Unterdrückte Liebe – Margaret Mazzantini: Herrlichkeit

„Splendore“, so der Originaltitel des vorliegenden Romans von Margaret Mazzantini, lässt sich wie hier geschehen übersetzen mit „Herrlichkeit“, ebenso mit Glanz, Pracht oder Strahlen. Starke Worte, die ebenso starke Bilder schaffen, Bilder, die sich zunächst nicht so einfach mit der Geschichte, die ich gelesen habe, in Einklang bringen lassen.

Es ist die Geschichte von Guido, die dieser selbst erzählt, aus der Perspektive des Erwachsenen, der an der Schwelle zum Alter steht, als er sein Leben Revue passieren lässt. Und es ist die Geschichte von Costantinos und Guidos verbotenen Liebe zueinander. Beide wachsen in Rom irgendwann mitten im 20. Jahrhundert auf. Sie leben im gleichen Haus, Costantino ist der Sohn des Portiers, Guido lebt mit seiner exzentrischen Mutter und dem dagegen eher beständigen Vater in einem der oberen Stockwerke. Er ist ein einsamer Junge, aber um Geld muss er sich keine Sorgen machen. Guido und Costantino gehen in die gleiche Klasse, werden so etwas wie Freunde, entdecken aber mit der Zeit noch andere Gefühle füreinander, Gefühle, die sie nicht wahrhaben wollen und die gesellschaftlich alles andere als akzeptiert sind. Sie versuchen, ihre Homosexualität zu unterdrücken und das Leben zu führen, das von ihnen erwartet wird.

So trennen sich die Wege der beiden. Guido geht nach London und wird Dozent an einer Kunsthochschule, Costantino heiratet und eröffnet ein Fischrestaurant. Doch sie begegnen sich immer wieder und können einander niemals ganz loslassen. Die Frage, die ich mir beim Lesen immer wieder gestellt habe, ist daher naheliegend die, ob es für die beiden ein Happy End geben kann.

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg und eine lange, sehr lebendig erzählte Geschichte, die Mazzantini in „Herrlichkeit“ schreibt. Ich begleitete vor allem Guido durch weite Teile seines Lebens und kam ihm durch die Ich-Perspektive, in der der Roman geschrieben ist, sehr nah. Dabei wird deutlich in „Herrlichkeit“, und gerade in den früheren Kapiteln, die sich mit der Jugend Guidos und Costantinos beschäftigen, wie ähnlich die beginnende Liebesgeschichte zwischen den beiden Jungen denen zwischen heterosexuellen Partnern auf der einen Seite ist und wie sie sich von ihnen auf der anderen Seite eben doch unterscheidet. Die Unsicherheit gegenüber dem anderen ist hier ungleich größer. Das Gefühl, anders, unnormal zu sein, ist stark. Und im Verlauf der Geschichte zeigt sich (leider nicht unrealistisch), dass Homosexualität selbst im Europa des 21. Jahrhunderts noch lange nicht von jedem akzeptiert wird.

Dabei nimmt dieser Erzähler kein Blatt vor den Mund, auch, was seine Sexualität angeht. Und während ich zu Anfang noch nicht recht wusste, ob mir Mazzantinis Erzählweise gefällt und ob mir ihre Bilder und Metaphern nicht an manchen Stellen zu kitschig sind, war ich irgendwann so gefesselt von der Geschichte, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu lesen.

Dabei ist „Herrlichkeit“ eines dieser Bücher, bei denen ich nicht genau weiß, warum ich sie lieber gelesen habe als andere, mit einem ähnlichen Thema, Setting –  Geschichten, die aus der Perspektive des Alten, der auf sein fast gelebtes Leben zurückblickt, gibt es in Hülle und Fülle. Und natürlich gibt es dabei fast immer (in Varianten) die guten und die schlechten Zeiten, die Lügen, die Sehnsüchte, die Versuche, Dinge richtig zu machen und die Einsichten, Fehler gemacht zu haben. Es gibt die Erkenntnisse, die sich irgendwo zwischen Kalenderspruch und Lebensweisheit bewegen. All das gibt es auch hier. Und vieles davon ist nicht neu, aber es passt. Mazzantinis Geschichte ist so gut konzipiert, Handlung und Reflektion fließen organisch ineinander. Guido hat seine Fehler und weiß um sie, er mag ein Feigling sein, doch seine Ambivalenz ist stets nachvollziehbar.

Ich bin eine ausgesprochene Stimmungsleserin, ich mag es sehr, wenn Autoren es schaffen, in ihren Romanen eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Margaret Mazzantini ist genau das gelungen. Ihre Sprache ist meist leicht und eher einfach. Ihre Figuren werden sehr lebendig, die Welt, die sie schafft, scheint einem wie die wahre Welt. „Herrlichkeit“ war für mich ein sehr lebendiges, ein unterhaltsames, teilweise sehr fesselndes, manchmal melancholisches Buch, in dem ich für eine Weile sehr gern versunken bin. Und der Glanz, die Pracht und das Strahlen, all dies, was der Romantitel verspricht, lässt sich dann eben doch finden, wenn man nur ein bisschen genauer hinsieht.

Margaret Mazzantini: Herrlichkeit, Dumont Verlag, 2015, 400 Seiten, 22,99, als Taschenbuch: Dumont Taschenbuch Verlag, 2016, 398 Seiten, 10,99 Euro

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