Geld macht nicht glücklich – Naja Marie Aidt: Schere, Stein, Papier

Als Jacques stirbt, haben Thomas und seine Schwester Jenny schon länger keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater. Vor allem Thomas ist eher erleichtert, sind die Erinnerungen an seine Kindheit doch mehr schlecht als alles andere. Er und Jenny wurden vom Vater grausam behandelt, die Mutter verließ Mann und Kinder. Jacques war ein Krimineller und starb schließlich im Gefängnis, als er gerade auf seinen nächsten Prozess wartete. Auf der Trauerfeier erfährt Thomas von einem der Gefängniswärter, dass Jacques dieses Mal wohl für länger hinter Gitter gekommen wäre, da sein Vergehen offenbar so gravierend war, dass es keine kurze Strafe zuließ. Was der Vater getan hatte, darf der Wärter Thomas nicht mitteilen. Ebenfalls auf der Trauerfeier trifft er einige alte Freunde seines Vaters, die er lang nicht gesehen hat bzw. die er gar nicht kennt, zum Beispiel dessen langjährigen Freund Frank und den noch recht jungen Luke, für den Jacques so etwas wie eine Vaterfigur zu sein schien, was Thomas sehr verblüfft.

Eigentlich will Thomas seinen Vater und alles was mit ihm und seinem Tod zusammenhängt, schnell hinter sich lassen und sein Leben weiterleben. Er wohnt mit seiner Freundin Patricia zusammen, allerdings ist die Beziehung schwierig, auch deshalb, weil sie sich ein Kind wünscht, er aber nicht. Mit seinem Freund Maloney führt Thomas einen Papierwarenladen. Das Einzige, was Thomas aus Jacques’ Wohnung mitnimmt, ist ein alter Toaster, den seine Schwester Jenny unbedingt haben will – Thomas hält sie für übertrieben sentimental und ist oft genervt von ihren dramatischen Auftritten und den vielen Tränen, die sie seiner Meinung nach gern vergießt. Der Toaster allerdings hat es in sich: In ihm ist eine große Menge Geld versteckt – vermutlich stammt es aus Jacques’ letztem Coup. Thomas beschließt, das Geld an sich zu nehmen und eine weitere Filiale des Papierladens zu eröffnen. Er erzählt niemandem, wovon er dies bezahlen will und woher er plötzlich so viel Geld hat.

Die dänische Autorin Naja Marie Aidt erzählt in ihrem soeben bei Luchterhand erschienenen Roman „Schere, Stein, Papier“ von Thomas’ Leben nach dem Tod des Vaters. Natürlich kann es nicht funktionieren, das Geld einfach an sich zu nehmen und zu erwarten, dass niemand Anspruch darauf erheben wird. Und so passieren immer mehr seltsame, beängstigende Dinge: Jemand scheint ihm ganz offenbar zu drohen.

Es gibt vor allem zwei Gründe, warum mir Aidts Roman nicht gefallen hat und ich seine Lektüre leider nicht empfehlen kann: Das ist zum einen die Vorhersehbarkeit der ganzen Geschichte. Spätestens nach einem Drittel des Romans ist es offensichtlich, was genau hinter den Vorkommnissen in Thomas’ Leben steckt und wie die Geschichte mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgehen wird. Und auch, wenn einige Details überraschend waren und die eine oder andere Wendung dann doch etwas anders ausfiel, war im Großen und Ganzen tatsächlich alles so, wie erwartet. Die Andeutungen der Autorin sind einfach zu offensichtlich, falsche Fährten gibt es nicht.

Das wäre zu verzeihen, wenn die Geschichte auf anderer Ebene punkten würde, wie zum Beispiel einer glaubwürdigen Entwicklung der Hauptfigur, aber gerade in dieser Figur liegt der zweite Punkt, der mich an „Schere, Stein, Papier“ gestört hat: Wieso zeichnet Aidt diesen Mann so eindimensional? So negativ und unsympathisch? Thomas ist oft schlecht gelaunt, redet nicht mit seinem Freund Maloney oder seiner Freundin über das Geld oder die Dinge, die ihm zustoßen und die möglichen Zusammenhänge. Das ist wie in einer bestimmten Art von Film, in denen die Hauptfiguren einfach nicht miteinander reden und man als Zuschauer weiß, dass so nur Zeit geschunden werden soll. Thomas macht ständig zu und merkt nicht, dass er seine Freundin damit von sich wegstößt. Er jammert oft und tut sich selbst leid und fühlt sich ausgeschlossen. Er ist verbittert. Meine Frustrationsgrenze bei jammernden Protagonisten ist eigentlich sehr hoch. Ich kann oft gerade viel mit Figuren anfangen, die auch um sich selbst kreisen, sich analysieren, die ihr Inneres für den Leser nach außen kehren. Und ich mag ambivalente Protagonisten, niemand hat schließlich nur gute Seiten. Ich mag Abgründe. Aber dieser Thomas ging mir irgendwann nur noch auf die Nerven. Seiner Freundin übrigens auch. Und seine Einstellung zum Sex muss man noch dazu ernsthaft hinterfragen. Generell fügt sich das Thema Sexualität alles andere als stimmig in den Roman.

Nun gut. Vielleicht ist Thomas das Produkt seiner Kindheit. Dieses Vaters, der ihn so schlecht behandelt hat. Natürlich ist es in dem Zusammenhang auch nur logisch, dass er selbst keine Kinder haben möchte. Sowieso sind Väter in Aidts Roman eigentlich generell abwesend (zum Beispiel hat Thomas’ Tante mit ihrer Partnerin Zwillinge durch eine Samenspende bekommen – auch hier also keine Vaterfigur in Sicht). Das Vatersein an sich scheint durchweg negativ besetzt, wenn man einmal von dem angeblich väterlichen Verhältnis Jacques’ zu dem jungen Luke ausgeht, allerdings ist dies ja auch eine Beziehung, an die Thomas so nicht glauben will. Das ist sicher alles kein Zufall und verfolgt ein Ziel, kann den Roman aber letztlich nicht retten.

Naja Marie Aidt: Schere, Stein, Papier, Luchterhand Verlag, 2017, 448 Seiten, 22 Euro

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