Krimi trifft Familienroman – Isabel Allende: Amandas Suche

Man hat ein wenig das Gefühl, man müsse sich rechtfertigen, wenn man Romane von Isabel Allende mag. Eine schnelle Internetrecherche bekräftigt meinen Eindruck. Da ist zu lesen, sie werde von der Literaturkritik mal ernstgenommen und mal nicht, sie werde gern mit Gabriel Garcia Marquez verglichen, doch stets mit der sogleich nachgeschobenen Einschränkung, sie sei aber nicht so gut. Ihr zuletzt erschienener Roman „Der japanische Liebhaber“ kam meiner  Empfindung nach deutlich schlechter an als die meisten ihrer anderen Romane, und er stand oder steht nicht auf meiner Leseliste. Ich habe den Vorgänger gelesen: Amandas Suche, ein Roman, dessen Titel gleich Parallelen erwarten lässt zu dem Roman, der vor diesem erschien: Majas Tagebuch. Hier wie dort ein junges Mädchen, ein Teenager im Titel und also als Hauptfigur im jeweiligen Roman, um die sich die jeweilige Geschichte entfaltet, die dann aber doch in beiden Romanen unterschiedlich ausfällt. Handelte es sich bei Majas Tagebuch um die Entwicklung einer jungen Frau, die den Weg aus einer Jugend voller Drogen und Alkohol zu finden versucht, eine Coming-of-Age-Geschichte also, ist Amandas Suche eher ein Krimi – oder doch ein Roman mit sehr starken Krimielementen.

Amanda ist 17, hat sehr junge Eltern, die heirateten, als ihre Mutter Indiana schwanger wurde, und die sich nur wenige Jahre später wieder trennten. Indiana arbeitet als Therapeutin für Reiki und Aromatherapie, ihr Vater ist Polizist und gerade mit einer Reihe seltsamer Morde befasst, die Hinrichtungen gleichkommen und erst einmal nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Amanda ist Spielleiterin in einem Onlinegame namens Ripper, in dem sie mit ihren Mitspielern, unter denen auch ihr Großvater ist, die Morde genauer unter die Lupe nimmt. Immer wieder stößt sie ihren Vater auf die Erkenntnisse aus dem Spiel – es dürfte nicht überraschen, dass die meist jungen gewitzten Spieler pfiffiger sind als die Polizei. Klar, das ist nicht unbedingt realistisch und auch Amandas naseweise Art, in der sie zum Beispiel den Großvater herumkommandiert, den sie im Spiel nur „mein Scherge“ nennt, und der fragen muss, wenn er etwas zur Diskussion beitragen will, ist ein bisschen übertrieben und vielleicht manchmal auch ein bisschen nervig. Hinzu kommt, dass Teile der Geschichte allgemein unglaubwürdig sind, das macht aber nichts.

Das macht deshalb nichts, weil Allende so lebendig erzählt und so voller Zuneigung für ihre Figuren, denen sie sehr viel Raum gibt, so viel, dass eben nicht von einem gewöhnlichen Krimi die Rede sein kann. Allende verweilt lang bei all ihren Protagonisten, fühlt sich in sie hinein und charakterisiert sie ausführlich und immer auch mit einem sehr warmen und menschenfreundlichen Humor. Indianas Hang zur Esoterik etwa zeigt sie stets mit einem Augenzwinkern, nimmt ihn nicht immer ganz ernst, stellt ihre Figur aber keinesfalls bloß. Allendes Roman wird so zu einem Genremix und kommt meinen Lesevorlieben entgegen: Zu selten finde ich Krimis, die sich ausführlich den Leben der Figuren widmen. Bei Isabel Allende ist die Welt immer bunt, und alles scheint ein bisschen intensiver zu sein als in anderen Romanen oder in der Wirklichkeit. Ob das nun Weltliteratur ist oder nicht, es macht es einem leicht, einzutauchen in einen farbenfrohen Kosmos, in dem salopp gesagt immer etwas los ist.

So darf man keinen klassischen Krimi nach Schema F erwarten, eher eine Krimihandlung, um die Allende liebevoll eine Familiengeschichte inklusive Liebe, Freundschaft und Betrug baut und die am Ende dann auch an Fahrt aufnimmt, auch wenn man über die Auflösung sicher geteilter Meinung sein kann. Ein Genremix also, jedoch einer ganz nach meinem Geschmack. Bri vom Feinen Buchstoff sah das übrigens ganz ähnlich.

Isabel Allende: Amandas Suche, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2015, 476 Seiten, 10,99 (Die gebundene Ausgabe ist offenbar nicht mehr lieferbar.)

 

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2 Antworten zu Krimi trifft Familienroman – Isabel Allende: Amandas Suche

  1. andreaschopfbalogh schreibt:

    Danke für die ausführliche Besprechung! Ich fand Das Geisterhaus ganz toll, Der japanische Liebhaber war etwas enttäuschend.

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Das Geisterhaus habe ich nie gelesen, sollte ich wohl endlich mal. Ich mochte Majas Tagebuch und Das Siegel der Tage von denen, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

      Gefällt 1 Person

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