Seine Familie kann man sich nicht aussuchen – J. Courtney Sullivan: Sommer in Maine

Die Kellehers besitzen seit vielen Jahren ein Sommerhaus in Maine, das Familienoberhaupt Daniel eher zufällig in die Hände gefallen war. Die Familie verbrachte jedes Jahr die Sommer dort draußen, mit dem Strand vor der Tür. Inzwischen hat sich einiges geändert: Daniel ist bereits seit 10 Jahren tot, Alice, seine Witwe, lebt seitdem allein. Ihre Kinder, längst erwachsen und selbst schon an der Schwelle zum Alter, haben die Sommermonate unter sich aufgeteilt, damit die alte Dame nicht zu viel Zeit allein verbringen muss – was sie im übrigen Jahr ohnehin tut, aber im Sommer und im Sommerhaus ist das etwas anderes, so sagt man sich. Alice und Daniel haben zwei Töchter und einen Sohn, die ihrerseits ebenfalls alle Kinder und teilweise schon Enkelkinder haben.

Courtney Sullivans Roman „Sommer in Maine“ konzentriert sich auf vier Frauen aus dieser Familie: Zunächst ist da die betagte Alice, die aus ihrem wahren Alter ein Geheimnis macht (der Leser weiß, dass sie etwas über 80 ist). Ihre Tochter Kathleen ist nach ihrer Scheidung mit ihrem neuen Lebenspartner nach Kalifornien gezogen, wo die beiden eine Würmerfarm betreiben. Die anderen Familienmitglieder blicken teils verächtlich auf diese Art des Broterwerbs herab. Kathleens Verhältnis zu ihrer Mutter ist sehr schwierig und sie bedauert es nicht, so viele Kilometer zwischen sich und Alice gebracht zu haben. Im Sommerhaus war sie zum Zeitpunkt des Einsetzens der Handlung seit zehn Jahren nicht mehr, nämlich seit dem Tod des Vaters. Kathleens Tochter Maggie versucht, als Schriftstellerin Fuß zu fassen und lebt in einer unglücklichen Beziehung, die droht, endgültig zu zerbrechen, als Maggie endlich mit ihrem Freund Gabe zusammenziehen will, dieser aber seine Freiheit nicht aufgeben möchte. Und Ann Marie, Ehefrau von Alices und Daniels einzigem Sohn Pat und somit Kathleens Schwägerin, hat eine bessere Beziehung zu Alice als deren eigenen Töchter, sieht sich aber auch als diejenige, die eigentlich deren Aufgaben übernimmt, während Kathleen und ihre Schwester Clare sich ihrer Meinung nach aus der Affäre ziehen.

In alternierenden Kapiteln erfährt der Leser von diesen vier Frauen und ihren Beziehungen untereinander, die gelinde gesagt kompliziert sind. In den Jahren und Jahrzehnten haben sie sich die verschiedensten Verletzungen zugefügt, gerieten sie wieder und wieder aneinander, tragen sich Geschehenes und Gesagtes nach, sodass ein normales Verhalten ihnen fast nicht möglich zu sein scheint. Erschwert wird das Verhältnis von Alice und Kathleen auch durch das Fehlen des Ehemanns und Vaters Daniel, der der Einzige war, der Alice den Kopf zurechtrücken konnte und wenn nötig in die Schranken wies, der zwischen Mutter und Tochter vermitteln konnte und als eine Art Puffer fungierte. Beide haben Daniel sehr geliebt. Alice pflegt ihren strikten aber auch selbstgerechten Glauben, die katholische Kirche spielte immer eine große Rolle in ihrem Leben. Ihr Glaube war es auch, der ihr die Kraft gab, mit einer Schuld zu leben, an der sie seit fast 60 Jahren trägt, als es einen verhängnisvollen Unfall gab. So empfindet Alice die Entscheidung für ihr Leben als Ehefrau und Mutter auch als eine Art Buße an dem, was sie sich nicht verzeihen kann, allerdings lässt sie ihre Töchter, vor allem ihre Älteste Kathleen, auch immer wieder spüren, dass sie eigentlich ein anderes Leben führen wollte, ein freies und unabhängiges, eines ohne Kinder.

