Lebensfragen – Rachel Cusk: Transit

Zu Beginn bekommt Faye, eine Autorin, eine Email, vermeintlich von einer Astrologin. Man prophezeit Faye, dass sie sich in einer Übergangsphase befinde und sich in ihrem Leben viele Dinge ändern werden. Faye ist gerade nach der Trennung von ihrem Mann mit ihren Söhnen vom Land zurück nach London gezogen, aus einem Impuls heraus hat sie ein Haus gekauft, in dem noch viele Arbeiten zu erledigen sind. So lebt sie wie auf einer Baustelle. Ihre unmittelbaren Nachbarn scheinen aus unerfindlichen Gründen beschlossen haben, sie zu hassen und zu verabscheuen, es will Faye nicht gelingen, die Wogen zu glätten und zu einem besseren Verhältnis zu finden.

Dieser kurze inhaltliche Abriss zu Rachel Cusks Roman „Transit“ beschreibt zwar die Situation der Protagonistin, vermittelt aber wohl trotzdem einen falschen Eindruck von diesem Roman, der nach dem im letzten Jahr erschienenen Roman „Outline“ den zweiten Teil einer Trilogie darstellt, einer „weiblichen Odyssee im 21. Jahrhundert“, wie es im Buchumschlag heißt. Wobei „Transit“ als Titel natürlich ganz wunderbar auf Fayes derzeitiges Leben passt – glaubt man der astrologischen Vorhersage, doch es bestätigt sich, dass Faye sich wohl wirklich in einer Übergangsphase befindet.

Dabei bin ich durchaus froh, dass der Roman das Thema der Astrologie, die in Form einer unerwünschten Email in Fayes Leben kommt, schnell beiseite lässt: Wenn kluge, im Leben stehende Frauen sich aus heiterem Himmel Sternen und Horoskopen zuwenden, erscheint das immer erst einmal ein wenig unglaubwürdig. Auf der anderen Seite steht aber Fayes Leben und momentane Situation oftmals gar nicht im Fokus, da fast jedes Kapitel eine Begegnung mit einem jeweils anderen Menschen beschreibt, wobei es dann auch fast ausschließlich um dessen Geschichte geht. So trifft sie den Mann, den sie einst für ihren jetzigen Exmann verlassen hat und erfährt von dem Leben, das er inzwischen führt. Sie lässt sich zum ersten Mal die ergrauenden Haare färben und spricht dabei über Persönliches mit ihrem Friseur. Eine Studentin, deren Mentorin sie sein soll, schildert ihre Probleme. Und auch von den finanziellen Sorgen eines der Handwerker, die ihre Wohnung auf Vordermann bringen, erfährt sie bei einem dieser Gespräche. All diese Personen berichten ihr auffällig bereitwillig Persönliches – es gibt keine Anlaufschwierigkeiten, allem Anschein nach keine oder kaum Tabus, was daran liegt, dass Faye eine sehr gute Zuhörerin ist. Sie selbst ist es, die auf den letzten Seiten des Romans zu einem ihrer Gesprächspartner sagt, dass sie beim Zuhören mehr dazugelernt habe, als sie je für möglich gehalten hätte.

Wie im ersten Roman der Trilogie ist es auch hier so, dass die Hauptfigur kaum direkt charakterisiert wird. Zwar ist sie auch gleichzeitig die Erzählerin, aber an ihren Gedanken und Gefühlen lässt sie uns kaum teilhaben. Wir lernen sie durch ihr Verhalten in den geschilderten Gesprächen kennen: Gute Zuhörer zeichnen sich dadurch aus, dass sie wie Faye kluge Fragen stellen. Es fällt aber auch auf, dass sie sich nicht zu den Problemen der anderen positioniert, keine Ratschläge erteilt, sondern bloß so etwas wie eine Hilfestellung abgibt, damit der andere selbst auf die für ihn richtige Lösung kommen kann.

Rachel Cusks „Transit“ ist ein unheimlich kurzweiliger Roman, der sich mit den Lebensentwürfen seiner Protagonisten auseinandersetzt – sie alle streben danach, die richtigen Entscheidungen zu treffen und mit den Anforderungen des modernen Lebens an sie zurechtzukommen. Mittendrin Faye, in der astrologisch vorhergesagten Übergangsphase, eine kluge und feinfühlige Protagonistin, deren Ausführungen in den Dialogen, die sie führt, zu lesen, großen Spaß macht. Jedes einzelne Kapitel zieht den Leser quasi sofort hinein in das Leben der gerade charakterisierten Figur, in seine Fragen, seine Entscheidungen. Dass ich über jede dieser Figuren gern weitergelesen hätte, dass jede ihrerseits genug Stoff für eine ganz eigene Geschichte böte, spricht für diesen Roman und für seine kluge Autorin.

Eine weitere Besprechung gibt es bei literaturleuchtet.

Rachel Cusk: Transit, Suhrkmp Verlag, 2017, 238 Seiten, 20 Euro

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4 Antworten zu Lebensfragen – Rachel Cusk: Transit

  1. marinabuettner schreibt:

    Danke fürs Linken. Ich mach das auch gleich noch. Da scheinen wir ja einen ganz ähnlichen Eindruck zu haben. Ich bin gespannt auf den dritten Band, wobei ich befürchte, dass wir den Protagonisten dieses Romans nicht wieder begegnen … nun wir werden sehen.
    Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Das denke ich auch, und das ist ja auch schlüssig. Trotzdem, wenn die Autorin sich entscheiden würde, eine dieser Geschichten auszubauen, würde ich auch das sehr gern lesen. 🙂 Viele Grüße zurück!

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  2. literaturreich schreibt:

    Ach, ich freue mich! Marina und du mögen Outline und Transit beide, und ich darf sie beide jetzt lesen. Ich bin gespannt! Viele Grüße!

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  3. Pingback: Rachel Cusk – Transit – LiteraturReich

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