Es bleiben immer Leerstellen – Zia Haider Rahman: Soweit wir wissen

Sie haben sich sehr lange nicht gesehen, als Zafar eines Tages plötzlich und unangemeldet vor der Tür seines alten Freundes steht. Sowohl Zafar, als auch der Banker, der diese Geschichte erzählt, stammen aus dem südasiatischen Raum, sie sind geboren in Bangladesch und Pakistan. Und auch wenn der Erzähler Zafar im ersten Moment nicht erkennt, wie er sagt, so wird sich herausstellen, dass sie enge Freunde waren, so dass dieses Nichterkennen ein wenig unrealistisch erscheint, für den Roman ist es allerdings nicht weiter wichtig. Zafar war lange Zeit verschwunden, während der Erzähler ein erfolgreiches Leben in finanzieller Sicherheit gelebt hat, ein Leben, das sich in letzter Zeit allerdings zum Negativen entwickelt hat: Die Bankenkrise ist im Jahr 2008 auch in London angekommen und die Beziehung zu seiner Frau Meena steht auf der Kippe.

In Zia Haider Rahmans Debütroman „Soweit wir wissen“ haben die beiden Freunde viel Zeit, um die vergangenen Jahre Revue passieren zu lassen, wobei es dabei größtenteils um das Leben Zafars geht. Der Erzähler wird zum Chronisten des alten Freundes, der ihm aus seiner Vergangenheit erzählt, sowohl aus seiner Kindheit, von der der andere bisher wenig wusste, als auch von den letzten Jahren, in denen der Kontakt zwischen den beiden abgebrochen war. Früh wird deutlich, dass Zafar einiges durchgemacht hat, auch wenn die Fragmente, die er preisgibt, sich nur nach und nach zu einem deutlicheren Bild zusammensetzen.

Rahmans Roman umfasst ziemlich genau 700 Seiten. 700 Seiten mit den Lebensgeschichten dieser beiden Männer, die in großer Detailtreue geschildert werden, wobei bewusst Schwerpunkte gesetzt werden und anderes ausgespart wird. Durch die Geschichten der beiden Männer kann man als Leser immer wieder auch etwas dazulernen, über Mathematik etwa, die die Freunde begeistert und fasziniert, über das Bankenwesen, aber auch über Pakistan, Indien und Bangladesch und die Geschichte dieser Länder. Teilweise sind es viele Informationen auf engsten Raum, mit denen man als Leser konfrontiert wird, bevor sich die Handlung dann wieder Freundschaft oder Liebesdingen zuwendet.

Durch die vielen Abbiegungen und Abschweifungen, die der Autor in seinem Roman geht, durch die Sprünge vor und zurück, fehlt beim lesen aber auch lang das Gefühl dafür, wohin einen diese Geschichte eigentlich führen will, welche Geschichte es ist, die Rahman hier erzählt, wo sein Schwerpunkt ist. Was ist die Quintessenz der Beziehung dieser beiden Männer, die offenbar beide (wenn auch auf unterschiedliche Weise) gescheitert sind? Man muss Rahman auf seinen Pfaden folgen und darauf vertrauen, dass er den roten Faden nicht verlieren wird – was er auch nicht tun wird. Trotzdem sind einige kleine Längen nicht von der Hand zu weisen.

Rahmans Protagonisten sind nicht nur intelligent, sie schauen auch bei sich und beim anderen genau hin, sie durchschauen sich recht gut und geben dadurch auch für den Leser stets eine schlüssige Charakterisierung ihrer selbst und des jeweils anderen ab. Es wird sehr viel analysiert in diesem Roman, Kleinigkeiten abgeklopft, das Verhalten und die Wortwahl anderer genauestens überprüft, Unterschiede in Nuancen aufgespürt. Das ist meist sehr interessant zu lesen und zu beobachten, und das ist klug, nur manchmal so verkopft und auf die Spitze getrieben, dass es dann doch zu viel wird und übertrieben wirkt.

Alles in allem ist „Soweit wir wissen“ ein Roman über die Geschichte eines Mannes, der einerseits eine Beichte ablegt und andererseits verstehen will. Warum sind ihm die Dinge widerfahren, von denen er erzählt, welche Rolle hat er in ihnen gespielt? Es ist ein Roman gespickt mit Wissen und auch einer über das Aufeinandertreffen verschiedener Welten. Wobei die Frage aufgeworfen wird, ob nicht weniger die Herkunft eines Menschen entscheidend ist als vielmehr das Milieu, aus dem er stammt. Wir lesen eine Geschichte über politische Fragen, und auch über die veränderte Welt nach dem 11. September. Über die Versuche, in dieser Welt anzukommen, sich ein Leben aufzubauen, mit allem, was dazugehört – auch oder gerade dann, wenn man aus einem anderen Teil der Erde gekommen ist. Spielt das eine Rolle? Wie könnte es keine spielen?

Immer wieder geht es dabei einerseits um das große Ganze und andererseits um das Zwischenmenschliche, reduziert auf zwei Personen, ob nun in einer Liebesbeziehung – natürlich hat Zafar von einer solchen und ihren Schwierigkeiten zu berichten – oder zwischen den Freunden. Rahman beherrscht die Kunst, die Ebenen miteinander zu verflechten. Wir schauen ganz genau hin, zusammen mit den Protagonisten. Und dringen dann doch nicht bis auf das Kleinste, bis auf den Kern, denn nie können wir alles wissen, irgendwo bleiben wir außen vor, im Dunkeln, abgeschnitten, geht es bis hier hin und nicht weiter. Soweit wir wissen.

Zia Haider Rahman: Soweit wir wissen, Piper Verlag, 2017, 704 Seiten, 25 Euro

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