„Sommer in Maine“ erzählt also aus den verschiedenen Perspektiven von den Frauen aus dieser Familie und beleuchtet so ihre Beziehungen untereinander und zum Teil auch zu den anderen Familienmitgliedern, die nur am Rande in Erscheinung treten. Vieles scheint hier festgefahren. Kathleen hat das Gefühl, es ihrer Mutter nie recht machen zu können, die, das kann man nicht anders sagen, eine sehr schwierige und auch verbitterte Person ist. Zu ihrer Schwägerin Ann Marie hat Kathleen ebenfalls kein gutes Verhältnis: In ihren Augen biedert sich Ann Marie bei jeder Gelegenheit an und stellt sich und ihre Kinder über die von Kathleen, die als Geschiedene in ihren Augen gescheitert ist. Kathleen und Maggie dagegen haben ein enges Mutter-Tochter-Verhältnis und erzählen sich fast alles, auch das ist nicht immer komplikationsfrei.

In der Gegenwart wird darüber gestritten, wer denn nun wann ins Sommerhaus zu Alice fährt, für alle ist dort ohnehin kein Platz, auch wenn es keine vorprogrammierten Spannungen gäbe. Doch parallel dazu entfaltet Sullivan in geschickt eingewobenen Rückblenden die Vergangenheit ihrer Protagonistinnen, sodass man als Leser nach und nach versteht, wieso diese so wurden, wie sie sind und wie die Probleme zwischen ihnen zustande kamen. Deutlich wird auch, wie Verhaltensweisen von Generation zu Generation weitergegeben werden, wie die Frauen Fehler der Vorgängergeneration übernehmen und so oder ähnlich wiederholen. Sullivan hat dafür einen scharfen Blick. Sie weiß auch, dass man, wenn man mit seiner Familie zusammen ist, gern in alte Verhaltensmuster zurückfällt, die man längst glaubte, hinter sich gelassen zu haben. Kathleen kommt auch deshalb so ungern ins Sommerhaus und zu ihrer Mutter, weil sie alle Vernunft und alle Gelassenheit dort verliert und ein anderer Mensch zu sein scheint als daheim bei ihrem Lebensgefährten in Kalifornien.

Vielleicht gibt es ein paar kleine Längen. Vielleicht sind die Protagonistinnen in ihrer Selbstgerechtigkeit manchmal ein bisschen übertrieben dargestellt, so dass ich mich gefragt habe, ob ihr Verhalten noch realistisch ist. Andererseits ist das eben Familie, und da gelten andere Regeln, verletzt man sich gegenseitig auch mal absichtlich, nur um eine Reaktion zu provozieren. Letztendlich ist „Sommer in Maine“ gute und intelligente Unterhaltung um die Probleme einer Familie, die nicht recht mit- aber auch nicht ohneeinander kann. Und falls es so was wie ein typisches Sommerbuch gibt, dann ist „Sommer in Maine“ genau das. Ein Buch für Sonne, Strand und Meer.

J. Courtney Sullivan: Sommer in Maine, Deuticke Verlag, 2013, 512 Seiten, 19,90 Euro, als Taschenbuch beim Berlin Verlag, 2014, 528 Seiten, 9,99 Euro

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2 Antworten zu Seine Familie kann man sich nicht aussuchen – J. Courtney Sullivan: Sommer in Maine

  1. literaturreich schreibt:

    Ein wirklich wunderbares Sommerbuch! Ich habe es damals im Winter gelesen, aber selbst da hat es funktioniert. Viele Grüße, Petra

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    • letteratura schreibt:

      Ich achte bei meiner Buchauswahl eigentlich überhaupt nicht auf sowas, aber hier war es wirklich passend. Wäre im Winter aber vermutlich bei mir ebenso gewesen. Viele Grüße!

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