italienischen Text zu bewältigen, aber ich konnte auch mal ganz passabel Italienisch, wenn ich davon auch leider inzwischen weit entfernt bin… 😉 Franzosen sprachen Italienisch? Sollte das Vorurteil, dass sie keine Fremdsprachen können, am Ende doch nur genau das sein, ein Vorurteil? 🙂 Ich war vor gefühlten tausend Jahren mal zum Schüleraustausch in Frankreich und habe die Franzosen besser auf Französisch verstanden (das ich da aber auch erst seit 2 Jahren oder so gelernt habe) als wenn sie Englisch sprachen. Das ist aber eine absolut unrepräsentative Erfahrung 😉

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      • thursdaynext schreibt:

        Bis zu Macrons Rede kürzlich glaubte ich nicht, dass Franzosen verständlich englisch sprechen könnten. Deine Erfahrung entspricht den meinigen und ich habe sie als Fakt verstanden, bis eben Macron kam. Auf deutsch würde ich das Buch gerne lesen, mals schauen was die Stabi da für mich tun kann 😉

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      • letteratura schreibt:

        Ausnahmen bestätigen…. Du weißt. Und Deine Stabi scheint mir recht zuverlässig. 🙂

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