Verfall einer Familie – Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

„Die Dinge können sich an einem einzigen Tag verändern.“

Im Herbst wird der neue, der zweite Roman der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy erscheinen, die mit „Der Gott der kleinen Dinge“, ihrem Debütroman, den Booker Prize gewann und durch ihn weltberühmt wurde. Roy ist seit Erscheinen ihres Erstlings hauptsächlich als politische Aktivistin in Erscheinung getreten, hat aber in den letzten Jahren an einem neuen Roman gearbeitet. 20 Jahre ist es her, dass „Der Gott der kleinen Dinge“ erschien und dass ich das Buch mit Begeisterung gelesen habe. Die Ankündigung des neuen Werkes der Autorin war für mich Grund genug, den Erstling erneut zu lesen. Es ist ein großartiger Roman.

Auch wenn die Familie, um die es im Roman geht, verfällt bzw. auseinander fällt – Ähnlichkeiten zu den Buddenbrooks, auf die die Überschrift dieser Besprechung anspielt, sind bei genauerem Hinsehen sicherlich zu finden, wenn auch nicht unbedingt auf den ersten Blick, aber sie sind nicht eigentliches Thema dieses Textes. Hier wie dort geht eine Familie kaputt, hier wie dort (und vermutlich auch überall sonst in vergleichbarer Literatur und letztlich auch in der Wirklichkeit) sind es gesellschaftliche Konventionen, die dazu beitragen. Über „Der Gott der kleinen Dinge“ ist viel geschrieben worden, zumeist positiv. Ich reihe mich ein.

Roys Geschichte spielt abwechselnd in den Jahren 1969 und 1993. Die junge Rahel und ihr Zwillingsbruder Estha sind 1969 7 Jahre alt. Geschildert werden hier vor allem zwei Wochen, an deren Ende zwei Menschen auf tragische Weise sterben – dass dies so sein wird, erfährt man zumindest zum Teil gleich auf den allerersten Seiten. Die Familie um die Zwillinge, die sich als ein zusammengehöriger Organismus verstehen und nicht als zwei Individuen, bekommt Besuch von der englischen Ex-Frau des Onkels Chacko, Margaret Kochamma und ihrer gemeinsamen Tochter Sophie Mol. Sie ist zwei Jahre älter als Rahel und Estha. Sophie Mol wird den Aufenthalt in Indien nicht überleben. Estha wird als Konsequenz der Geschehnisse, die ein weiteres Todesopfer fordern werden, an seinen Vater „zurückgegeben“. Dieser lebt seit der Scheidung von Ammu in Kalkutta. Estha hört nach den Ereignissen des Jahres 1969 auf, zu sprechen. 1993 kehrt er, inzwischen Anfang 30, nach Ayemenem zurück und trifft dort zum ersten Mal wieder auf Rahel, die in der Zwischenzeit in den USA verheiratet war. Rahel erinnert sich immer wieder zurück an die tragischen Ereignisse aus ihrer Kindheit, die ihr Leben und das ihres Bruders für immer verändert haben.

Wir lesen diese Ereignisse größtenteils aus ihrer Perspektive, der Perspektive eines Kindes. Die Sicht Rahels und Esthas auf die Erwachsenen, auf das, was zwischen ihnen geschieht, ist die derer, die nicht alles begreifen, was vor sich geht. Die Kinder verstehen die Erwachsenen nur zum Teil, reimen sich Rückschlüsse zusammen. Ihre Mutter, stets Ammu genannt, kam als geschiedene Frau zurück in ihr Heimatdorf und zu ihrer Familie, bekommt aber sowohl von der Gesellschaft im Großen und den Menschen im Dorf, als auch von ihrer Familie zu spüren, dass sie versagt hat und nun weniger wert ist. Als Konsequenz dieser Behandlung wird sie eine andere, verbotene Grenze überschreiten. Rahel und Estha lieben die Mutter mit kindlicher und ängstlicher Leidenschaft: Stets befürchten sie, Ammu könnte sie weniger lieben, wenn sie ihren strengen Ansprüchen nicht genügen.

