Justizskandal – Julian Barnes: Arthur und George

Während in den Feuilletons Blogs gerade Julian Barnes‘ Schostakowitsch-Roman „Der Lärm der Zeit“ besprochen und zumeist gelobt wird, habe ich mich einem älteren Werk des englischen Schriftstellers gewidmet: seines im Jahr 2005 erstmals veröffentlichten recht umfangreichen Romans „Arthur & George“, der sich auf ungewöhnliche Weise mit dem weltberühmten Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle befasst.

Dabei ist Doyle hier nur einer von zwei Protagonisten, und er ist keinesfalls der wichtigere von beiden, ist es doch das, was seinem Gegenpart, dem Rechtsanwalt George Edalji, widerfährt, was die hier erzählte Geschichte überhaupt möglich macht. Edalji, ein aus kleinen Verhältnissen stammender Sohn eines Dorfpfarrers indischer Herkunft, wird beschuldigt, auf bestialische Weise einige Pferde gequält und ausgeweidet zu haben, und er wird für dieses Verbrechen verurteilt, obwohl die Beweise keineswegs ausreichen. Als Arthur von dem Skandal erfährt, beschließt er, George zu helfen und dessen Ehre wiederherzustellen – George darf als verurteilter Straftäter nicht mehr in seinem Beruf als Solicitor arbeiten.

Barnes nimmt sich viel Zeit für seine Geschichte und für die Biographien seiner beiden Helden. In meist alternierenden Kapiteln erzählt er von der Kindheit Arthurs und Georges und macht deutlich, aus welch unterschiedlichen Welten sie stammen. Georges „fremdländisches“ Aussehen, das ihm durch den Vater mitgegeben wurde, macht ihn von klein auf immer ein wenig zum Außenseiter. Dieser Vater, der Dorfpfarrer, legt Wert auf die Einhaltung von Regeln und ein gottesfürchtiges Leben. Arthur dagegen gehört einer höheren Schicht an, wird früh recht erfolgreich und später als Schöpfer des wohl bekanntesten Detektivs der Literaturgeschichte weltberühmt. Diese beiden haben also wenig gemeinsam. Barnes gelingt es nicht nur gut, diese Unterschiede zu verdeutlichen, sondern auch allgemein ein facettenreiches Bild der Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu schaffen. In einer lebendigen Sprache schildert er, wie es zu dem Justizskandal kommen konnte, der von einem unverhohlenen Rassismus George gegenüber zeugt. Eines Mannes, der auf seine Mitmenschen außerdem durch seine große Zurückhaltung und sein Einzelgängertum suspekt wirkt.

Leider ist Barnes der Roman aber für meinen Geschmack viel zu lang geraten. Barnes hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich nicht nur auf den Kriminalfall um Edalji zu konzentrieren, sondern außerdem eine Charakterstudie vor allem Doyles zu schaffen, eine Biografie des großen Schriftstellers, und ebenso George Edalji so gut wie möglich zum Leben zu erwecken. Nicht nur beschäftigt er sich dabei sehr ausführlich mit der Kindheit und Jugend seiner Helden, sodass die Vorgeschichte zum eigentlichen Kern des Romans sehr viel Platz einnimmt, außerdem verweilt er auch später oft sehr lang an Nebenschauplätzen, wiederholt sich, wenn es zum Beispiel um Doyles schwierige private Situation geht, als er sich, obwohl verheiratet, neu und intensiv verliebt. So empfand ich die Lektüre seiner eigentlich sehr lesenswerten und gut erzählten Geschichte leider oft als ermüdend.

Barnes hat sich mit „Arthur & George“ einer wahren Begebenheit gewidmet, zu der es auch eine britische Miniserie (2015) gab, die ich aber nicht gesehen habe und daher nicht beurteilen kann.

Julian Barnes: Arthur & George, btb Taschenbuch Verglag, 2008, 528 Seiten, 10 Euro

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4 Antworten zu Justizskandal – Julian Barnes: Arthur und George

  1. Bri schreibt:

    Ja, witzig – ich habe den auch gerade auf dem Stapel nach oben gelegt … aber in der Neuausgabe 😉 Bin gespannt, ob es mir auch so gehen wird, wie Dir. Ich mag es ja manchal etwas geschwätzig … aber vielleicht nervt es mich in dem Fall auch. LG, Bri

    Gefällt 1 Person

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