Unvernünftige Welt – Salman Rushdie: Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte

Die Welt gerät aus den Fugen. Nicht gleich wird den Menschen klar, was eigentlich los ist. Völlig Ungewöhnliches geschieht, doch welche Ausmaße die Unruhe haben wird, die sich ausbreitet, das ahnt erstmal niemand. Der Gärtner Mr. Geronimo schwebt plötzlich ein paar Zentimeter über der Erde und es gelingt ihm nicht, wieder Bodenhaftung zu bekommen. Also muss er eine Krankheit haben, so beschließt sein Umfeld, und man meidet ihn fortan. Ein Baby, das im Büro der Bürgermeisterin ausgesetzt wird, hat die merkwürdige Fähigkeit, jeden korrupten Menschen entlarven zu können, der ihm zu nahe kommt. Und ein junger Graphic-Novel-Autor hat nachts eine surreale Begegnung mit einer Kreatur, die er selbst zumindest so ähnlich erschaffen hat.

All dies passiert, so lesen wir, weil die Schlitze zwischen den Welten sich geöffnet und die Dschinn den Weg zu den Menschen gefunden haben – nur, dass es unter ihnen einige gibt, die nichts Gutes im Schilde führen. Doch eine weibliche Dschinn, die Dschinnya Dunia, entschließt sich, den Kampf gegen die bösen Dschinn aufzunehmen. Sie möchte den Menschen, denen all diese Merkwürdigkeiten widerfahren, helfen, denn es gibt eine Verbindung zwischen ihnen und ihr: Sie sind ihre Nachfahren. Vor ein paar Hundert Jahren hatte sich Dunia in einen Menschen verliebt und viele Nachkommen mit ihm gezeugt. Diejenigen, die von ihr abstammen, zeichnen sich allesamt durch ihre angewachsenen Ohrläppchen aus – und dadurch, dass auch sie eine übermenschliche Dschinnseite haben, von der sie aber bisher noch nichts wussten. Die Lage wird immer bedrohlicher und am Ende steht die alte Frage, wer siegen wird: Das Gute oder das Böse.

„Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“, der zuletzt erschienene Roman des indisch-britischen Schriftstellers Salman Rushdie, entwirft ein phantastisches Szenario. Das Buch war dasjenige, das auf seine Autobiographie „Joseph Anton“ folgte. Man glaubt zu spüren, wie sehr der Autor es genossen haben muss, nach dem Aufarbeiten vieler schwerer Jahre und nachdem er in „Joseph Anton“ teils hart mit sich selbst ins Gericht gegangen ist, etwas komplett anderes zu schreiben. Etwas, das ganz im Gegenteil zum Vorgänger nicht der Wahrheit verpflichtet ist. „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ scheint der Roman zu sein, in dem Rushdie sich mal so richtig ausgetobt hat.

Das zeigt sich nicht nur daran, dass seine Geschichte eine komplett phantastische ist, eine, die sich ganz klar an die Geschichten aus 1001 Nacht anlehnt (was genau der Zeitangabe aus dem Buchtitel entspricht), sondern auch in seiner Art, diese Geschichte zu erzählen. Seine Figuren stattet er mit skurrilen Eigenschaften aus und sie reden teilweise so, wie es ihnen gerade einfällt, das heißt auch mal sehr plötzlich flapsig, umgangssprachlich, ordinär, so dass immer wieder kleine stilistische Brüche zu finden sind in Rushdies präziser Sprache. Die Welt, die er schafft, ist eine Fundgrube an sprühenden Ideen: Die Regeln, die hier herrschen, gehorchen niemandem als ihrem geistigen Schöpfer, der seiner Phantasie freien Lauf gelassen hat. Einerseits geht es so manchmal Knall auf Fall, überschlägt sich die Geschichte in ihren Skurrilitäten, andererseits kommen manche Entwicklungen aber auch ein wenig unvermittelt, so als seien sie dem Erzähler des Romans gerade erst eingefallen (was sicher nicht so ist). Dadurch wird die Geschichte in der zweiten Hälfte denn auch etwas wirr und sprunghaft. Auch sind die oft impulsiv handelnden Charaktere nicht mit mehrdimensionalen Persönlichkeiten ausgestattet, allerdings ist das bei der Art von Rushdies Geschichte auch nicht zu erwarten: Es geht hier nicht um psychologische Figurenentwicklung.

Auch wenn Rushdie sich in „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ alle Freiheiten nimmt und ein skurriles Märchen erzählt, so heißt das natürlich nicht, dass seine Geschichte nichts mit den Fragen unserer Zeit zu tun hat. Der Kampf der Dschinn in seinem Roman ist der zwischen Vernunft und Religion. Immer wieder wird gefragt, ob Gott eigentlich noch nötig ist – oder ebenso, wie sehr die Menschen eigentlich verschiedenen Göttern bzw. Götzen anhängen. Wurde Gott nicht längst durch moderne Technologien abgelöst, die wir stattdessen „anbeten“? Sind wir wirklich vernünftig? So gefragt, dürften berechtigte Zweifel aufkommen.

„Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ dürfte ein eher untypischer Rushdie sein, obwohl natürlich immer schon Unwahrscheinliches und Phantastisches in seine Bücher Einzug erhalten hat. Gewohnt gut geschrieben, wurde es mir in der zweiten Hälfte des Romans teils ein wenig zu wirr, hatte ich das Gefühl, die Pferde seien ein wenig mit dem Autor durchgegangen. Trotzdem: Der Roman sprüht vor Einfallsreichtum und Witz. Bereits für den Herbst ist im Bertelsmann Verlag Rusdhies neuer Roman „Golden House“ angekündigt, und diesmal sind seine Hauptfiguren dann wohl wieder ganz menschlich.

Eine schöne Besprechung findet sich auch bei Binge Reader.

Salman Rushdie: Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte, C. Bertelsmann Verlag, 2015, 384 Seiten, 19,99 Euro, als Taschenbuch: Penguin Verlag, 2017, 384 Seiten, 10 Euro

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6 Antworten zu Unvernünftige Welt – Salman Rushdie: Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte

  1. dj7o9 schreibt:

    Der Roman hat mir auch sehr gefallen, hat gerade großen Spaß gemacht noch einmal drüber zu lesen 🙂
    Falls Du schauen magst – so ging es mir:
    https://bingereader.org/2015/11/23/zwei-jahre-acht-monate-und-achtunzwanzig-naechte-salman-rushdie/

    Gefällt 2 Personen

  2. thursdaynext schreibt:

    Verflixt, so lockend beschreibst du diesen Roman, dass es mir wieder wirklich leidtut ihn weggelegt zu haben. Rushdie ist einfach nicht mein Autor. Der Plot fasziniert, nur sprachlich werde ich mit ihm wohl nicht mehr warm.
    Eine schöne Woche für dich

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Ach, wieso, es muss Dir doch nicht leidtun, wenn er nicht Dein Autor ist. Ich hätte den Roman vermutlich von einem anderen Autor nicht gelesen, aber so ist das eben mit den Präferenzen… 🙂

      Gefällt 2 Personen

      • thursdaynext schreibt:

        Das ist es ja, es wäre mein Thema, von anderen Autoren gernestens *G* nur mit seinem Stil werde ich einfach nicht warm.

        Gefällt mir

  3. Pingback: Vom Scheitern des Menschen – Salman Rushdie: Golden House | letteratura

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