Es gibt noch weitere Figuren in Roys Roman, deren Vergangenheit in verschiedenen Kapiteln beleuchtet wird. So setzt sich das ganze Panorama der Geschichte nach und nach zusammen, bis am Ende alle Teile ineinander passen. Nie verliert die Autorin die Kontrolle über ihre Geschichte, die sie wunderbar lebendig und detailreich erzählt. Ihre Sprache habe ich dabei als etwas ganz Besonderes und Einmaliges empfunden. Sie ist oft sehr klar und direkt, wird dann wieder sehr metaphorisch und blumig, niemals wird sie kitschig, niemals unpassend. Arundhati Roy zeigt schon in ihrem ersten Roman eine ganz eigene und eigensinnige Erzählstimme.

Es sind viele Themen, die in „Der Gott der kleinen Dinge“ untergebracht werden, auch dies immer sehr organisch und meisterhaft miteinander verwoben. Die Geschichte spielt im südwestlichen Bundesstaat Kerala, und die Familie um Rahel und Estha gehört nicht dem hinduistischen Glauben, sondern der christlich-orthodoxen Religion an. Der Anteil von Christen und Muslimen liegt in Kerala im gesamtindischen Vergleich stark über dem Durchschnitt, obwohl auch hier die meisten Menschen Hindus sind. Auch für die Christen im Roman im Jahr 1969 ist das Kastensystem aber existent und legt die Regeln fest, wer mit wem auf welche Weise verkehren darf. Sie sind zwar zahlenmäßig in der Minderheit, trotzdem sind sie als oftmals besser gestellte und finanziell abgesicherte Großgrundbesitzer die Arbeitgeber der Hindus und Muslime.

Es geht also um die Gesellschaft und die Geschichte Indiens, in dem Zusammenhang auch um die Stellung der Frau und um Ausbeutung. Missbrauch an Kindern kommt ebenfalls zur Sprache, als Estha Opfer eines Limonadenverkäufers wird. Ein Anlass für seinen Grundsatz, der sich im Roman einige Male wiederholen wird:

„(a) Jedem kann alles passieren. (b) Am besten ist man darauf vorbereitet.“

Estha wird schmerzhaft erfahren müssen, dass es nicht möglich ist, sich auf alles vorzubereiten.

Letztendlich geht es – irgendwie muss das so sein – um eine verbotene Liebe. Aber auch hier ist kein Kitsch in Sicht.

„Der Gott der kleinen Dinge“ ist in all dem Leid und den tragischen Geschehnissen, in den fatalen Missverständnissen und den in Bruchteilen von Sekunden gefällten falschen Entscheidungen zwar auch oft ein trauriger Roman, dennoch ist er nicht deprimierend. Trotz allem, was den Figuren widerfährt, ist da immer auch eine Schönheit, die verhindert, dass das Buch den Leser in einen Abgrund zieht. Ein Buch, so geschickt konzipiert, dass es kaum auffällt und dabei noch dazu ein Pageturner. Auch nach zwanzig Jahren ist die Geschichte die Lektüre allemal wert. Die Latte für den neuen Roman liegt hoch, aber ich bin zuversichtlich, dass Arundhati Roy den Erwartungen gerecht werden kann.

Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge, btb Taschenbuchverlag, 2010, deutsche Erstveröffentlichung 1999, 567 Seiten, 11 Euro

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16 Antworten zu Verfall einer Familie – Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

  1. marinabuettner schreibt:

    Das ist eine gute Idee, das Buch noch einmal zu lesen. Ich habe es damals geliebt! Freue mich auch sehr auf den neuen Roman.
    Gerade habe ich auch ein sehr tolles Buch einer Inderin gelesen, die auch politisch und feministisch aktiv ist. Sie heißt Meena Kandasamy und steht auch auf der Liste der Nominierungen für den Liberaturpreis. Meine Besprechung dazu kommt in Kürze …
    Viele Grüße!

