Tagebuch und Zeitzeugnis – Hisham Matar: Die Rückkehr

„Wir brauchen einen Vater, gegen den wir uns auflehnen können. Wenn ein Vater weder tot noch lebendig ist, wenn er ein Geist ist, stößt die Auflehnung ins Leere.“ S. 42

Dieses Zitat, das noch ziemlich am Anfang von Hishams Matars Buch „Die Rückkehr“ steht, ist nur ein Gedanke von vielen, mit denen der Autor in Worte fasst, was es für ihn bedeutet, nicht nur seinen Vater verloren zu haben, sondern vor allem, nicht zu wissen, was genau mit ihm geschehen ist. Jaballa Matar war libyscher Diplomat und Politiker, ging dann in den Widerstand gegen das Regime Gaddafis und wurde schließlich im Jahr 1990 in Kairo, wo die Familie zu der Zeit lebte, entführt. Man brachte ihn das berüchtigte Gefängnis Abu Salim in Tripolis, von wo aus er in den ersten Jahren noch Briefe an seine Familie schreiben konnte. Hisham Matar, seine Mutter und sein Bruder haben seit 1996 nichts mehr von ihm gehört, seit diesem Zeitpunkt gibt es kein Lebenszeichen.

Während Hisham Matar zum Schriftsteller wird, zwei erfolgreiche Romane veröffentlicht, ein Leben in verschiedenen Ländern lebt, bleibt immer die Frage nach dem Schicksal seines Vaters. Ist er längst tot? Oder könnte es sein, dass er noch lebt? Matar gibt die Suche nicht auf und reist im Jahr 2012 nach dem Sturz Gaddafis mit seiner Mutter und seiner Frau in seine libysche Heimat. Seit vielen Jahren ist er nicht mehr dort gewesen. Auf der Suche nach Antworten auf seine quälenden Fragen trifft er Familienangehörige, ehemalige Mitgefangene des Vaters, nimmt letztendlich sogar Kontakt mit Verwandten Gaddafis auf, verhandelt mit ihnen, in der Hoffnung, endlich Gewissheit zu bekommen. Am Ende stehen Wahrscheinlichkeiten, eindeutige Antworten soll es nicht geben.

„Die Rückkehr“ ist ein sehr persönliches Buch, in dem Matar zwar immer ein Stück weit Distanz bewahrt und nie gefühlsduselig wird (obwohl ihm das als Leser wohl verziehen hätte), in dem er aber mit großer und bewundernswerter Offenheit sehr klug darüber schreibt, was die Ungewissheit über das Schicksal des Vaters bedeutet. Wie diese Figur dieses Vaters, der ein mutiger und stolzer Mann gewesen sein muss, über ihm schwebt, stets nicht ganz zu fassen ist. Sehr aufschlussreich habe ich hier zum Beispiel die Schilderungen der Treffen mit alten Freunden des Vaters aus der Zeit vor Hisham Matars Geburt empfunden, die ihm etwas voraus zu haben scheinen, die einen Mann kennen, der dem Autor ein Stück weit fremd ist. Hisham Matar war 19, als der Vater verschwand. Seine Erinnerung an ihn ist die eines Heranwachsenden, eines jungen Erwachsenen. Als er sich in Libyen auf die Spuren des Vaters begab, hatte er diesen mehr als die Hälfte des eigenen Lebens nicht gesehen.

Auf der anderen Seite erfährt man als Leser einiges über die Geschichte Libyens, über Politik und das Regime Gaddafis. Über die Zustände in den Gefängnissen. Matar verflicht das Persönliche und das Politische, das Geschichtliche gekonnt zu einem sehr stimmigen Ganzen. Die Lektüre ist wie zu erwarten nicht immer leicht, andererseits schreibt Matar aber so klar und unsentimental, dass man die Bilder der Zustände in Libyen zwar sehr deutlich vor sich sieht und vor ihnen schaudert, ohne dass das Buch einen aber vollends in den Abgrund zieht. Matar ist bei aller Schwierigkeit seines Themas, bei aller persönlicher Involviertheit am Ende ein sehr souveräner Autor, der sich in seinem Stoff nicht verliert. Seine Verzweiflung, seine Resignation und seine Wut ob der ständigen Bemühungen, gerade auch an den offiziellen Stellen, die ihn immer wieder vertrösten, ebenso wie letztlich auch Gaddafis Sohn Saif, spürt man in jeder Zeile.

Am Ende (und doch schon ganz zu Beginn des Berichts) ist klar, Jaballa Matar ist aller Wahrscheinlichkeit nach tot. Gewissheit wird es ebenso wahrscheinlich nie geben. Hisham Matar und seine Angehörigen müssen damit irgendwie leben.

„Die Rückkehr“ zeigt uns ein Bild von unserer Welt, zeichnet ein Land, das gar nicht so weit von uns entfernt ist, auch wenn es uns so scheint, legt offen, wovor wir gern die Augen verschließen. So ist „Die Rückkehr“ ein bemerkenswertes Zeitzeugnis, dem ich viele Leser wünsche.

Bei Buchpost, Literaturreich und travelwithoutmoving gibt es weitere Besprechungen.

Hisham Matar: Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater, Luchterhand Verlag, 2017, 288 Seiten, 20 Euro

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6 Antworten zu Tagebuch und Zeitzeugnis – Hisham Matar: Die Rückkehr

  1. Pingback: Hisham Matar – Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater – LiteraturReich

  2. Pingback: Hisham Matar: The Return (2016) – buchpost

  3. buchpost schreibt:

    Wie spannend zu lesen, wie dir das Buch gefallen hat. Ja, mich hat auch beeindruckt, wie souverän Matar diese grauenhafte Geschichte zu Literatur verwandelt. Vielen Dank auch für die Verlinkung. LG, Anna

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Sehr gerne, Deine Besprechung habe ich schon beim ersten Lesen so eindringlich gefunden, so dass ich das Buch umso mehr lesen wollte. Ich bin gespannt, was noch von Matar zu lesen sein wird, überlegte ich mir neulich noch, seine bisherigen Bücher verarbeiten ja glaub ich alle das Verschwinden des Vaters – was ich auch gut nachempfinden kann, schließlich ist es sein alles beherrschendes Thema. Ob er sich irgendwann auf neues Terrain begeben wird?

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  4. buchpost schreibt:

    Spannende Frage. Diese existentielle Notwendigkeit wird ihm vielleicht bei anderen Themen fehlen. Aber wenn man so ein Buch bzw. so einen Themenkomplex zur Literatur beigetragen hat, fände ich das auch gar nicht so schlimm, falls nichts „Neues“ mehr käme. Es gibt ohnehin zu viele Bücher 🙂

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