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  2. thursdaynext schreibt:

    Die von dir erwähnte Schönheit ist mir auch noch sehr gut in Erinnerung. Ein Genuß vor vielen Jahren.

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    • letteratura schreibt:

      Ich habe mich auch gefreut, dass der Roman mir beim zweiten Mal noch genauso gut gefallen hat wie damals – obwohl ich mich an die Handlung so gut wie gar nicht erinnert habe. Es ist wirklich ein wunderbares Buch.

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  3. Bri schreibt:

    Gute Idee, mit dem erneut lesen. Zwanzig Jahre schon? Krass … so lange kommt mir das gar nicht vor. Danke fürs Erinnern! LG, Bri

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    • letteratura schreibt:

      Ich finde, man müsste das öfter machen… Man ist immer so auf Neuerscheinungen fixiert, vielleicht sollte man (ich) da genauer aussuchen und sich mal wieder Büchern widmen, die einem früher etwas gegeben haben… Oder eben auch mal wieder Klassiker lesen. Ich habe im Herbstprogramm wirklich einige sehr interessante Bücher gefunden, aber trotzdem gibt es so viel Älteres, das ich endlich einmal oder eben erneut lesen möchte. Viele Grüße!

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      • thursdaynext schreibt:

        Geht mir auch so, wobei ich dann immer gegen die Furcht etwas zu verpassen ankämpfen muss. Dabei dachte die die hätt ich schon seit etlichen Jahren überwunden. Meist ist wiederlesen ein Genuß, weil man ja sehr gezielt vorgeht.

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      • letteratura schreibt:

        Wir müssen uns öfter daran erinnern 🙂

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      • Bri schreibt:

        Ja, ab und an mache ich das – Bücher lesen, die ich früher gerne gemocht habe. Manchmal auch eben, wenn es eine Neuübersetzung gibt. Das ist immer spannend. Aber ich glaube, wir wählen ja schon mit Bedacht aus … und trotzdem reizt das Neue 😉 LG und noch einen schönen Abend, Bri

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      • letteratura schreibt:

        Spannend ist es vor allem, zu sehen, wie man manches anders liest in einem anderen Lebensalter. So ging es mir mit den Buddenbrooks. Viele Grüße zurück!

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      • Bri schreibt:

        Ja, auch das – aber auch die Veränderung durch eine Neuübersetzung lässt mich immer wieder staunen. Den Gatsby liebe ich, weißt Du ja, aber die Neuübersetzung ist noch besser, als die, die ich schon zigmal gelesen habe 😉 Aber klar, die Bücher, die ich als Teenie schon gerne mochte, aber wohl nicht hundertprozentig verstehen konnte, die geben mir heute noch viel mehr. Meistens zumindest. 😉

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  4. Marion schreibt:

    Ich freue mich sehr auf ihr neues Buch. „Der Gott der kleinen Dinge“ habe ich vor mindestens zehn Jahren gelesen und bin nach wie vor sehr beeindruckt davon. Völlig großartig!

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    • letteratura schreibt:

      Wie schön, dass sich hier heute so viele Anhänger des Romans tummeln 🙂 Ja, er ist wirklich großartig, ich hoffe sehr, dass das neue Buch an den Gott der kleinen Dinge heranreichen wird.

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  5. Vielen Dank für den Hinweis auf ein neues Buch. Ich habe Der Gott der kleinen Dinge so gerne gelesen. Ich weiß noch, dass mich die Sprache und die Geschichte wirklich begeistert haben. 🙂

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    • letteratura schreibt:

      Ich bin sehr gespannt, ich denke, die Autorin muss wirklich hohen Erwartungen gerecht werden, aber wieso sollte der neue Roman nicht genauso wunderbar werden? 🙂

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  6. literaturreich schreibt:

    Da haben wir doch schon die erste Übereinstimmung! Ich freue mich auch ungemein auf das neue Buch! Viele Grüße!

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